Herr Kugelmann, Sie waren Anfang vorletzte Woche in Tel Aviv. Wie schätzen Sie die Lage in Israel ein?
Mit der vorläufigen Waffenruhe ist eine Eskalation verhindert worden. Gibt es jetzt keine Verhandlungen, dann geht's irgendwann wieder von vorne los. Dieser Konflikt kennt eine Art zyklische Entwicklungen. Alle vier, fünf Jahre eskaliert die Situation in einer heftigen oder weniger heftigen Intensität wieder neu. Speziell ist dieses Mal, dass die Umgebung auch die geopolitische sowie die Situation der Grossmächte verändert ist.
Geht auch die Wahrnehmung in Israel in die Richtung, dass es sich beim jüngsten Ausbruch der Gewalt um ein wiederkehrendes Motiv handelt und kein Grund zum Alarmismus besteht.
Weitgehnd ja. Die Lage hätte sich aber schlagartig ändern können, wenn Israel entschieden hätte, eine Bodenoffensive zu starten, wenn der Busanschlag von Tel Aviv kein Einzelereignis geblieben wäre oder Raketen in Tel Aviv im Zentrum eingeschlagen wären. Dann wäre die ganze Gesellschaft betroffen gewesen. Bei über 70'000 Reservisten kennt jeder Jemanden, der einberufen würde. Die Stimmung war zwar gedämpft, als ich da war, aber, wie das in Israel eben ist, man merkt nicht viel. Viele Leute sind müde und gleichgültig geworden, die Gesellschaft mag sich nicht ständig mit diesem Konflikt auseinandersetzen.
Wie schätzen Sie die Israel-Berichterstattung in den Schweizer Medien ein?
Grundsätzlich weisen Print- und digitale Medien, die Korrespondenten vor Ort haben und aus beiden Gebieten bzw. auch der Region berichten, eine grössere Qualität in der Berichterstattung auf als solche, die nur Abschreibjournalismus betreiben und Agentur- oder Livetickermeldungen veröffentlichen. Dabei ist es für die Korrespondenten vor Ort gar nicht leicht, von überall zu berichten. Es gibt auf allen Seiten eine regelrechte Propagandaindustrie, Meldungen von allen Seiten sind kaum nach- oder überprüfbar, dazu kommt, dass viele Gebiete gesperrt sind.
Andererseits ist die Qualität der Nahostberichterstattung nicht anders als die Qualität der Auslandberichterstattung oder anderer Themenspektren in der Schweiz. Oft ist eher Zweifel angebracht, ob Zeitungen über genügend Fachkompetenz verfügen, um über wichtige gesellschaftliche Themen und Veränderungen wie etwa den Arabischen Frühling oder die Beschneidungsdebatte zu berichten. Seit jeher ist es selbstverständlich, dass eine Wirtschaftsredaktion über die entsprechenden Wirtschaftskompetenzen verfügen muss. Redaktionen, die über gesellschaftliche Themen berichten, lassen hingegen oftmals das nötige Expertenwissen vermissen. Kulturelle oder religiöse Minderheiten bekommen das zu spüren. Denn die Medien haben nun mal einen starken Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung einer Gemeinschaft .

Identifizieren Sie in der Schweiz eine antisemitische Berichterstattung?
Ich denke nicht in solchen Mustern, die auch nur schwer nachweisbar sind. Die Frage ist eher, wo die Berichterstattung auf Fakten und wo auf Unwahrheiten beruht, wo selektive Einordnungen LeserInnen wider besseren Wissens der Redaktion in die Irre führen und wo unredlich gearbeitet wird. Was mich an der Berichterstattung zu diesem Konflikt am meisten stört, ist, dass viele Autoren dazu neigen, einseitig Stellung zu beziehen, anstatt den journalistischen Auftrag mit Blick auf die Sache und nicht die eigene Position zu vollführen. Eigentlich sollten die Zeitungen das Thema in seiner Ganzheit und Zerrissenheit darstellen und auch kommentieren. Man soll Israel und ebenso die anderen Akteure loben und tadeln, aber auf einer journalistischen Ebene. Oft liest sich der Konflikt aber wie ein Fussballspiel, der Kommentierende ist entweder für den FCB oder GC. Das Ganze ist ein Spiel, die Zuschauerkulisse zur treibenden Kraft geworden.
Sacha Wigdorovits schreibt im "Sonntag", die Medien würden zur Verlängerung des Israel-Palästina-Konflikts beitragen und hätten deshalb auch dessen Tote mitzuverantworten. Als Grundlage für diese Einschätzung dient ihm unter anderem ein Artikel in der NZZ. Würden Sie dieser These beipflichten?
Die Medien haben weniger Einfluss auf das internationale politische Geschehen, als viele glauben oder sich allenfalls wünschen. Vielmehr hat eine ganze Industrie von Beratern, Militärs, der Industrie, NGO's durchaus Interesse am Konflikt, der ihnen eine Legitimität oder Absatz gibt. Den Artikel aus der NZZ kenne ich nicht und man müsste das am Beispiel exerzieren.
Lassen Sie uns über Ihre Zeitung sprechen. Tachles ging 2001 aus der Gründung der JM Jüdischen Medien AG hervor, nachdem deren Vorgängerprodukte "Jüdische Rundschau" und "Israelitische Wochenblatt" eingestellt wurden. Tachles hat die publizistisch liberale Linie der "Jüdischen Rundschau" übernommen und verlor dadurch orthodoxe Leser. Wie ist das Profil Ihrer Leserschaft heute?
Die publizistische Ausrichtung von Tachles entstammt einer langen Tradition jüdischer Titel in Europa und den USA und einiger unserer alten Verlagstitel. Die Leserschaft von beiden Seiten zu halten, war eine Herausforderung. Das "Israelitische Wochenblatt" bediente noch stärker eine konservative und orthodoxe Leserschaft, da haben wir noch vor der Publikation der ersten Ausgabe einige Leser verloren. Es kam zu einer gesunden Entflechtung der Leserschaft.
Haben Sie jetzt noch Leser aus dem orthodoxen Milieu?
Ja. Die orthodoxe Gemeinschaft ist ja auch sehr heterogen. Tachles betreibt offenen Journalismus und orientiert sich ausschliesslich an journalistischen, demokratischen und rechtsstaatlichen Werten, ist ein nicht sanktioniertes säkulares jüdisches Produkt. Das ist nicht gänzlich vereinbar mit orthodoxen Lebensweisen.
Welche Zeitung lesen denn orthodoxe Juden in Zürich, die finden der Tachles sei zu liberal?
Es gibt die "Jüdische Zeitung", eine Zeitung, die innerhalb der Grenzen der Orthodoxie funktioniert. Zugleich wird Tachles natürlich auch in diesen Kreisen gelesen vielleicht weniger offen. Sie müssen sich den Tachles wie ein grosses Warenhaus vorstellen: der eine liebt die Kosmetikabteilung, der andere kauft Lebensmittel ein, der dritte irgendwelche Elektronikartikel. Wir berichten über das jüdische Leben in der Schweiz, jüdische Kultur oder Nahost bis hin zu gesellschaftlichen Themen. So wird es Leser geben, die unsere Berichte zum jüdischen Leben in der Schweiz lesen, unsere Berichte zu Kultur hingegen eher überblättern werden, weil ihnen da die liberale Stossrichtung nicht passt.
Jüdische Bekannte von mir sagen, das wichtigste im Tachles sei die Heiratsseite, die Zeitung würde dementsprechend auch von hinten nach vorne gelesen.
Früher war das sicher so. Heute ist das längst überholt, schon angesichts der neuen und sozialen Medien. Aber es stimmt, Tachles führt im hinteren Teil einen Serviceteil mit Kalendern, Synagogenzeiten, Meldungen aus Gemeinden und Institutionen, nimmt auch ein Art Amtsblattfunktion wahr.
Sie haben eine Auflage von 6'000, in der Schweiz gibt es circa 18'000 Juden, in der deutschen Schweiz 11'000. Tachles ist in den meisten Haushalten vertreten. Müssen Sie sich um die Leserschaft überhaupt bemühen oder werden junge Schweizer Juden einfach aus Tradition Abonnenten, sobald sie von zuhause ausziehen?
Nein, eine solche Tradition, auf die wir uns verlassen könnten, gibt es definitiv nicht. Wir müssen um die Leserschaft kämpfen. Wir haben nicht die Marketingmöglichkeiten von grossen Zeitungen, unsere Inhalte sind gewissermassen unser Marketing. Wir versuchen eine Mischung zu finden, die die Interessen verschiedenster Leser zufrieden stellt, ohne dass wir zu grosse Konzessionen an den journalistischen Auftrag machen.
Sie geben eine explizit jüdische Wochenzeitung heraus. Wie würden Sie diese Jüdischkeit definieren?
Sie lebt von der Debattenkultur, dem dialektischen Ansatz in einer einzelnen Ausgabe widersprechen wir uns mehrfach. Es gibt keine aufdiktierte Redaktionslinie. Wir pflegen einen kontradiktorischen Ansatz im Inhalt und einen breiten Ansatz. Wir versuchen alle Facetten der vielfältigen jüdischen Gemeinschaften abzubilden.
Zu Tachles gehört auch der "Aufbau" mit seiner interessanten Geschichte. Die Zeitung hatte einst eine Auflage von fast 50'000, war während des 2. Weltkriegs das Publikationsorgan für deutschsprachige Juden in den USA. Die Redaktion war am New Yorker Broadway. Hannah Arendt, Max Brod, Martin Buber, Alfred Polgar, Stefan Zweig, Gershom Scholem, sprich alle bekannten Exilliteraten, schrieben für dieses Blatt. Welche Bedeutung hat die Publikationsgeschichte für die Identität des Magazins heute?
Der "Aufbau" war die grösste jüdische Zeitung ausserhalb von Israel und auch die wichtigste. Dies nicht wegen der Mythenbildung, weil Albert Einstein, Thomas Mann und Hanna Arendt und viele andere der Emigrantengrössen für die Zeitung über Jahrzehnte geschrieben haben, sondern weil die Zeitung während des Zweiten Weltkriegs die Listen des IKRK publizierte und ein Integrationsfaktor in die amerikanische Gesellschaft wurde. Deutschsprachige Juden haben den "Aufbau" gekauft, weil sie auf der Suche nach vermissten Familienmitgliedern waren. Diese Suche geht weiter bis heute, wir haben jetzt noch eine Rubrik im "Aufbau", die "Gesucht wird" heisst.
Ein solcher Transfer einer Zeitung von New York nach Zürich ist einzigartig.
Wir holten 2004 den Titel, der heute dem Zürcher Serenada Verlag gehört, wieder zurück nach Europa, weil die deutschsprachige Leserschaft in den USA in zwanzig Jahren ausgestorben sein wird. Der Titel hätte dort längerfristig keine Zukunft gehabt. Doch Migration und die transatlantische Ebene bleiben für die jüdische Welt wichtige Themen. In der jüdischen Medienwelt gibt es kaum eine Reflexionszeitschrift, die offen und losgelöst von der Tagesaktualität Themen diskutiert. Deshalb haben wir aus der Zeitung ein monatliches Autoren- und Themenmagazin gemacht, das diese traditionsreiche Publizistik in die Gegenwart transformiert, etwa in der nächsten Ausgabe zum Thema 'Wem gehört die Öffentlichkeit?'.
Die Bedeutung der Publikation ist gross, so auch der Ruhm einiger Autoren, die für den "Aufbau" geschrieben haben. Finden Sie jetzt noch Geistesgrössen dieses Formats, die für den "Aufbau" schreiben?
Es gibt keine Einsteins, Arendts und Manns mehr. Aber wichtige jüdische Schriftsteller von Elie Wiesel, Walter Lacqeur bis hin zu Kofi Annan haben schon für den "Aufbau" geschrieben. In der jüdischen Welt kennt den "Aufbau" fast jeder, auch wenn ihn natürlich nie alle gelesen haben. Es ist erstaunlich, selbst in Israel ist diese Zeitung heute noch ein grosser Begriff.
Es wird noch deutschsprachige amerikanische Juden geben, die den "Aufbau" während des 2. Weltkriegs von New York aus und jetzt aus Zürich geliefert bekommen.
Ja, klar, da gibt es Abonnenten, die haben den "Aufbau" schon seit Ewigkeiten, zum Teil auch in zweiter oder dritter Generation. Die Leserschaft des "Aufbaus" gehörte damals zur Avantgarde, das waren oft Pioniere in der Gesellschaft. Diese Menschen sind heute siebzig, achtzig oder neunzig Jahre alt, denken modern und sind diskussionsfreudig.
Wie sieht es bezüglich der Leserstreuung aus?
90 Prozent der Leser von Tachles wohnen in der Schweiz, zum grossen Teil in der Deutschschweiz. In der Romandie publizieren wir die Revue Juive. Beim "Aufbau" sieht es anders aus: Hier haben wir etwa 20 Prozent Schweizer Leser, die anderen kommen vor allem aus Europa mit Schwerpunkt Deutschland, sowie aus Amerika und Israel.
Sie sagten in einem Interview gegenüber dem Tagesanzeiger, "wir sind kein Rabbinat, sondern eine Redaktion". Sieht man aber, zu welchen Fragen Sie in den Medien herbeigezogen werden, entsteht trotzdem der Eindruck, Sie seien eine Art säkularisierter Rabbiner, der aber vor allem von Nicht-Juden konsultiert wird.
Ja, das stimmt, für die Schweiz. Im Ausland ist es anders. Ich würde mich lieber zu literarischen, kulturellen oder gesellschaftspolitischen Diskussionen äussern. Früher habe ich kaum Stellung bezogen, aus der Überzeugng heraus, dass ich Journalist und nicht Akteur bin. Ich habe dann meist auf VertreterInnen von Gemeinden oder Botschaften verwiesen. Später hat sich das leicht geändert.
Warum?
Der Verwaltungsrat hat mich dafür sensibilisiert, dass es nun mal auch zu den Funktionen eines leitenden Redaktors gehört, die öffentliche Kommunikation wahrzunehmen. Da ich Printjournalist bin, komme ich bis heute mit dem TV kaum zu recht. Die Themen sind immer dieselben geblieben: Antisemitismus und Nahost. Auf diese wrd man reflexartig reduziert.
Auch Julia Hofer kommt in Ihrem prämierten Annabelle-Artikel "Jüdisch-Orthodox Unter der Haube" zu Ihnen: "Vielleicht hat Yves Kugelmann Antworten auf meine Fragen".
Nun ist es sicher so, dass viele nicht bereit sind, öffentlich zu solchen Themen Stellung zu nehmen. Ich wiederum finde, jüdische und andere Gemeinschaften sollen sich in den öffentlichen Diskurs einbringen. Viele Leute sind unsicher im Umgang mit der jüdischen Welt und wollen sich absichern oder erkundigen, wie sie Dinge einordnen müssen. Das ist auch gut so: Ich konsultiere auch einen Wirtschaftsjournalisten, wenn ich zu einem Wirtschaftsthema eine Frage habe. Und es ist nun mal so, dass der Blick ins innere von Gemeinschaften oft Kritik nach sich zieht.
Interview: Benedict Neff

