20.08.2010

Edipresse

Umwälzungen bei "Le Matin"

Peter Rothenbühler im Interview.
Edipresse: Umwälzungen bei "Le Matin"

Herr Rothenbühler, "Le Matin" und "Le Matin Dimanche" bekommen ein neues Kleid. Was ist der Grund?

Wir setzen nach den Turbulenzen der Krise voll auf die Marke "Le Matin", weil die Tageszeitung voll im Aufwind ist und der "Matin" am Sonntag die wichtigste und grösste bezahlte Publikation des Welschlands ist und bleiben soll. Wir haben nicht nur das Layout und die Inhalte überprüft, sondern auch als einer der wenigen Verlage massiv in die Mannschaft investiert. "Le Matin Dimanche" wird am 12. September mit einem neuen Layout erscheinen, das wir in Zusammenarbeit mit dem renommierten Pariser Zeitungsgestalter Nata Rampazzo entwickelt haben. Die Chefredaktorin Ariane Dayer hat auf diesen Zeitpunkt sechs absolute Topshots der welschen Medienszene angestellt. Wir betreiben also nicht nur Kosmetik.

Inwiefern hat sich das alte Konzept überlebt?

Die Konzepte bleiben in den Grundzügen gleich, intensive Lesermarktstudien haben ergeben, dass die Romands eine enge, fast familiäre Beziehung zur Matin-Gruppe und ihren Titel haben und nur sanfte Veränderungen wünschen. Die Romandie ist ein echtes Orange-Country: das Orange von "Le Matin" gehört zur Familie wie die (orange) Loterie Romande, die (orange) Migros oder der (orange) Coop. Wir wollen aber dasselbe einfach besser machen.

Sie predigen immer den "sanften Boulevard". Was verstehen Sie darunter?

Ich verstehe darunter das, was die Briten Quality Tabloid nennen, Boulevard, aber nicht vorwiegend Blut, Crime und Sex, sondern journlistisch seriöse, wenn auch unterhaltende Berichterstattung über alle Themen, die die Mehrheit der Romands interessieren. Dazu gehört alles, was ans Herz oder das Portemonnaie gehört, aber eben auch alles, was den Kopf betrifft. Und es soll so daherkommen, dass eine dreissigjährige Mutter sich nicht schlecht vorkommt, wenn sie uns liest. "Le Matin" ist auch ein politisches Blatt, das Skandale aufdeckt, Zusammenhänge erklärt, Personen vorstellt.

Reagieren die Romands auf Boulevard anders als die Deutschschweizer?

Prinzipiell nicht, aber ich höre immer, dass unsere Leser froh sind, dass wir nie so tief tief gehen – also unter die Gürtellinie – wie "Blick". In der Westschweiz tragen die Leute "Le Matin" so stolz mit sich herum wie in Zürich die feinen Herren die "NZZ". "Le Matin" ist eine echte Mittragezeitung. Eine Nackte auf der Seite eins, die stolz ihr Holz vor der... zeigt, wäre in der Westschweiz absolut ausgeschlossen. Da ist man halt schon ein bisschen raffinierter.

Gemäss "Klartext" soll die neue Chefredaktorin Sandra Jean von Ihrem langjährigen und auch erfolgreichen Kurs abweichen und wird bereits als "Die Anti-Rothenbühler" bezeichnet. Findet bei Edipresse eine Kulturrevolution statt?

Nein. Das sind offenbar Wunschträume von "Klartext". Schade, dass ein Medienmagazin solchen Mumpitz verbreitet. Sie müssen wissen, dass es in der Westschweiz eine ganze Reihe von Journalisten gibt, die meinen Kurs bei "Le Matin" – der für die Westschweiz schon etwas revolutionär war – von Anfang an nicht nur kritisiert, sondern mit allerhand wüsten Unterstellungen, mit massenweise Klagen beim Presserat bekämpft haben. Die hoffen nun bei jedem Wechsel, dass alles anders wird, kennen aber leider die wahren Verhältnisse nicht: Mein Konzept ist erfolgreich, Ariane Dayer habe ich zum "Matin" geholt und als Nachfolgerin aufgebaut, weil sie bereit war, genau nach meinen Vorgaben weiterzumachen, die angebliche "Anti-Rothenbühler" Sandra Jean habe ich beim Radio entdeckt, sie ist mir direkt unterstellt, sie ist absolut loyal und macht "Le Matin" genau nach unseren gemeinsamen Vorstellungen. Sie ist übrigens eine echte Kanone! Und wird sicher noch oft unter Beschuss kommen. Das war auch der wichtigste Punkt bei ihrem Briefing: Pass auf, wer "Le Matin" leitet, wird auf die unfairste Art angegriffen, gerade von Kollegen. Aber wir kennen ja "Klartext".

Hat der neue Verleger Tamedia bei der Konzeptänderung mitgesprochen?

Nicht eine Sekunde. Die Tamedia-Leute kamen natürlich in den Genuss einer Präsentation des fertigen Projektes Blattes. Was die Herren Supino und Kall davon halten, erfahre ich vielleicht nach dem 12. September, sie lesen unsere Blätter mit grossem Interesse. Unser Verleger Pierre Lamunière, ein echter Zeitungs-Guru, hat natürlich mehrmals unsere Arbeit abgenommen und uns heisse Tipps gegeben. Er ist bis 2013 voll da.

Wie sieht Ihre neue Rolle bei Edipresse aus?

Ich bin als Directeur éditorial adjoint an der Seite des publizistischen Leiters von Edipresse, Eric Hoesli, zuständig für die publizistischen Belange der Matin-Gruppe, also "Le Matin", "Le Matin Dimanche", "Femina" und "Télé Top Matin". Ich bin Gesprächspartner der Chefredaktionen und initiiere und leite die Arbeit an neuen Konzepten und Strategieausrichtungen. Daneben schreibe ich Kolumnen und pflege intensive Beziehungen zur Deutschschweizer Medienszene, was auch zu meinem Pflichtenheft gehört. Schliesslich unterrichte ich Journalismus an den Unis Genf und Neuenburg.

Kleine Frage am Ende: Wie beurteilen Sie den neuen "Blick"?

Ich lese ihn wieder, und zwar jeden Tag. Sonst fehlt mir was. Walter Bosch, mein früherer Chef bei Ringier, hat zum damaligen obersten Boss, Heinrich Oswald gesagt: Wenn Sie sich frühmorgens nicht über den "Blick" ärgern, dann hat die Redaktion etwas falsch gemacht. Ich freue mich oft über die absolut geniale Inszenierung der Geschichten, einmalig! Ich ärgere mich oft, weil einfach zu viele Schlagtot-Geschichten aus sehr tristen Milieus von Knackis, Dickis und Junkies ausgewalzt werden. Bäääääh. Ich fühle mich manchmal ein bisschen schlecht nach der "Blick"-Lektüre. Und das sollte eigentlich nicht sein, heute brauchen wir mehr Licht-"Blick". So stark der "Blick" im Sex and Crime Bereich ist, so schwach scheint er mir im Kommentar. Man hat das Gefühl, er setze sich für nichts mehr ein. Es muss ja nicht Europa sein… Aber sonst: Note fünfeinhalb.



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