29.04.2013

S1

"Unser Projekt ist keinesfalls als Angriff auf SRF zu werten."

Mike Gut (Bild) und Hardy Lussi im Interview über das neue nationale Fernsehen der Schweiz S1.
S1: "Unser Projekt ist keinesfalls als Angriff auf SRF zu werten."

Mike Gut und Hardy Lussi wollen mit einem neuen nationalen TV-Kanal S1 den Schweizer Fernsehmarkt aufmischen. Ist die Zeit dafür wirklich geeignet? Und was bedeutet dieser Schritt für die Konkurrenten SRF und 3+? persoenlich.com hat sich mit den Fernsehmachern über die Hintergründe des Projekts, das Potential der Schweizer Fernsehproduzenten und potenzielle Geldgeber unterhalten: "Derzeit fehlen uns 3 Millionen Schweizer Franken." Das Interview:

Im Oktober startet mit S1 ein neuer Fernsehkanal. Warum braucht die Schweiz einen weiteren nationalen Sender?
Hardy Lussi (Bild unten): Vielfalt ist doch immer gut, wer profitiert nicht gern von einer grossen Auswahl? Zudem sind wir der Meinung, dass der Schweizer TV-Markt gross genug ist für ein weiteres Projekt.

Warum ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, ein solches Projekt zu wagen? Wie präsentiert sich der Markt im Moment?
Mike Gut: Man muss den Markt von zwei Seiten betrachten. Einerseits von den Zugangsbeschränkungen. Hier konnten wir eine relativ grosse Liberalisierung feststellen. Früher brauchte man eine Sendekonzession vom Bakom und musste dafür viele zum Teil teure Auflagen erfüllen. Das ist heute nicht mehr so. Andererseits geht es auch um die Nachfrage aus dem Werbemarkt. Und da verspüren wir einen positiven Trend.  

Sie waren zuvor Geschäftsführer der Schweizer Gesellschaften von Sat1 und ProSieben. Was für eine Schlüsselerkenntnis werden Sie auf Ihr neues Projekt anwenden?
Lussi: Wir durften vor allem erfahren, dass Fernsehen ein tolles und sehr faszinierendes Medium ist. Wir haben in den letzten Jahren viele sehr interessante Menschen kennengelernt und freuen uns, mit vielen von Ihnen wieder zusammenzuarbeiten.

Seit Januar werden von Mediapulse keine TV-Quoten mehr herausgegeben. Was halten Sie vom Hin und Her um die aktuellen Zahlen?
Lussi: Als zukünftige Fernsemacher bedauern wir natürlich, dass der TV-Markt diese schwierigen Turbulenzen zu bewältigen hat. Wir sind aber mehr als überzeugt, dass sämtliche Beteiligten bald einen Einigung finden werden.  

Ist es für S1 ein Vor- oder ein Nachteil, gleich mit dem neuen Messsystem zu starten?
Lussi: Dass man bei uns dann keine alten Zahlen zum Vergleich mehr heranziehen kann, scheint uns ein Vorteil zu sein.

Der Sender will sich an über 35-jährige Zuschauer richten. Warum haben Sie sich für diese Zielgruppe entschieden?
Gut: Wir planen ein qualitativ hochstehendes Programm für die Zielgruppe 15-59. Als Kernzielgruppe sehen wir die über 35-jährigen. Diese Bevölkerungsgruppe ist erstens im zahlenmässigen Wachstum begriffen, zweitens schauen diese Menschen gerne Fernsehen und sie haben einen etwas höheren Qualitätsanspruch als die ganz Jungen.

Damit nehmen Sie ein ähnliches Zielpublikum wie SRF ins Visier. Mit welchen Formaten wollen Sie SRF Zuschauer abzujagen?
Gut: SRF hat eine sehr starke Position im Deutschschweizer Markt. Auch wenn wir eine ähnliche Zielgruppe wie SRF haben, ist unser Projekt keinesfalls als Angriff auf SRF zu werten. Wir planen ein Vollprogramm. Das heisst, wir werden praktisch alle relevanten Genres im Programm haben. Die Palette geht natürlich von Serien über Spielfilme zu Dokumentationen, Krimis und auch zu Kochformaten. Aktuell planen wir zu gewissen Zeiten auch qualitativ hochstehendes Kinderprogramm ein - und auch Comedy!

Was für Eigenproduktionen sind in Planung?
Gut: Lassen Sie sich überraschen..!

S1 will dreimal mehr Schweizer Inhalte als 3+ liefern. Was ist der Hintergrund für diesen Entscheid?
Lussi: Wir sind überzeugt, dass das Potential der kreativen Schweizer Fernsehproduzenten enorm ist. Daher freuen wir uns auch jetzt schon sehr über all die positiven Reaktionen, die wir bereits von zahlreichen Produzenten erhalten haben.

Gemäss "Schweiz am Sonntag“ werden Sie mit dem ZDF zusammenspannen. Wie sieht diese Zusammenarbeit genau aus?
ZDF Enterprises ist weltweit der grösste deutschsprachige Lizenzhändler von Qualitätsprogrammen. Zum Start werden wir uns aus diesem Fundus die eine oder andere Rosine pflücken. 

Sie haben gegenüber der "Schweiz am Sonntag" gesagt, dass Sie mit einer eigenen Comedy-Sendung das Humor-Monopol von SRF aufbrechen wollen. Wer tritt auf S1 gegen Giacobbo/Müller in den Ring?
Gut: Es gibt nichts aufzubrechen. Viktor Giacobbo und Mike Müller machen Sonntag für Sonntag einen hervorragenden Job und eine enorm erfolgreiche Polit-Comedy-Sendung – da kann man nur den Hut vor den beiden ziehen. Trotzdem sind wir der Meinung, dass es in der Schweizer TV-Landschaft noch mehr Platz für Schweizer Comedy hat.

Generell zum Personal: Mit wie vielen Personen startet S1 im Oktober?
Lussi: Wir werden sehr schlank organisiert sein und mit diversen externen Partnern zusammenarbeiten. Das Kernteam wird voraussichtlich aus rund 10 bis 20 Personen bestehen.

Konnten Sie bereits prominente Namen für die S1-Crew gewinnen? 
Lussi: Ein sehr gutes Stichwort. Zur Zeit sind wir noch in sehr viele und durchaus positive Gespräche involviert, so dass es noch zu früh ist, hierzu etwas zu verkünden – leider!

Gestern verkündete die "Schweiz am Sonntag“ die News zu S1. Was für interessante Telefonate haben Sie seither erhalten?
Gut: Tatsächlich hatten wir sehr viele Reaktionen aus verschiedenen Bereichen. Dies ist sehr spannend und gleichzeitg für unser Projekt sehr inspirierend.

Mehrere Investoren, darunter ein "grosses Medienhaus“, unterstützen gemäss der "Schweiz am Sonntag" das Projekt. Können Sie genauere Angaben zur Finanzierung machen?
Lussi: Wir befinden uns mitten in den Gesprächen mit mehreren potentiellen Geldgebern. Im Moment mehr dazu zu sagen ist einfach nicht möglich, das werden Sie sicher verstehen. Derzeit fehlen uns noch 3 Millionen Schweizer Franken, wir sind offen für weitere Gespräche.

Interview: Corinne Bauer



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