Herr Diekmann, haben Sie genug von "Bild", dass Sie nun nach Amerika reisen?
Eigentlich wollte ich mich von allem lossagen und mit dem Motorrad die Route 101 entlangheizen. Irgendwie hat der Vorstand das aber falsch verstanden und nur die Idee mit Amerika aufgegriffen ... Im Ernst: Von "Bild" werde ich nie genug haben.
Werden Sie anschliessend wieder als Bild- Chefredakteur weiterarbeiten?
Ich gehe als Bild-Chefredakteur nach Kalifornien, ich bleibe in dieser Zeit Bild-Chefredakteur und komme folglich in spätestens einem Jahr als Bild-Chefredakteur zurück.
Sie gehören zu den amtsältesten Chefredakteuren der Welt. Wie haben Sie sich in elf Jahren Bild charakterlich verändert?
Das können andere besser beurteilen als ich. Ich glaube, dass man mit der Zeit die Fähigkeit entwickelt, schwierigen Situationen mit Gelassenheit zu begegnen. Eine Zeitung mit einer solchen Reichweite und einer solchen Lautstärke eckt mitunter an und damit natürlich auch der Chefredakteur. Da darf man nicht zart besaitet sein. Die wichtigste Zäsur war für mich der Umzug von Hamburg nach Berlin, weil sich in diesem Zusammenhang die gesamte Redaktion neu erfinden musste.
Inwiefern hat sich Bild unter Ihrer Ägide gewandelt?
Ein Medium entwickelt sich zuerst einmal mit den medialen Gewohnheiten der Menschen. Unsere wichtigste Veränderung war der Sprung in die digitale Welt. Mit mehr als zwölf Millionen Lesern verfügen wir über eine der höchsten Reichweiten unserer Geschichte, auch wenn wir wie fast alle Zeitungen mit Auflagenrückgängen zu kämpfen haben. Gleichzeitig ist es uns gelungen, mit Bild.de Marktführer im Internet zu werden und den Abstand zu den Verfolgern zu vergrössern. Eine solche Position muss man jeden Tag verteidigen. Entscheidend ist aber, ob sich das auch finanzieren lässt.
Konkret: Sie planen also eine Paywall?
Ich mag dieses Wort nicht. Beim Bäcker spricht auch niemand von einer "Bezahlschranke" zwischen dem Kunden und den Brötchen. Ich bin aber natürlich der Meinung, dass man für journalistische Qualität auch Geld verlangen muss. Die Kostenloskultur im Internet ist langfristig keine Basis für journalistische Angebote.
Sprechen Sie von sämtlichen Inhalten?
Wir denken momentan über verschiedene Modelle nach. Welche Informationen sollten frei zugänglich bleiben und für welche attraktiven Inhalte sind die User bereit, Geld zu bezahlen? Ich denke, ein Grossteil unserer Leser wird Verständnis für diesen Schritt haben. Gute Erfahrungen machen wir mit unseren Apps für mobile Endgeräte. Die User sind es gewohnt, bei diesen Geräten für einen Mehrwert auch eine Nutzungsgebühr zu bezahlen. Inzwischen verkaufen wir mehr als 100'000 digitale Ausgaben und sind auch in diesem Bereich Marktführer.
Ihre lautstarke Kritik an den Griechenlandkrediten hat gezeigt, dass "Bild" den Spiegel als "Seismograf der deutschen Befindlichkeit" abgelöst hat. Wie konnte dies geschehen?
Als "Seismograf der deutschen Befindlichkeit" hat die Süddeutsche Zeitung Bild einmal bezeichnet. Und richtig, die Meinungsführerschaft haben wir dem Spiegel in den letzten Jahren erfolgreich streitig gemacht. Bild ist Leitmedium geworden, das wird auch von unseren Kritikern anerkannt. So haben wir beispielsweise für unsere grosse Griechenlandserie den renommierten Herbert- Quandt-Medienpreis erhalten und für unsere Berichterstattung in der Causa Wulff den Henri-Nannen-Preis.
Mit der Kritik an der Griechenlandunterstützung haben Sie gegen die politische Korrektheit verstossen. Inwiefern spüren Sie die sogenannte "Befindlichkeit des einfachen Bürgers"?
Es gehört zur Aufgabe einer guten Boulevardzeitung, die Temperatur im Lande zu messen und nicht nur die Fakten zu benennen. Wir suchen deshalb oft nicht in erster Linie den rationalen, sondern den emotionalen Zugang zu den Themen. Dies setzt wiederum eine sensible Redaktion voraus, die bereit ist, in vielen Diskussionen Standpunkte zu erarbeiten. Obwohl wir uns in der Griechenlandfrage gegen weitere Kredite gestellt haben, hat sich Bild von Anfang an für Europa und den Euro ausgesprochen.
Mit der Kritik an der Griechenlandunterstützung haben Sie gegen die politische Korrektheit verstossen. Inwiefern spüren Sie die sogenannte "Befindlichkeit des einfachen Bürgers"?
Es gehört zur Aufgabe einer guten Boulevardzeitung, die Temperatur im Lande zu messen und nicht nur die Fakten zu benennen. Wir suchen deshalb oft nicht in erster Linie den rationalen, sondern den emotionalen Zugang zu den Themen. Dies setzt wiederum eine sensible Redaktion voraus, die bereit ist, in vielen Diskussionen Standpunkte zu erarbeiten. Obwohl wir uns in der Griechenlandfrage gegen weitere Kredite gestellt haben, hat sich Bild von Anfang an für Europa und den Euro ausgesprochen.
Wie viele Anrufe von der Regierung haben Sie wegen der Griechenlandschelte erhalten?
Natürlich gibt es immer wieder Meinungsäusserungen aus der Politik. Aussenminister Guido Westerwelle vertritt zum Beispiel einen ganz anderen Standpunkt als wir. Aber Sie kennen das aus der Schweiz: "Weltwoche"- Verleger Roger Köppel ist sicher meistens anderer Meinung als der Bundesrat.
Sie vergleichen sich mit Roger Köppel?
(Lacht.) Als Roger Köppel Chefredaktor der "Welt" war, hatten wir öfters miteinander zu tun. Ich glaube, dass er politisch radikaler ist als ich. Ich würde die EU nie infrage stellen, so wie er das tut. Seine Haltung und Standhaftigkeit gefallen mir trotzdem. Einen eigenen Standpunkt einzunehmen, kann anstrengend, aber auch sehr befriedigend sein.
Hatten Sie auch schon schlaflose Nächte nach einer Veröffentlichung?
(Überlegt.) Ja. Wir hatten aus einer zuverlässigen Quelle erfahren, dass Steffi Grafs erstes Kind ein Junge sei. Das wusste damals nicht einmal ihr Vater Peter. Wir haben unserer Quelle komplett vertraut und das auch so geschrieben. Zum Glück hat es sich am nächsten Tag bewahrheitet und das Büro von Andre Agassi hat es offiziell bestätigt.
Sprechen wir über die Schweiz. Für den Ringier-Verlag ist die "Bild"-Zeitung ein grosses Vorbild. Die Redaktion wird von ehemaligen Springer-Journalisten geführt. Wie beurteilen Sie das Produkt?
Ehrlich gesagt, beobachte ich den Blick zu wenig, um das beurteilen zu können. Karsten Witzmann und Ralph Grosse-Bley sind zwei hervorragende Kollegen, die ich nur ungern habe ziehen lassen. Ich freue mich aber, dass sie eine neue Herausforderung gefunden haben. Ich kenne auch Marc Walder seit vielen Jahren sehr gut und finde es beeindruckend, wie er den Ringier-Verlag führt.
Umgekehrt gefragt, könnte ein Ausländer auch die "Bild"-Zeitung führen?
Warum nicht? Wenn er der Sprache mächtig ist, ist das kein Problem. "Die Zeit" oder die "Welt" wurden auch einmal von Schweizern geleitet. RTL hat seinen Erfolg einem Österreicher zu verdanken.
Wer ist Ihrer Meinung nach eigentlich die interessanteste Schweizer Boulevardfigur: Roger Federer, Jörg Kachelmann, Sepp Blatter oder Josef Ackermann?
Josef Ackermann, der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bank, war über Jahre hinweg eine der faszinierendsten Persönlichkeiten in Deutschland.
Interview: Matthias Ackeret.
Das vollständige Interview mit Kai Diekmann lesen Sie in der aktuellen "persönlich"-Ausgabe.

