28.05.2012

Günter Grass

"SZ" druckt Griechenland-Gedicht

Attackiert Spardiktat der EU.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat nur wenige Wochen nach seinem aufsehenerregenden Israel-Gedicht nachgelegt: Nun attackiert er die europäischen Rettungsbemühungen für das finanziell angeschlagene Griechenland. In seinem am Samstag in der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) gedruckten Gedicht "Europas Schande" kritisiert der Schriftsteller den harten Sparkurs Athens. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) veröffentlichte ebenfalls auf ihrer Internetseite einen nicht ernst gemeinten Artikel, in dem behauptet wurde, ein Satiremagazin habe das Grass-Gedicht verfasst und in der SZ platziert. Grass selbst wollte sich zu seinem Gedicht nicht weiter äussern. Nach seiner Ansicht sei in dem Text alles zusammengefasst, was er dazu zu sagen habe, erklärte seine Sprecherin Hilke Ohsoling auf Anfrage.

Nackter Schuldner am Pranger

In dem Gedicht formuliert der 84-Jährige unter anderem an Griechenland gerichtet: "Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,/ bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh". Weiter schreibt Grass: "Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,/ dem Dank zu schulden Dir Redensart war." Darüber hinaus warnt er mit Blick auf Europa: "Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,/ dessen Geist Dich, Europa, erdachte."

Lob und Kritik für Grass

Der CDU-Europapolitiker Gunther Krichbaum kommentierte dies mit harschen Worten. "Insgesamt sollte man Günter Grass nicht mehr ganz so ernst nehmen", sagte Krichbaum am Samstag im Deutschlandfunk. Grass' Kritik gehe an der Wirklichkeit vorbei. Er hätte sich vertiefter mit der Situation auseinandersetzen müssen, riet der Vorsitzende des Europaausschusses des Bundestages. Europa zeige enorme Solidarität mit Griechenland, ohne die das Land längst in ein Chaos hineingeschlittert wäre. Lob gab es vom griechischen Botschafter in Deutschland, Dimitrios Rallis: "In der schwierigen Zeit, die das griechische Volk durchmacht, macht die Stellungnahme des international hoch angesehenen Nobelpreisträgers Günter Grass durch sein Gedicht über Griechenland Hoffnung und fördert die europäische Idee", teilte der Diplomat auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Es sei "eine wichtige Antwort auf viele ungerechte Kommentare, die in letzter Zeit zu Griechenland und den Griechen geäussert worden sind."

Süddeutsche bestätigt Echtheit

Am späten Samstagabend machte dann der Satire-Artikel der FAS im Netz die Runde. Der Chefredakteur von Süddeutsche.de, Stefan Plöchinger, dementierte über den Kurznachrichtendienst Twitter sogleich die Behauptung, dass es sich beim Grass-Gedicht um einen Scherz des Satiremagazins "Titanic" handelt. Grass hatte vor knapp zwei Monaten mit einem umstrittenen israelkritischen Gedicht internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. In "Was gesagt werden muss" wirft er Israel vor, im Konflikt mit dem Iran den Weltfrieden zu gefährden. Israel verhängte nach der Veröffentlichung ein Einreiseverbot gegen Grass. (sda/dapd)


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