Steht es tatsächlich so schlimm um den Kulturjournalismus wie immer wieder behauptet wird? Gibt es Beispiele besonders guter Berichterstattung über lokale Kultur? "persoenlich.com" hat Kultur-Experten um ihre Meinung gefragt.
Hier die Antworten auf die Frage "Wie beurteilen Sie den allgemeinen Gesundheitszustand der Kulturberichterstattung?"
Daniele Muscionico ist Publizistin, Autorin diverser Künstlermonografien und Herausgeberin kunstkritischer Schriften. Zuvor arbeitete sie langjährig als Kulturredaktorin der NZZ.

Kulturberichterstattung ist eine schöne Leiche, aber eine sehr schöne. Doch wie sagten die alten Wiener: Totgesagte leben länger! Auferstehung, wieso nicht? Die nächsten Ostern sind im nächsten Jahr... Dann zur Frage nach wertvollster journalistische Auseinandersetzung mit lokaler Kultur: Soll ich da Namen nennen? Kollegen zeihen? Wie könnte ich! Habe ja selber den Verrat betrieben, mich von der Kultur-Missionarin zur Kultur-Verwalterin verwachsen zu haben... Jeder Beitrag über lokale Kultur ist ein wichtiger Beitrag über lokale Kultur.
Ewa Hess, Ressortleiterin Kultur der SonntagsZeitung

Dem Kulturjournalimus geht es sehr gut, würde ich sagen. Die meisten Tageszeitungen haben gute Kulturseiten, und die, die keine haben, wie die "Berner Zeitung" integrieren ihre Kulturthemen in die aktuellen Bünde oder in die Wochenendbeilagen (wie "Zeitpunkt") - das tut der Kultur gut. Der Sonntagspresse geht es gut, und sie ist kulturfreundlich, weil am Wochenende die Bereitschaft, sich mit Kultur auseinander zu setzen, ausgeprägt ist. DRS 2 ist ein wunderbares Kultur-Radio und die TV-Sendung "Kulturplatz" des SRF hat gerade einen besseren Sendeplatz bekommen. Die Klage über den "kranken" Zustand des Kulturjournalismus wird stark von den immer zahlreicher werdenden Kulturschaffenden geführt, die vor allem eins wollen: verstehende, liebevolle Berichterstattung. Aber in einer Zeit, in der die Kulturangebote immer mehr werden, muss die Auswahl nun mal rigoros sein. Dass diese Auswahl die Interessen der lesenden Mehrheit im vermehrten Masse berücksichtigt, ist eine Entwicklung, die nicht zur Verflachung des Kulturjournalismus führen muss. Im Gegenteil, gerade an solchen Vorgaben, wenn sie als eine Herausforderung angenommen werden, kann die Kreativität wachsen. Wo findet man Vorzeige-Beispiele? Es gibt gute lokale Kulturzeitschriften wie Ostschweizer "Saiten" oder Luzerner "Das Kulturmagazin". Die Zeitschrift "Hochparterre" leistet Beachtliches in Sachen Architektur & Design. Und das traditionsreiche "Du" ist wieder auf Kurs und bietet nicht nur vertiefte Blicke in verschiedene Kultur-Welten, sondern auch immer wieder fabelhafte Fotografie. Der "Tages Anzeiger" und "Der Bund" haben gute Kulturseiten, und erst noch die Beilage "Das Magazin", in der Kulturthemen zum Programm gehören.
Ruedi Widmer ist Leiter der Studienrichtung Publizieren und Vermitteln im Master Art Education der Zürcher Hochschule der Künste

Die Öffentlichkeit im Kulturbereich ist in den letzten Jahren grundsätzlich einem Prozess der Expansion und gleichzeitigen Zersplitterung unterworfen. Der Kulturberichterstattung im Sinne einer durch fachkundige Kritiker geleisteten kritischen Öffentlichkeit geht es mit Ausnahme einiger "Leuchttürme" des Print-Feuilletons und des öffentlich-rechtlichen Radios eher schlecht. Im Onlinebereich hingegen gibt es viele innovative und überzeugende neue Formate. Es gilt dort aber auch ein hartes ökonomisches Gesetzt: Je innovativer, desto kleiner und desto schwieriger finanzierbar. Ein hervorragendes Beispiel für lokale und regionale Kulturberichterstattung ist "Saiten", eine monatlich in St. Gallen erscheinende Zeitschrift, die mit viel Leidenschaft, Sorgfalt und Innovationsgeist den Raum Ostschweiz abdeckt. "Saiten" erfüllt ein Kriterium, das derzeit beispielsweise von der Aargauer Zeitung aus Marketinggründen forciert wird, auf ganz selbstverständliche Art: Die Journalisten sind dort, wo das lokale kulturelle Leben stattfindet. Der Schreiber und der Leser ist Teil der gleichen Szene. Diesen "Standortvorteil" kann ihnen kein überregionales Medium streitig machen.
Stefan Schöbi, Initiant des Zürcher Kulturblogs und lehrt im Master of Arts in Art Education der Zürcher Hochschule der Künste

Über alle Online- und Print-Medien hinweg betrachtet, geht es dem Kulturjournalismus glänzend. Er wuchert und wächst, getrieben insbesondere von jungen Autorinnen und Autoren. Fachorientierte Foren mit fast schon enzyklopädischem Umfang sind entstanden. In generalistischen Print-Medien wie Tageszeitungen hingegen muss die Kulturberichterstattung klassischer Prägung um ihre letzten Randspalten kämpfen. Wie für jedes Kommunikationsorgan gilt es auch hier, drei Probleme zu lösen: die Finanzierung, die redaktionelle Glaubwürdigkeit und die Bedürfnisse von Leserinnen und Lesern. Meiner Meinung nach bekunden die Verlage, in Bezug auf die Kulturberichterstattung Mühe, mit den aktuellen Herausforderungen offensiv und innovativ umzugehen. Wertvollen Kulturjournalismus gibt es dort, wo Kulturjournalismus nicht als Ressort, sondern als bestimmte Art des Zugang verstanden wird. Dieser Zugang zeichnet sich eher durch Beobachtungsgabe, Innovation und erzählerisches Talent aus. Ein Beispiel für wertvollen Kulturjournalismus im Netz: www.nachtkritik.de. Ob dieses Portal allerdings seine Existenz auf Dauer sichern kann, ist ungewiss.
Lesen Sie das Interview mit Stefan Schöbi. Er erklärt, warum bei kulturkritik.ch die Auftraggeber für Texte zahlen müssen und wie dabei trotzdem keine PR-Texte entstehen.
Umfrage: Edith Hollenstein

