31.10.2012

Ursula Andress – Weltstar aus Ostermundigen

Die Bernerin Ursula Andress gehört zu den grössten Filmikonen Hollywoods. Am 3. November wird sie in Bern für "50 Jahre James Bond" geehrt. Im Vorfeld hat sie "persönlich" eines ihrer seltenen Interviews gewährt. Ein Gespräch über Sean Connery, Elvis Presley, James Dean und die grosse Liebe. Das Interview:
Ursula Andress – Weltstar aus Ostermundigen

Frau Andress, wie fühlt man sich als berühmtester Schweizer Star?

Sie übertreiben. Gibt es in der Schweiz keine berühmten Fussballer wie in Italien? Tennisspieler Roger Federer ist, glaube ich, noch berühmter als ich.

Kennen Sie ihn persönlich?

Leider nein. Aber er scheint mir nicht nur ein grosser Sportler, sondern auch ein grosser Mensch zu sein.

Ogi und Blocher?

Sie müssen entschuldigen, ich kenne die Schweizer Politik nicht wirklich. Dafür lebe ich zu lange im Ausland. Fragen Sie mich nach Sportlern oder Künstlern. Von den Politikern habe ich ohnehin fast nie eine gute Meinung.

Warum?

Die meisten Politiker, gerade bei uns in Italien, versprechen nur, bis sie gewählt sind. Anschliessend erinnern sie sich nicht mehr an ihre Versprechen.

Sie leben heute in Italien. Der ehemalige Ministerpräsident Berlusconi gilt als grosser Frauenverführer.

Ja, Berlusconi ist zumindest ein Mann (lacht). Seinen Hang zu jungen Damen möchte ich nicht kommentieren. Doch als Politiker hat er nicht mehr gestohlen als andere. Die Politik in Italien ist nun mal ein widerliches Gewerbe, vor allem für Menschen, die ehrlich arbeiten. Die meisten Parlamentarier vertreten nur ihre eigenen Interessen. Es ist wirklich traurig, in Italien bekommen die Pensionierten zwischen 400 und 600 Euro. Gleichzeitig wird alles teurer. Ich weiss nicht, wie die alten Menschen ihren ganzen Lebensunterhalt bezahlen können. Ein Politiker, der sein Amt lediglich drei Jahre ausübt, bekommt hingegen lebenslang eine Pension und kann daneben andere Tätigkeiten ausüben. Weil in Italien die Regierungen ständig ändern, wurden wichtige Bauten wie Autobahnen oder Spitäler gar nie fertiggestellt. Wer kommt schlussendlich für das ganze Fiasko auf? Das Volk.

Wie leben Sie heute?

Ich lebe heute in einem Landhaus in Italien. Ich sage aber immer, ich lebe bei meiner Familie. Heute gibt es kein Land mehr, in welchem man leben kann. Heute ist alles so global. Ich fühle mich als Weltbürger. Ich bin wirklich froh, dass ich die Welt noch kennengelernt habe, als sie vielfältig war. Das heisst, Russland war Russland, Thailand Thailand. Heute ist alles verschmolzen. Ich mag dies nicht so. Viele Länder haben ihre Kulturen verloren.

Wenn Sie zurückblicken: Was war für Sie die schönste Zeit Ihres Lebens?

Zweifelsohne die Sechzigerjahre. Damals sprühte alles vor Lust und Lebensfreude. Heute mag man an die Zukunft gar nicht denken. Es wirkt alles düster und depressiv. Eine Weltkrise, wie sie jetzt abläuft, habe ich noch nie erlebt. Denken Sie nur an Griechenland, Spanien oder Italien. Das einzige Land, das funktioniert, ist die Schweiz. Aber auch hier sollen die Leute ständig reklamieren, sagt man mir.

Blicken wir nochmals auf Ihre Karriere zurück. Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert, dass Ostermundigen zwar schön ist, aber doch nicht die ganz grosse Welt bedeutet?

Das habe ich nie so wahrgenommen. Ich bin bei meinem Grossvater, welcher eine Gärtnerei betrieb, aufgewachsen. Ich war bereits als Kind sehr neugierig. Da ich immer wieder von zu Hause weggelaufen bin, muss- te mich die Polizei anschliessend wieder zurückbringen. Ich war schon ein bisschen verrückt: Bereits als kleines Kind wollte ich schwimmen lernen, ohne überhaupt richtig laufen zu können. Ich ging auch immer gerne in die Berge, weil ich dort einen Goldschatz vermutete.

Trotzdem wollten Sie nicht in Bern bleiben?

Mit siebzehn habe ich mich in den Schauspieler Daniel Gélin verliebt und bin ihm nach Paris gefolgt. Deswegen wurde ich sogar von Interpol gesucht (lacht). Wenn man jung ist, erkennt man keine Gefahren. In Paris nahm ich Schauspiel-, Tanz- und Englischunterricht. Später arbeitete ich als Mannequin in Rom. Meine erste kleine Schauspielrolle erhielt ich 1955 in einem Casanova-Film. Dann bekam ich den Ruf aus Hollywood.

Marlon Brando hat Ihnen in Amerika geholfen.

Marlon Brando hat mir wirklich viel geholfen. Er war der Freund eines Freundes. Ich lernte ihn bereits in Rom kennen. Als ich bei Paramount unterschrieben hatte, war er der einzige Mensch, den ich in Amerika kannte. Er hat damals ein bisschen zu mir geschaut.

Sie kannten wirklich alle Grossen des zwanzigsten Jahrhunderts ...

Ja, ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben. Paramount wollte aus mir eine neue Greta Garbo machen. Wurde man damals von einer Filmfirma engagiert, musste man für sieben Jahre unterschreiben. In dieser Zeit lernte ich alle Grossen von Hollywood kennen. Sie müssen sich vorstellen, Hollywood war ein Dorf ...

Wie Ostermundigen?

Nein, nein, viel kleiner noch. Ich fühlte mich in Hollywood trotzdem nicht zu Hause. Ich war wie ein kleines Schulmädchen und habe dauernd rebelliert, wollte dort wieder ausbrechen. Schlussendlich habe ich meinen Paramount-Vertrag zurückgekauft.

Wie haben Sie dies gemacht?

Ich wollte mich einfach nicht für eine so lange Zeit verpflichten und konnte mich auch nicht dem Hollywood-System unterordnen. Es tönt zwar schön, Schauspielerin zu sein. In der Realität ist dies aber ein sehr harter Job. Die Freiheit war für mich immer das wertvollste Gut. Ich erkannte schon früh, dass ich eine freie Seele bin, die nicht eingefangen werden kann.

Wie haben die Amerikaner darauf reagiert?

Natürlich mit Unverständnis. Die meisten meiner Schauspielerfreunde gaben alles auf, um ihren Traum zu realisieren. Ich tickte vollkommen anders. Paramount setzte grosse Hoffnungen in mich, ohne dass ich in einem Film je mit gespielt hätte. Die Angebote, die sie mir machten, verwarf ich, gleichzeitig stellte ich neue Forderungen, die mir sogleich erfüllt wurden. Aber auch diese lehnte ich ab. Die Erwartungen, die Paramount in mich setzte, waren so gross, dass ich Angst bekam, daran zu zerbrechen und all meine Freiheit zu verlieren.

Wie verbrachten Sie den ganzen Tag?

Damals, in den Fünfzigerjahren, kannte ich niemanden, der arbeitete. Es war die Zeit der Dolce Vita in Rom. Da waren so viele Regisseure, die mich immer wieder, sogar auf offener Strasse, anhielten und fragten, ob ich in ihrem Film mitspielen wolle. Wie viele Filme damals, in den Fünfzigerjahren, wohl gedreht worden sind ...

Und mit Paramount?

Paramount schickte mich in die Schauspielschule, um mich auf meine Karriere vorzubereiten. Das hat mir aber nicht gepasst, sodass ich schon bald wieder ausgebrochen bin. Aber auch mit den Privatlehrern funkte es nicht wirklich. Nachträglich weiss ich gar nicht, woher ich mir dieses Freiheitsrecht herausnahm. Von 1954 bis 1955 war ich bei Paramount unter Vertrag, danach wechselte ich bereits für zwei Jahre zu Columbia. Auch dort war alles sehr kompliziert für mich. 1957 heiratete ich den Filmregisseur John Derek.

Er war später auch mit Linda Evans und Bo Derek verheiratet.

John war ein fantastischer Mann. Mit ihm bin ich um die Welt gereist. Er war auch ein wunderbarer Fotograf und fotografierte mich 1965 für den Playboy. Bis zu seinem Tod blieb ich eng mit ihm verbunden. Auch mit seinen späteren Frauen (lacht). 1962 rief mich erneut Columbia an und präsentierte mir eine Rolle, die so gut sei, dass ich sie nicht ablehnen könne.

James Bond?

Ja. Sie sagten mir, dass es sich um eine kleine Rolle in einem netten Spionagefilm von Ian Fleming handle. Dieser sei einer der Lieblingsautoren von John F. Kennedy. 'Also', dachte ich mir, 'dieses Mal kannst du nicht Nein sagen.' Ich mag mich noch gut erinnern, wie wir zusammen mit Kirk Douglas das Drehbuch studierten. Alle lachten. Meine Rolle bestand aus wenigen Worten und beschränkte sich auf das Herumrennen im weissen Bikini. 'Okay', dachte ich mir, 'da kann ja nichts falsch laufen.'

Wie verliefen die Filmaufnahmen?

Ian Fleming, der Autor von James Bond, war ein sehr interessanter Mann, der den ganzen Tag auf dem Set verbrachte. Eigentlich war er der richtige James Bond. Auch Sean Connery war äusserst zuvorkommend. Für mich war der Filmdreh von «Dr. No» eine sehr positi- ve Erfahrung. Damals ahnte noch niemand, dass der Film so erfolgreich werden würde. Als die Dreharbeiten fertig waren, erwartete ich von den Produzenten Albert R. Broccoli und Harry Salzman eine Reaktion, doch ich wartete vergeblich. Ich ging nach Hause und war dann völlig überrascht, als mich Leute ganz begeistert anriefen, welche den Film gesehen hatten. Ich war wirklich überrascht, welches Echo meine Bikiniszene ausgelöst hat. Bis heute.

Die Bikiniszene hat Sie unsterblich gemacht.

Es scheint so – und ich habe daran auch keinen Rappen verdient.

Ärgert Sie dies?

Schon ein bisschen, denn ich finde es nicht wirklich gerecht. Das Geld geht bis heute an die James-Bond-Verwertungsfirma. Diese bestimmt auch, ob man die Szene für Werbe- zwecke einsetzen darf oder nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, Geld zu haben als keines.

Wie viel ist ihre Szene in Dr. No wert?

Es ist wahnsinnig, die Filmgesellschaft hat mit dem James Bond Milliarden verdient. Eine deutsche Bank wollte vor einigen Jahren mit Sean und mir für eine Altersversicherung werben. Wir sollten fünfzig Jahre später nochmals die Bikiniszene nachspielen, was ich sehr witzig fand. Schlussendlich dauerte die Verhandlung mit der James-Bond-Ge- sellschaft über ein Jahr. Jedes Komma und alles wurde geregelt. Es war so anstrengend, dass die Bank völlig entgeistert den Bettel hinwarf.

Sie haben viele berühmte Menschen kennengelernt. Wie haben Sie beispielsweise Elvis Presley erlebt?

Nach dem grossen Erfolg von 'Dr. No' hat mich Paramount angerufen und meinte: 'Ursula, nun schuldest du uns aber etwas.' Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil sie so gut zu mir waren und ich von ihnen bislang nur profitiert hatte, ohne einen Film mit ihnen zu drehen. Sie boten mir eine Rolle als junge russische Prinzessin an der Seite von Elvis Presley an. Ich zuckte zusammen und antwortete, dass ich mit jedem spiele, nur nicht mit Elvis Presley, den ich als ordinär empfand. Daraufhin schlug Paramount ein Treffen vor, zu welchem ich widerwillig ging. Doch ich hatte mich vollkommen geirrt: Elvis war unheimlich reizend, liebenswürdig und nett. Er entsprach überhaupt nicht seinem Image, welches er als Rock’n’Roller hatte. Elvis hatte soeben seinen Militärdienst in Deutschland beendet und verfügte über hervorragende Manieren. Auch hier zeigte sich, dass die grossen Stars privat oftmals ganz anders sind, als wir sie auf der Lein- wand wahrnehmen.

Mit James Dean waren Sie sogar enger befreundet.

Ja, wir waren in den letzten drei Monaten vor seinem Tod sehr eng befreundet. Er war ein so netter und schüchterner Junge. Eines Tages rief mich sein Manager an und fragte mich, ob ich Jimmy kennenlernen möchte.

Sie haben James Dean an seinem letzten Tag im Jahre 1955 gesehen.

Jimmy wollte, dass ich mit ihm in seinem neuen Auto Richtung San Francisco fahre, um den Motor zu testen. Am Morgen um acht Uhr holte er mich ab. Gerade in diesem Moment kam John Derek, mein späterer Ehemann. Jimmy wusste, dass wir uns liebten, und ging alleine. Wenig später erfuhr ich, dass er tödlich verunfallt war. Das war ein Schock. Heute glaube ich, dass es Schicksal war.

Waren Sie an seiner Beerdigung?

Ich konnte nicht, die Presse und der ganze Rummel. Ich stand ihm sehr nahe, und er liebte es gar nicht, wenn man alles öffentlich machte. Die Headlines und Geschichten ... das war nicht Jimmys Show.

Mit vielen Grössen waren Sie privat liiert. Mit Jean-Paul Belmondo waren Sie acht Jahre zusammen.

Das stimmt, keiner war so charismatisch wie Belmondo. Er ist ein Schauspieler, der sein Geschäft wirklich von der Pike auf gelernt hat und nicht einfach von der Strasse her kam, wie viele von uns. Vor einigen Jahren planten wir ein gemeinsames Projekt. Leider kam es nicht dazu, weil Jean-Paul teilweise gelähmt ist. Das macht ihm sehr zu schaffen.

Glauben Sie heute noch an die grosse Liebe?

Ja, das ist ganz wichtig. Man muss lieben, sonst macht das Leben keinen Sinn. Wie will man ohne Liebe durch das Leben schreiten? Man kann nicht ständig verliebt sein, denn wahre Liebe bedeutet auch Schmerzen und Verletzungen. Dabei stellt sich die Frage: Will man diesen Preis nochmals bezahlen?

Wie lieben Sie?

Ich hatte sehr leidenschaftliche Partnerschaften, in denen ich einen sehr hohen Preis zahlen musste. Heute bin ich allein und fühle mich sehr glücklich. Ich muss niemandem mehr Rechenschaft ablegen. In jedem Alter lebt man anders.

Sie waren in den Beziehungen immer die Stärkere?

Überhaupt nicht. Ich war anfänglich immer die Stärkere, irgendwann hat es aber gekippt. Am Ende war ich immer der Sklave.

Wirklich?

Ja, wenn man vom Herzen gesteuert wird, fasst man keine rationalen Entscheide mehr.

Aber haben Sie die absolute Liebe erlebt?

Ich hatte in meinem Leben viele grosse Lieben. Und bei jeder glaubte ich, sie sei für ewig.

Interview: Matthias Ackeret


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen