16.02.2005

SF DRS verliert Marktanteile

Fernsehchefin Ingrid Deltenre hat an der Jahres-Medienkonferenz vom Mittwoch Bilanz ihres ersten Amtsjahres gezogen. Insgesamt hat das Schweizer Fernsehen DRS an Publikum verloren -- davon überraschend viele Ältere. Vor allem am Vorabend wanderten die Zuschauer in Scharen zur auländischen Konkurrenz ab. Auf den Publikumsschwund will SF DRS mit betont Schweizerischen Formaten reagieren. Zugleich beabsichtigt der Sender sich neu mit zwei Programmen auf zwei Kanälen zu positionieren.
SF DRS verliert Marktanteile

2004 war für SF DRS ein Jahr des Aufbruchs. Die Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre hat nach der Ära Schellenberg einiges in Bewegung gebracht. "Ein kleiner Sturm hat in den vergangenen Monaten durchs Haus gefegt", sagte Deltenre der rund 50-köpfigen Journalistenschar. Bloss: Bei den Zuschauern scheint der frische Wind noch nicht angekommen zu sein.

Zwar kann die Publikumsforschung von SF DRS eine markante Steigerung des Marktanteils von SF2 vermelden: Der Kanal nähert sich erstmals der Zehnprozent-Marke. Im Gegenzug jedoch büsste SF1 gegenüber 2003 1.2 Prozent ein. Damit vermag der Zuschauergewinn von SF2 die Verluste von SF1 nicht zu kompensieren. Insgesamt liegt der SF DRS-Anteil mit 34.5 Prozent im Vergleich zum Ausland immer noch auf hohem Niveau, in der Tendenz jedoch sind die Zahlen rückläufig.

Einbussen im Vorabend-Programm

Die eher enttäuschenden Werte des ersten Schweizer Fernsehens führt die Fernsehdirektorin vor allem auf die Einbussen im Vorabendprogramm zurück. Fast satte drei Prozent verlor SF DRS in der zuschauerstarken Zeit zwischen 16.30 und 19 Uhr. "Wir sind unzufrieden mit dem Vorabendprogramm", hält Deltenre fest. Ursache für die Marktanteilsverluste seien in erster Linie zu wenig beachtete Serien. Die TV-Direktorin gibt ihrem Unternehmen denn auch insgesamt schlechte Noten bei der Auswahl der Serien und Filme -- im Gegensatz dazu lobt sie die Sportberichterstattung.

Ihr soll SF2 den ansehnlichen Zugewinn von Zuschauern verdanken, zumal das sportereignisreiche Jahr -- Stichwort Fussball-EM und Olympische Sommerspiele in Athen -- dem Sender einige Quotenknüller beschert hat. Deltenre kann die schlechte Performance von SF1 damit zumindest teilweise mit der Abwanderung der Zuschauer zu den Sport-Sendungen im zweiten Kanal rechtfertigen.

Über 65-Jährige wandern ab

Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung, SF DRS laufe das junge Publikum davon, hält die Publikumsforschung von SF DRS eine Tendenz in entgegengesetzter Richtung fest: Der Marktanteil bei den 15- bis 49-Jährigen konnte ausgebaut werden und folgt dem Trend der vergangenen Jahre.

Weit mehr Kopfzerbrechen beschert den Sendeverantwortlichen am Leutschenbach dagegen die Altersklasse der über 65-Jährigen: Sie nahmen im vergangenen Jahr vor allem im Nachmittagsprogramm Reissaus und wandten sich der ausländischen Konkurrenz zu. Insbesondere die Gerichtssendungen der deutschen Privatsender sollen sich laut Deltenre beim älteren Publikum grosser Beliebtheit erfreuen -- auf Kosten von SF DRS.

Mit betont Schweizerischen Formaten gegen die Konkurrenz

Auf die Einbussen reagiert SF DRS mit einer Neugestaltung des Vorabend-Programms, nachdem bereits im Herbst versucht wurde, mit der Telenovela "Bianca" dem Negativtrend entgegenzuwirken. Neu wird die Vorabend-"Tagesschau" um 18 Uhr terminiert, gefolgt von der Spielshow "5GEGEN" und dem People-Magazin "Glanz & Gloria". Im ersten Programm will man sich also mit Quiz- und Boulevard-Formaten gegenüber der ausländischen Konkurrenz abheben. Im Gegensatz dazu wird SF2 am Vorabend weiterhin auf Serien setzen, die zum Spielfilm- oder Sportprogramm des Hauptabends hinführen sollen.

Zugleich will sich SF DRS 2005 von der Strategie "Ein Programm -- zwei Kanäle" verabschieden. Neu will man sich als Sender mit zwei Programmen auf zwei Kanälen positionieren. Am Osterdienstag starten die beiden Kanäle SF1 und SF2 mit neuer Programmstruktur und neuen Sendungen.

Neues Design für Newssendungen

SF1 soll dabei am Hauptabend weiterhin vor allem von informativen Inhalten geprägt sein und künftig eine "moderne" Ausstrahlung" vermitteln. Mit betont Schweizerischen Sendungen will sich der Sender von der ausländischen Konkurrenz abheben. Das Tagesprogramm erhält eine klare Struktur: Auf SF1 sind am Vormittag Wiederholungen zu sehen und am Nachmittag Unterhaltungssendungen. Gewichtige Neuerungen auf SF1 sind auf Dezember 2005 im Zuge der Einführung eines neuen Designs der Newssendungen zu erwarten. Die Sendungen sollen mehr Grafiken einsetzen und insgesamt schneller, dynamischer und moderner werden. Das Erscheinungsbild von "Tagesschau" und "10vor10" wird einander angenähert.

Welche inhaltlichen Konsequenzen das Redesign haben wird, mochte Fernsehdirektorin Deltenre am Mittwoch noch nicht verraten. "Die Neugestaltung umfasst mehr als nur ein neues Dekor". Geplant sei auch, die Studioinfrastruktur der "Tagesschau" anzupassen. Ob das laut Deltenre "Herz von SF DRS" neu mit einer Dopppelmoderation erscheine, liess Deltenre ebenso offen wie die Frage, ob "Meteo" weiterhin vom Dach des Fernsehstudios aus gesendet werde.

Im Gegenzug wollen die Sendeverantwortlichen SF2 als "trendigen, überraschenden und urbanen Sender positionieren". Der Kanal soll zum Kanal für Spielfilme, Serien, Sport und Events werden und sich damit an ein jüngeres und jung gebliebenes Publikum wenden. Mit der Neupositionierung von SF1 und SF2 soll ab 29. März zudem die Nachtlücke geschlossen werden. Mit "sinnvoll platzierten Wiederholungen" aus dem Haupt- und Spätabend wird SF DRS damit erstmals ein Vollprogramm rund um die Uhr bieten.


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