23.02.2021

Serie zum Coronavirus

«Seit Trumps Abwahl sind die Medien monothematisch»

Der langjährige NZZ-am-Sonntag-Chefredaktor und Publizist Felix E. Müller kritisiert Interviews und schreibt selbst ein Interviewbuch. Alles Folgen der Pandemie? Die Antwort dazu und noch viel mehr liefert er in der 159. Folge unserer Interview-Reihe.
Serie zum Coronavirus: «Seit Trumps Abwahl sind die Medien monothematisch»
Der langjährige NZZ-am-Sonntag-Chefredaktor und Publizist Felix E. Müller. (Bild: Keystone/Christian Beutler)
von Matthias Ackeret

Herr Müller, wir machen etwas, was man nach Ihrer Ansicht eigentlich nicht mehr machen sollte: ein Interview. Sie haben in der NZZ am Sonntag eine entsprechende Kolumne geschrieben. Was haben Sie gegen Interviews?
Das Interview ist eine legitime journalistische Form, sollte aber nur zurückhaltend und überlegt verwendet werden. Ein Beispiel: Jemand ist Augenzeuge eines Terroranschlags geworden. Niemand weiss mehr darüber als diese Person. Da ist das Interview richtig eingesetzt, weil es Authentizität vermittelt. In einem solchen Fall interessiert den Leser oder die Leserin jedes Detail. Meine Kritik richtet sich an die teilweise inflationäre Verwendung von Interviews, die sich durch ein beträchtliches Missverhältnis von Länge und Erkenntnisgewinn auszeichnen. Wer will schon an einem Montagmorgen ein sechsspaltiges Interview mit dem Chef der PostFinance lesen, zumal dieser reihum Interviews gibt? Das zweite Problem von Interviews besteht darin, dass der Journalist noch so geschickt fragen kann. Ein abgebrühter Interviewpartner wird immer die Möglichkeit finden, kritischen Fragen auszuweichen oder unangenehme Sachverhalte zu beschönigen. Und der Rest wird im Autorisierungsprozess herausgestrichen. Nur wenige Interviewer verfügen über die Fähigkeit, dieser Falle zu entgehen. Sicher gehört Roger Schawinski zu ihnen.

Nun haben Sie soeben mit Alain Berset ein Interviewbuch herausgegeben. Hatten Sie dabei schlechte Erfahrungen gemacht?
Mit Berset habe ich genau aus dem Grund ein 100-seitiges Interview geführt, weil er im Zentrum der Corona-Krise steht und sich deswegen in einer einmaligen Position befindet, um einen Blick hinter die Kulissen des bundesrätlichen Krisenmanagements zu gewähren. Schlechte Erfahrungen machte ich keine. Berset war sehr professionell, überlegt, aber auch ehrlich. Und beim Autorisieren gab es keine Versuche, Antworten umzuschreiben oder umzudeuten. In dieser Hinsicht ist mir negativ etwa ein Interview mit Bundesrat Flavio Cotti in Erinnerung geblieben, dessen Apparat das Interview weitgehend neu schreiben wollte und dabei gewisse Antworten in ihr exaktes Gegenteil zu verkehren suchte.

«Viele der gängigen Interviews, die heute in der Schweiz publiziert werden, sind eine Zumutung für Leserinnen und Leser»

Was wäre die Alternative zum Interview?
Ein Lauftext mit Zitaten. Das ist kürzer, knapper, präziser und somit leserfreundlicher. Zudem verfügt der Journalist auf diese Weise über die Möglichkeit, die Aussagen in einen Kontext zu stellen, Erklärungen mitzuliefern oder Gegenpositionen anzudeuten. Das wäre vor allem bei den vielen CEO-Interviews besser, weil diese ja primär der Imagepflege der betreffenden Manager dienen. Deswegen kennen die angelsächsischen Medien unsere Art von Frage-und-Antwort-Interviews kaum. Sie verarbeiten Interviews zu Lauftexten, weil der Journalist so die gemachten Aussagen einzuordnen vermag. Viele der gängigen Interviews, die heute in der Schweiz publiziert werden, sind eine Zumutung für Leserinnen und Leser.

Nun sind wir ein Jahr im Lockdown. Inwiefern haben sich die Medien in diesem Jahr verändert?
Die Medien sind mit der Abwahl von Trump endgültig monothematisch geworden, wobei dies zu einem guten Teil dem Leserinteresse entspricht. Die Journalistinnen und Journalisten mussten diesem grossen Informationsbedürfnis entsprechen, befanden sich aber vielfach in Kurzarbeit und im Homeoffice. Das erschwerte ihre Arbeit sehr. Zudem halte ich Zoom nicht für ein kreativitätsförderndes Kommunikationsinstrument.

Interessiert Corona überhaupt noch oder kehrt langsam auch publizistisch eine gewisse Müdigkeit ein?
Eine gewisse Müdigkeit ist greifbar, im gelebten wie im medialen Alltag. Es hat sich ja längst eine gewisse Ritualisierung der Corona-Berichterstattung eingestellt: Vor der Bundesratssitzung die Indiskretionen, die Spannungssteigerung bis zur Medienkonferenz mit Alain Berset, die Darstellung der Beschlüsse und das Einholen aller Stimmen, die die Entscheidungen kritisieren. Diese gehen ja immer den einen zu weit und den anderen nicht weit genug.

«Dass man sich mit den Gesprächspartnern kaum noch treffen kann, empfinde ich als grosse Beeinträchtigung»

Wie haben Sie persönlich das ganze Jahr im Homeoffice erlebt?
Man gewöhnt sich daran. Aber dass man sich mit den Gesprächspartnern kaum noch treffen kann, empfinde ich als grosse Beeinträchtigung.

Wie beurteilen Sie die ganze bundesrätliche Politik?
Der Bundesrat wird ja praktisch nur noch mit Kritik eingedeckt. Aber er stand und steht vor der schwierigen Aufgabe, ständig einen Ausgleich zwischen widersprüchlichen Interessen zu finden – Öffnung der Wirtschaft und Sterberate von Betagten, Konzerte und Verhinderung von Ansteckungen, Binnenpolitik und Aussenpolitik respektive Grenzkontrollen. Der Bundesrat hat früh den Entscheid gefällt, den schwedischen Weg nicht zu gehen, sondern ähnliche Massnahmen zu treffen wie die umliegenden Länder. Dabei scheint er mir im Durchschnitt mit seiner etwas liberaleren Haltung bessere Ergebnisse erreicht zu haben als diese. Ich bin überzeugt, dass eine deutliche Mehrheit des Schweizer Volkes hinter der Politik des Bundesrats steht.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Dass eine unserer Töchter eine massive Corona-Erkrankung letztlich ohne Langzeitfolgen überstand. Und jetzt die Krokusse im Garten blühen. Es geht aufwärts!


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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