02.11.2011

Schweizer Medien-Award geht an Verein Öffentlichkeitsgesetz.ch

Grosse Ehre für eine junge Initiative: Am Mittwochabend wurde der Verein Öffentlichkeitsgesetz.ch mit dem 6. Medien-Award ausgezeichnet - für www.oeffentlichkeitsgesetz.ch. Welche Journalisten gehören zum Verein und was treibt sie an? Persoenlich.com hat bei einem der Initianten nachgefragt: beim "Tages-Anzeiger"-Reporter Thomas Knellwolf. Er engagiert sich für das Öffentlichkeitsgesetz seit seiner 6'000-Franken-Busse im Fall Hirschmann. Zum Interview:
Schweizer Medien-Award geht an Verein Öffentlichkeitsgesetz.ch

Herr Knellwolf, Ihnen wurde am Mittwochabend der 6.Medien-Award in Form eines Diploms überreicht. Ausserdem gibt’s ein "Q" aus Plexiglas. Was bedeutet dieser Preis?

Für unsere noch junge Initiative ist das eine grosse Sache, als bestes Qualitätsprojekt im Schweizer Journalismus ausgezeichnet zu werden. Den Preis werde nicht ich als normales Vorstandsmitglied behalten, sondern unser Vereinspräsident Martin Stoll, dem die Ehre gebührt. Er ist zusammen mit seiner "Sonntagszeitung"-Redaktionskollegin Catherine Boss bei Öffentlichkeitsgesetz.ch die treibende Kraft.

Warum braucht es das Projekt Öffentlichkeitsgesetz?

Seit fünf Jahren existiert in der Schweiz das Öffentlichkeitsgesetz. Das heisst, fast alle Dokumente des Bundes sind nicht mehr geheim, sondern für alle Bürger öffentlich zugänglich. Leider ist diese Tatsache nicht genügend bekannt. Viele Journalisten wissen nicht, dass sie Einsicht in Dokumente des Bundes erhalten können. Unser Anliegen ist es, die Medien und auch die Behörden darüber zu informieren und für mehr Transparenz zu sorgen.

Was motiviert Sie persönlich?

Ich habe negative Erfahrungen mit Öffentlichkeitsbestimmungen gemacht, als ich Einsicht in zwei ältere Entscheide der Justiz im Fall Hirschmann begehrte. Nach einem längeren Verfahren blitzte ich ab und musste Carl Hirschmann die Verfahrenskosten von über 6‘000 Franken erstatten. Dass ich Geld zahlen musste, anstatt Akteneinsicht zu erhalten, verstand nicht nur ich überhaupt nicht. Kurz darauf kam dann eine Anfrage von Martin Stoll. Er wollte, dass ich mitmache beim Projekt Öffentlichkeitsgesetz. Da sagte ich natürlich gerne zu.

Sie schreiben in einer Mitteilung, dass Ihr Angebot "rege genutzt wird". Was bedeutet das?

Die Webseite www.oeffentlichkeitsgesetz.ch ist erst seit Juni öffentlich zugänglich und wurde seither 54‘000 Mal angeklickt. Zentrale Funktion ist der Antragsgenerator, mit dem die Nutzer ein Formular ausfüllen können, das dann direkt an die zuständige Verwaltungsstelle geschickt wird. Über die Anzahl dieser Anträge haben wir keine Daten, da uns der Datenschutz für die Benutzer wichtiger ist als die Statistik. Doch wir denken, dass dieses Angebot rege genützt wird.

Was hat Ihr Angebot bisher bewirkt?

Langsam sind erste Bewusstseinsänderungen spürbar. Ich werde oft auf unser Projekt angesprochen. Die Leute fragen mich, wie man einen solchen Antrag stellen kann. Ich verweise dann jeweils auf unsere Webseite, denn über unser Tool einen Antrag zu stellen, ist einfacher als das Flugbuchen über Easyjet.

Ziel wäre, dass es nicht bei Anträgen bleibt, sondern dass Journalisten ihre Recherchen publik machen.

Ein gutes Beispiel sind die Recherchen der "Sonntagszeitung“ im Zusammenhang mit dem Nukluarinspektorat Ensi. Die "Sonntagszeitungs"-Journalisten waren innert kurzer Frist im Besitz der Sitzungsprotokolle. Diese Recherchen führten dazu, dass schliesslich ein Mitglied des Ensi zurücktrat.

Wie kooperativ ist man auf Seite der Behörden?

Bei gewissen Bundesstellen kann ich einen Bewusstseinswandel feststellen, bei anderen eine Verweigerungshaltung. Teilweise muss man noch immer lange warten oder sogar den mühsamen Rechtsweg gehen. Bis man dann tatsächlich in Besitz der Daten kommt, sind diese meist schon veraltet.

Ihr Vorstand besteht aus: Präsident Martin Stoll (Sonntagszeitung), Vizepräsidenten Hansjürg Zumstein (Schweizer Fernsehen) und Denis Masmejan (Le Temps) sowie Catherine Boss (Sonntagszeitung), Titus Plattner (Matin Dimanche), Vera Beutler (Plädoyer) und Ihnen. Fast alle sind von Tamedia. Warum?

Unser Verein wird zwar von Tamedia unterstützt, funktioniert aber verlagsunabhängig. Ausserdem werden wir von der Konferenz der Chefredaktoren und von der Konsumenteninfo AG unterstützt. Klar sind momentan viele Tamedia-Journalisten dabei. Dies hängt mit der Gründungsgeschichte zusammen. Aber natürlich sind Journalisten anderer Verlage herzlich willkommen bei uns.

Als nächsten Schritt wollen Sie die Webseite übersetzen.

Ja, www.loitransparence.ch, unsere französischsprachige Webseite, geht noch in diesem Jahr online. Englisch packen wir erst an, wenn wir genügend Geld haben. Wir sind derzeit auf Sponsorensuche.

Wie viel Geld brauchen Sie dafür?

Für Übersetzung und Betrieb mehrere tausend Franken.

Welche weiteren Schritte stehen an?

Wir betreiben in Freiwilligenarbeit den Blog und unseren Beratungsdienst weiterhin, was sehr wahrscheinlich intensiver wird. Journalisten können sich an uns wenden, wenn sie zweifeln, ob sie überhaupt ein Gesuch stellen sollen. Wir beraten, wenn unklar ist, ob ein Gesuch Chancen hat, oder erklären, in welchem Fall Kosten entstehen können. Denn je nach dem kann das teuer werden, vor allem wenn man keinen Verlag im Rücken hat, der die Kosten übernehmen kann.

Wer trug in Ihrem Fall bei Carl Hirschmann die Kosten?

Die mehr als 6‘000 Franken hat mein Arbeitgeber, der "TagesAnzeiger", vollumfänglich übernommen. Ich konnte den Betrag wie andere Spesenausgaben abrechnen. Doch allzu häufig kann man sich solche Ausgaben auch auf einer grossen Redaktion natürlich nicht leisten. Aber damit man nicht so gegen die Wand läuft wie ich damals, gibt es ja nun Öffentlichkeitsgesetz.ch.

Der Medien-Award wird jedes zweite Jahr vergeben. Damit zeichnet der Verein Qualität im Journalismus Verlage, Redaktionen, Medieninstitutionen oder Einzelpersonen für herausragende, nachahmenswerte, innovative Initiativen aus, welche die journalistische Qualität sichern und verbessern.

Die Gewinnter des Hauptpreis: v.l. Hansjürg Zumstein, Martin Stoll, Thomas Knellwolf. (Foto: Senada Haralcic)

In diesem Jahr erhielt der Verein Öffentlichkeitsgesetz.ch.die Auszeichnung für die beste Qualitätsinitiative im Bereich Recherche (vgl. Bild oben). Die Auszeichnung für die beste allgemeine strukturelle Qualitätsinitiative erhielt das Projekt zur Radioaus- und -weiterbildung im interkulturellen Kontext (Rawik).

Interview: Edith Hollenstein


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