20.05.2013

Sportpanorama

Sportchef Urs Leutert will Tonmanipulation aufarbeiten

Mitarbeiter kritisieren "massives publizistisches Defizit" in der TV-Sportabteilung.
Sportpanorama: Sportchef Urs Leutert will Tonmanipulation aufarbeiten

 

Dass SRF im "Sportpanorama"-Bericht über das Fussballspiel FCZ gegen GC am vergangenen Sonntag Sprechchöre von Fans reingeschnitten hat, um den "Beitrag attraktiver zu gestalten", sorgte letzte Woche für ungläubige bis empörte Reaktionen (persoenlich.com berichtete). 

Mit Archivtönen Fan-Protest überspielt
Gegenüber der "Schweiz am Sonntag" äussert sich jetzt SRF-Sportchef Urs Leutert zur Ton-Manipulation. "Es gibt weder Anweisungen für derartige Attraktivitätssteigerungen von Fussballspielen noch sind sie Praxis bei uns", sagt Leutert. Gleichzeitig räumt Leutert grundsätzliche Fehler ein: "Die leeren Sitze und die gemeinsame Aktion der FCZ- und GC-Fans hätte im Vorfeld der Liveübertragung thematisiert werden sollen." Die Fehlleistung ausgelöst hat eine gemeinsame Aktion der FCZ- und GC-Fans, die aus Protest gegen das Hooligan-Konkordat in den ersten zehn Spielminuten des Fussballderbys auf Getrommel und Sprechgesänge verzichteten, worauf TV-Mitarbeiter für die Matchzusammenfassung die Geräuschkulisse aus einer späteren Phase des Spiels reinmontierten und damit den Fan-Protest unterdrückten. 

Boykott zu verschweigen war bewusster Entscheid
Die Journalisten vor Ort hätten um 14 Uhr vom geplanten Fan-Boykott erfahren, sagt Leutert: "Nach langen Diskussionen entschieden sie, den Boykott nicht zu erwähnen, weil sie dafür keine Plattform bieten wollten". Leutert kündigt an, den Fall aufarbeiten zu wollen: "Ich habe für Dienstag die gesamte Sportabteilung aufgeboten. Wir wollen aus diesem Fall lernen und Grundsatzfragen – Informationspflicht versus Plattform für Proteste – klären." Gemäss Leutert gibt es bei nationalen Sportveranstaltungen keine Vorgabe, politische Proteste auszublenden. Anders liege der Fall, wenn die SRG für Dritte wie zum Beispiel die Uefa produziere – dann gelte deren Manual: "Darin steht dann etwa, dass Feuerwerke, Fan-Krawalle und politische Spruchbänder nicht gezeigt werden dürfen".

TV-Chefs verstecken sich hinter einzelnem Mitarbeiter
Gemäss Recherchen der "Schweiz am Sonntag" gerät Sportchef Urs Leutert wegen der Tonmanipulation auch intern in die Kritik. Für Ärger sorgte vor allem, dass der Sender öffentlich einen einzelnen Mitarbeiter für die Fehlleistung verantwortlich machte, während die TV-Chefs tagelang auf Tauchstation gingen. Dabei seien die Probleme grundsätzlicher Natur: "Die personellen Ressourcen sind so knapp, dass 90 Prozent der Fussball- und Hockeyberichte über den Sender gehen, ohne dass ein Produzent den Beitrag abgenommen hat", sagt ein SRF-Mitarbeiter. «In der Sportabteilung wird systematisch gegen das Vier-Augen-Prinzip verstossen. Die Kontrollmechanismen sind ausser Kraft", kritisiert ein anderer Sportjournalist. "Die Sportberichterstattung ist massiv ausgebaut worden, ohne dass die personellen Ressourcen entsprechend ausgebaut worden wären. Und weil SRF2 die Quotenziele nur mit Sport erreicht, verlangt Direktor Ruedi Matter auf SRF2 immer noch mehr Sport."

Zu wenig Zeit für publizistische Leitung
Dazu komme, dass Sportchef Urs Leutert nicht nur die Sportabteilung des Senders führe, sondern auch die "Business Unit Sport" der SRG. "Dieses Doppelamt führt zu einem massiven publizistischen Defizit. Die Sportabteilung wird publizistisch nicht geführt", kritisieren mehrere Mitarbeiter, die von "Führungsfehlern" sprechen. Konfrontiert mit der Kritik sagt Leutert: "Das Vier-Augen-Prinzip gilt selbstverständlich auch bei uns. Nur ist es bei Champions-League-, Super-League- und Eishockey-Spielen unmöglich einzuhalten. Die Berichte werden während der laufenden Spiele geschnitten und getextet und gehen unmittelbar danach auf Sendung". Dass publizistische Fragen teilweise zu kurz kamen, räumt er ein: "Bis vor einem Jahr haben mich aufwändige und schwierige Rechte-Verhandlungen enorm beansprucht. Seit dem erfolgreichen Abschluss habe ich wieder wesentlich mehr Zeit für die direkte publizistische Leitung".

Dass der Druck gross sei, auf SRF2 mehr Sport zu bringen, stellt Leutert nicht in Abrede: "In der breiten Wahrnehmung ist SRF2 ein Sportkanal. Die Profilierung des Senders mit einem attraktiven Film- und Serienangebot ist schwierig. Die Geschäftsleitung möchte das Sportprogramm vor allem dort ausbauen, wo wir zusätzliche Senderechte besitzen. Dies ist zum Beispiel im Tennis der Fall, was wir gerne tun, wenn es personell möglich ist." (SaS)

 


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