Als eines der letzten Privatfernsehen hat TeleZüri nun auch ein neues Schnitt-System eingeführt, das die VJs selbst in die Pflicht nimmt. Seit März recherchieren, filmen und vertonen die nicht nur ihre Geschichten allein, sondern sie schneiden sie auch ohne Hilfe eines Cutters. Gross war die Skepsis gegenüber der zusätzliche Belastung im Voraus. Wie sich der neue VJ-Alltag nun tatsächlich anfühlt, schildert einer der dienstältesten VJs der Schweiz, Benno Kälin, im Interview mit "persoenlich.com":

Benno Kälin, als VJ schneiden Sie nun Ihre Beiträge selber. Viele hatten anfänglich Bedenken wegen der zusätzlichen Belastung. Zu Recht?
Zu unrecht. Anstatt Anweisungen an einen Cutter zu geben, wie der Beitrag vollendet werden soll, führe ich das nun einfach selber aus. Bis jetzt empfinde ich es nicht als Zusatzbelastung. Schneiden ist eine kreative, schöne Arbeit. Man spart auch Zeit, weil man beim Visionieren des Filmmaterials gleich mit Schneiden beginnen kann. Ausserdem wurden Abläufe vereinfacht, es entfallen Wartezeiten und die Kommunikation mit dem Cutter.
Bei TeleZüri sind die Journalisten nicht nur Reporter, sondern auch Kameramänner, Moderatoren und neu auch noch Cutter. Kann man bei dieser grossen Belastung weiterhin professionell arbeiten?
Ja, weil wie gesagt, auch Zeit eingespart werden kann. Für extreme Fälle, zum Beispiel wenn viel Recherchearbeit anfällt oder ein Beitrag unter grossem Zeitdruck erstellt werden muss, haben wir als Hilfe nach wie vor einen Cutter im Haus. Man muss anmerken, dass der Trend allgemein in Richtung selber schneiden geht. Sogar beim SF werden einzelne Beiträge selber geschnitten.
Sie tönen sehr positiv. Wo sehen Sie Nachteile?
Die Frage ist: Wie wirkt sich das langfristig aus? Bis jetzt konnten wir den Produktionsstress in der Endphase zu einem guten Teil an den Cutter "auslagern". Das geht jetzt nicht mehr. Stattdessen müssen wir in dieser Zeit selber Vollgas geben. Ob das zusätzliche Ressourcen verschleisst, kann ich heute noch nicht sagen. Ich glaube es aber nicht. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass die Beiträge eher früher fertig werden.
Hat sich durch diese Veränderung auch das Anforderungsprofil für einen TeleZüri-VJ verändert? Sie sind ja auch Produzent. Was macht Ihrer Meinung nach heute einen guten VJ aus?
Die Hürde zum Berufseinstieg wurde nochmals höher gelegt, da kein Bildexperte mehr zur Verfügung steht. Die Folge: Wir rekrutieren praktisch nur noch gestandene TV-Leute. Wer keine Erfahrung mit Bildbeiträgen hat, könnte von der Bildsprache überfordert werden. Trotz der Zusatzbelastung bin ich aber nach wie vor der Meinung, dass ein guter Vj primär das journalistische Handwerk beherrschen muss. Der Umgang mit der Technik ist viel schneller erlernt, zumal bei TeleZüri in der Abteilung Technik viele, extrem versierte Leute arbeiten. Sie sind imstande jedes Problem zu lösen und sind im Vj-Alltag eine grosse Hilfe.
Sie sind einer der dienstältesten VJs der Schweiz. Ganz generell: Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag verändert?
Kaum. Ich stehe immer noch relativ früh auf, damit ich genug Zeit habe, um Zeitung zu lesen. Ich achte jetzt einfach darauf, dass ich mit meinen Aufnahmen etwas früher im Büro zurück bin.
TeleZüri soll bis Ende Jahr verkauft werden. Wie ist die Stimmung im Team?
Wir vertrauen auf die Aussagen der Tamedia-Konzernleitung, dass TeleZüri nur an jemanden verkauft wird, der den Sender nachhaltig betreiben will und dazu ein glaubwürdiges Konzept vorweist. Persönlich glaube ich nicht, dass Käufer auf den Plan treten, die etwas anderes im Sinn haben. Unter diesen Umständen ergäbe es keinen Sinn, viel Geld für die Marke TeleZüri auszugeben.
Interview: Christine Schnyder

