25.02.2021

Serie zum Coronavirus

«Uns steht eine Konkurswelle bevor»

Die Not in der Gastronomie sei gross, sagt Reto Wild, Chefredaktor des GastroJournals, in der 160. Folge unserer Serie. Er kritisiert, dass die Restaurants immer noch nicht öffnen dürfen. Einzelne Medien bezeichnet er als «verlängerten Arm des BAG».
Serie zum Coronavirus: «Uns steht eine Konkurswelle bevor»
«Viele Anzeigekunden sind sehr zurückhaltend und investieren erst dann wieder, wenn die Gastronomie öffnen darf», sagt Reto Wild, Chefredaktor des GastroJournals. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Wild, wie erleben Sie als Chefredaktor des GastroJournals momentan den Zustand in Ihrer Branche?
Die Branche befindet sich in ihrer grössten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele Gastronomen sind verzweifelt, weil sie nunmehr seit bald einem halben Jahr unter dem Berufsverbot leiden, gleichzeitig aber Fixkosten wie Miete und Löhne bezahlen müssen. Hilfe vom Bund? Bei den Härtefallgeldern haben die Kantone erst einen Bruchteil der versprochenen Milliardensummen ausgezahlt. Die Bürokratie ist enorm. Wer die Eingabefrist für die Kurzarbeit um einen Tag verpasst, erhält kein Geld.

Wie viele Unternehmen werden aufgrund der bundesrätlichen Massnahmen nicht überleben?
Das ist schwierig einzuschätzen, denn es hängt davon ab, wie schnell die Gelder fliessen. Tatsache ist, dass GastroSuisse jetzt schon jede Woche über Schliessungen von Betrieben informiert wird. Diese möchten das jedoch geheim halten. Die Not ist insgesamt gross: Laut der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) sind es noch 5,5 Prozent aller Betriebe, welche ihre Liquidität als gut bis sehr gut einschätzen. Vor Ausbruch der Coronakrise waren das 82,6 Prozent. Uns steht eine Konkurswelle bevor, hervorgerufen durch die Massnahmen des Bundesrats.

Was müsste man jetzt machen?
Die Härtefallgelder müssen sofort und unbürokratisch fliessen, denn es nützt nichts, wenn der Staat die Gelder erhöht, diese aber nicht ausgezahlt werden. Und die Gastronomen sollen wieder arbeiten dürfen. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die Restaurants als Ansteckungsherd sieht. Im Gegenteil: Gesundheitsökonom Konstantin Beck von der Universität Luzern kommt in seinem aktuellen Bericht zum Schluss: «Die Frage, ob sich Mitarbeitende im Gastgewerbe häufiger mit Covid-19 infizieren, muss ganz klar mit Nein beantwortet werden. Das dürfte auch umgekehrt gelten; das Servicepersonal steckt mit den vorliegenden Schutzkonzepten auch keine Gäste an.»

«Der Bundesrat befindet sich unter einem enormen Druck»

Warum glauben Sie, findet die Gastrobranche bei der Regierung so wenig Verständnis?
Das war ja nicht immer so. Auch dank GastroSuisse wurden die Betriebe im Mai 2020 wieder eröffnet. Nun aber befindet sich der Bundesrat unter einem enormen Druck: Steigen die Corona-Zahlen erneut wie im Herbst 2020 an, wird dieser Druck noch grösser. Man würde Gesundheitsminister Berset, der auch wegen seines Impfplans persönlich in Rücklage ist, die Schuld in die Schuhe schieben. Generell achten Politiker auf ihre Wiederwahl. Käme es erneut zu einem starken Anstieg der Corona-Zahlen, wäre das in den Augen der Wähler unverzeihlich. Und Medien wie Blick, 20 Minuten und Tages-Anzeiger, die teilweise von Inseraten des Bundesamts für Gesundheit profitieren, sind in ihrer Berichterstattung oft nur noch verlängerter Arm des BAG und damit des Gesundheitsministers. Das beeinflusst die öffentliche Meinung.

Die Medien sind schuld, dass die Gastrobranche sich nicht mehr durchsetzen kann?
So einfach ist es natürlich nicht. Und Pauschalisierungen sind immer gefährlich. Die Weltwoche beispielsweise berichtet sehr kritisch über die Arbeit des Bundesrats beim Kampf gegen die Pandemie, die NZZ manchmal auch, hie und da zielen auch Beiträge am Radio in diese Richtung. Leider aber gehen in vielen Medienprodukten wichtige Fakten vergessen: So fehlen dem Bundesrat die gesetzlichen Grundlagen für die Restaurantschliessungen. Gemäss Artikel 1 Absatz 2bis des Covid-19-Gesetzes ist er verpflichtet, sich bei Massnahmen an Wirksamkeit und Verhältnismässigkeit zu orientieren. Die Nicht-Wirksamkeit des Lockdowns in der Gastronomie zeigt sich an zwei Beispielen: In den Tourismusorten kam es zu keinen Hotspots, obschon die Hotelrestaurants und teilweise die Terrassen offen waren. In Deutschland ist der R-Wert vergangene Woche auf 1,01 gestiegen, obwohl dort die Restaurants seit November 2020 behördlich geschlossen sind. Wieso? Wenn die Restaurants geschlossen sind, treffen sich die Menschen ganz einfach privat und ohne Schutzkonzepte. Ich könnte hier noch diverse andere Beispiele aufführen.

Bitte …
Wieso braucht es für die Einreise in die Schweiz nur für Flugreisende einen negativen PCR-Test, nicht jedoch für Bahnreisende? Das Virus wird ja nicht nur mit dem Flugzeug transportiert. Klar, Bahnreisende kann man nicht richtig kontrollieren. Aber solche Massnahmen sind willkürlich. Es kann ja nicht sein, dass die Restaurants weiterhin geschlossen sind und in den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt es zum Gedränge, wie ich das vergangenen Samstag in einem VBZ-Bus selbst erleben musste. Wer kommt am Schluss für das Rekorddefizit von 15,8 Milliarden Franken (2020) auf? Wie stark schaden diese Massnahmen der Psyche der Bevölkerung? Dorfbeizen haben ja auch einen sozialen Charakter und deshalb durchaus einen positiven Einfluss auf die Gesundheit. Wir dürfen etwas Grundsätzliches nicht vergessen: Als der Bundesrat im März 2020 erstmals einen Lockdown verkündete, hiess es, es gehe um Solidarität und darum, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Inzwischen ist die Auslastung der Intensivbetten in der Schweiz unter 70 Prozent gesunken – und trotzdem bleiben Restaurants geschlossen. Ja, die Schweiz musste viele Corona-Tote beklagen. Das ist für viele Familien eine Tragödie. Doch ausgerechnet Länder wie Spanien und Italien haben viel mehr Tote. Und deren Lockdown war viel härter. All das wird viel zu wenig thematisiert.

«Berset ist sich nicht wirklich bewusst, wie verzweifelt die Betroffenen sind»

Wie beurteilen Sie die Stimmungslage, werden die Wirte jetzt handfesten Widerstand leisten?
Die meisten Wirte sind Mitglied von GastroSuisse. Und solange der Verband nicht zum Widerstand aufruft, könnte es höchstens zu Einzelaktionen kommen, was aber nicht bei allen in der Bevölkerung auf Verständnis stossen würde. Die grosse Frage ist, wie die aktuelle Situation in den einzelnen Kantonen beurteilt wird. Und das ist sehr unterschiedlich. Wenn Bundesrat Berset an der Medienkonferenz an die Adresse der Restaurants sagt, man müsse nun halt ein paar Wochen warten, ist das ein Hohn. Ich glaube, er ist sich nicht wirklich bewusst, wie verzweifelt die Betroffenen sind.

Sind schon Entschädigungsgelder an Restaurants und auch Hotels geflossen?
Im Frühling haben diese Zahlungen gerade bei der Kurzarbeit gut funktioniert. Bei den sogenannten Härtefallgeldern gibt es nun aber enorme Unterschiede zwischen den Kantonen. Im Kanton Aargau sind die Gelder ausgezahlt worden, in Zürich dauert es in vielen Fällen noch immer, im Jura soll die Situation ganz schlimm sein.

Welche Auswirkungen hat die ganze Krise auf Ihr Magazin?
Wir müssen mit Inseratestornierungen leben. Viele Anzeigekunden sind sehr zurückhaltend und investieren erst dann wieder, wenn die Gastronomie öffnen darf. Wir profitieren allerdings davon, dass unser Magazin mit seiner 126-jährigen Geschichte als auflagenstärkster Titel der Branche gut eingeführt ist. Deshalb sind wir bis jetzt mit einem blauen Auge davon gekommen. Bereits letzten Frühling entschieden wir uns, statt wöchentlich nur noch im 14-Tages-Rhythmus zu publizieren, Aufträge für freie Journalisten und Übersetzer stark herunterzufahren und eine Stelle in der Romandie abzubauen. Da es sich beim Journalisten um einen Familienvater handelt, war dieser Schritt für uns alle schmerzhaft. Nach Ostern 2021 wird gastrojournal.ch in einem neuen Kleid auftreten. Dazu werden wir ab dem 1. März einen Onlineredaktor anstellen. Die Krise hat also auch unsere Digitalisierung vorangetrieben.

Sie waren selbst ein paar Tage in der Dominikanischen Republik. Wie haben Sie die Pandemie dort erlebt?
Wichtig ist zu wissen, dass in diesem Inselstaat die Fallzahlen pro Kopf tiefer sind als in der Schweiz und für die Einreise kein PCR-Test verlangt wird. Die Restaurants sind geöffnet, müssen aber abends um 19 Uhr schliessen, am Wochenende sogar um 17 Uhr. Die gleichen Zeiten gelten für die Läden und Supermärkte. Wie in der Schweiz gelten für Restaurants in Hotels keine solchen Restriktionen bei den Öffnungszeiten. In den Restaurants und Hotelanlagen werden die Massnahmen gut umgesetzt: Also beim Betreten Hände desinfizieren und Schutzmaske auf. Diese tragen auch die Angestellten konsequent. Das karibische Flair mit Sonnenschein, schönen Stränden und dem Meer hilft, die ganze Situation besser zu ertragen. Kommt dazu, dass die Bevölkerung die Pandemie zwar ernst nimmt, aber weniger stur damit umgeht. Wenn einer die Schutzmaske mal nicht korrekt aufgesetzt hat, wird er von Passanten nicht zurechtgewiesen.

«Dank Homeoffice kann ich mir die Zeit zum Laufen einteilen»

Sie sind ein begeisterter Läufer. Kommen Sie in diesen Tagen überhaupt noch zum Rennen?
Meine Health-App zeigt mir, dass ich mich seit dem ersten Lockdown monatlich mehr bewegte – bis zu meinem Rekord von täglich rund 13'000 Schritten im Juli 2020, als ich in den Schweizer Bergen mehrmals hochrannte und dann wieder mit der Bahn zur Talstation fuhr, um meine Knie zu schonen. Im September 2020 musste ich wegen einer leichten Verletzung zwei Wochen pausieren. Nun konnte ich in der Karibik wieder schmerzfrei an endlosen Stränden laufen. Das sonnige Wetter in der Schweiz animiert mich, auch hier zu joggen, was mir hilft, diese endlose Krise zu verarbeiten. Dank Homeoffice kann ich mir die Zeit zum Laufen einteilen. Aber es ist schon so: Es gibt Phasen, da sind mein Team und ich stark gefordert. Dann stehen lange Arbeitstage an.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Ich möchte bei dieser Frage bewusst die Pandemie ausklammern. Darüber haben wir wohl alle mehr als genug gelesen. Deshalb zwei andere Ereignisse: Im Januar war ich mit meinen Langlaufskiern nach dem vielen Schnee am Waidberg oberhalb von Zürich unterwegs, und in der Karibik, vor der Halbinsel Samana, sah ich Mitte Februar auf einer Bootssafari mehrere Buckelwale, die sich dort paaren und die seichten Wasser geniessen, ehe sie dann mit dem Nachwuchs jeweils ab Ende März die lange Reise Richtung Grönland und Island antreten. Wie lange dauert wohl unsere Reise mit dieser Pandemie?



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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