19.04.2018

Zeitungsdeal

Was nach Tamedias BaZ-Kauf zu reden gibt

Die «Basler Zeitung» geht an Tamedia – und Christoph Blocher übernimmt das «Tagblatt der Stadt Zürich». Was heisst das für die BaZ-Redaktion und Chefredaktor Markus Somm? Und wie reagiert die Stadt Zürich? Fünf Fragen und Antworten zum langerwarteten Zeitungstausch.
Zeitungsdeal: Was nach Tamedias BaZ-Kauf zu reden gibt
Christoph Blocher und Pietro Supino an der Medienkonferenz in Basel. (Keystone/Georgios Kefalas)
von Redaktion persoenlich.com

1. Werden bei der BaZ Redaktoren entlassen?

«Die BaZ soll lokal verankert bleiben», sagte Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino an der Medienkonferenz in Basel. Bei den überregionalen Themen könne die Zeitung von der Tamedia-Redaktion profitieren. Ob und wie die «Basler Zeitung» in das Mantelsystem der Tamedia-Bezahlzeitungen integriert wird, liess er allerdings offen. «Wir wollen die Strukturen nochmals überdenken, auch wenn wir diese gerade erst geschaffen haben», sagte Supino. Die Leistungen sollten künftig in beide Richtungen fliessen. Zudem solle die BaZ von Tamedias Investitionen in die Technologie profitieren.

Vor allem in den überregionalen Ressorts der BaZ dürften sich die Journalistinnen und Journalisten nun fragen, wie es für sie weitergeht. Denn klar ist: In der Tamedia-Redaktion in Zürich ist es bereits jetzt eng. «Weil die natürlichen Fluktuationen zu tief sind, können Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen werden», sagt Tamedia-CEO Christoph Tonini im März an der Jahresmedienkonferenz (persoenlich.com berichtete). Wird die BaZ-Redaktion ins Mantelsystem von Tamedia integriert, ist fraglich, wo die Mitarbeitenden aus Inland, Wirtschaft, Sport und Kultur untergebracht werden sollen. In der offiziellen Mitteilung heisst es dazu: «Die neue Eigentümerin wird das bestehende Redaktionsteam übernehmen». Supino antwortete auf die Frage eines Journalisten, ob es zur Entlassungswelle bei der BaZ komme: «Das ist nicht Thema dieser Informationsveranstaltung.»


2. Wie reagiert die Stadt Zürich auf den Deal?

Dass mit dem «Tagblatt der Stadt Zürich» das städtische Amtsblatt zu Blochers Zeitungshaus AG wechselt, nimmt die Stadtregierung mit gemischten Gefühlen auf. «Dass dieser Titel jetzt an ein Medienhaus mit Sitz ausserhalb der Verlagsstadt Zürich geht, ist gewöhnungsbedürftig», sagt Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti zu persoenlich.com. Erfreulich sei, dass die Redaktion übernommen werde und in Zürich bleibe – und der Druck der ältesten Schweizer Zeitung weiterhin bei Tamedia erfolgen soll.

Zürich hat mit der Tagblatt der Stadt Zürich AG einen Vertrag bis Ende 2022 abgeschlossen. Eine vorzeitige Kündigung sei möglich, so Cuche-Curti: «Dies könnte dann eintreten, wenn die vertraglich festgehaltene sachliche, politisch und journalistisch ausgewogene Berichterstattung nachweislich nicht mehr gewährleistet würde.» Blocher versichert an der Medienkonferenz: «Zunächst ändern wir gar nichts.» Er gehe davon aus, dass die Stadt nach 2022 ohnehin auf das Internet setze. Cuche-Curti: «Grundsätzlich ist in der seit diesem Jahr in Kraft gesetzte Publikationsverordnung festgehalten, dass die elektronische Version der amtlichen Mitteilungen die rechtsgültige ist.»



3. Was bedeutet das für Markus Somm?

Er bleibt auch unter Tamedia weitere sechs Monate BaZ-Chefredaktor, danach wird er sich in ein Sabbatical verabschieden und im Anschluss daran als Autor für Tamedia tätig sein. An der Medienkonferenz wirkte der 53-Jährige geknickt. Er sass zwar vorne, am Ende des Tisches neben Christoph Blocher, Pietro Supino und Serge Reymond, sagte aber als einziger dieser vier nichts. Dafür redete Supino und stellte sich hinter ihn: «Markus Somm geniesst einen guten Ruf im Schweizer Journalismus». 

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Ob Somm neben Blocher und Bollmann Mitinhaber der Zeitungshaus AG bleibt, sei ungewiss, beantwortete Somm eine entsprechende Journalistenfrage kurz und knapp. Somm und Bollmann waren bislang zu je 33 Prozent beteiligt, Blocher hielt 34 Prozent. Und auch sonst gab sich Somm nicht gerade gesprächig. Wie es sich anfühle, als normaler Redaktor respektive «Autor» bei Tamedia angestellt zu sein, fragte eine Journalistin. Das müsse er sich in den nächsten Monaten überlegen. «Aber das wird kein grosser Wandel sein, denn ich wohne ja im Kanton Zürich und kenne die Stadt gut».



4. Was hat die Zeitungshaus AG vor? 

Christoph Blocher sieht keine Zukunft mehr in der «Basler Zeitung». Eigenständig, ohne grosses Verlagshaus im Rücken, sei es längerfristig nicht möglich, eine aufwändige Tageszeitung rentabel zu betreiben.

Nach dem Kauf der Gratisanzeiger der Zehnder Medien benannte Blocher die Holdingfirma von «BaZ Holding AG» zu «Zeitungshaus AG» um. Darin enthalten ist die Swiss Regiomedia AG, die bislang über 20 Gratisanzeiger enthält und herausgibt. Der neu gewichtigste ist das «Tagblatt der Stadt Zürich», das bis anhin zu 65 Prozent Tamedia gehört hat und zu 35 Prozent der Lokalinfo AG Zürich. Beide Besitzer haben ihre Anteile an die Zeitungshaus AG verkauft. 

Wie am Mittwoch bekannt wurde, reicht Tamedia nun auch noch die beiden Gratiszeitungen «Furttaler» und «Rümlanger» weiter. Und in der Romandie gehen die beiden grossen Lokalanzeiger der Westschweiz, «Lausanne Cités» und «GHI», Genf, an das Blocher-Unternehmen über (sofern das Vorkaufsrecht nicht ausgeübt wird). Damit wird die Zeitungshaus AG künftig zusammengenommen über 1,3 Millionen Exemplare herausgeben. Blocher glaubt, Gratisanzeiger seien eher ein lohnendes Geschäft als eine regionale Bezahlzeitung. Bei der «Basler Zeitung» habe er mit dem Problem gekämpft, dass es zu wenige grosse Anzeigekunden gegeben habe, sagte Blocher an der Medienkonferenz vom Mittwoch. Bei den Gratisblättern sei es umgekehrt, dort gebe es sehr viele kleine Anzeigenkunden. Dies rechne sich in der Summe.




5. Wie fallen die Reaktionen in Zürich und Basel aus?

Als Christoph Blocher, Rolf Bollmann und Markus Somm die «Basler Zeitung» 2014 übernommen haben, regte sich viel Widerstand in der Stadt am Rheinknie. Lautstark gewehrt hatte sich die Aktion «Rettet Basel». Gründer Guy Krneta freut sich auch über die Nachricht des Rückzugs Blochers und schreibt in einem Post auf Facebook: «Endlich! Nun kann es in Basel wieder publizistischen Wettbewerb geben (so weit es ihn noch geben kann) und es stehen nicht mehr alle im Dilemma, wie mit der täglichen Blocherschen Hetze, den Falschinformationen und schludrigen Kampagnen umzugehen ist.»

Während sich die einen freuen, befürchten anderen einen «Linksrutsch in der hiesigen Medienlandschaft», wie Eduard Rutschmann, Vizepräsident der Basler SVP, gegenüber der «bz Basel» sagt. Und FDP-Grossrat Christophe Haller befürchtet, dass die BaZ «wieder zum Sprachrohr der SP wird und damit in alte Muster zurückfällt».

Auf die politische Ausrichtung der «Basler Zeitung» angesprochen sagte Supino an der Medienkonferenz: «Unsere Publizistik basiert auf zwei Pfeilern. Jenem der Qualität und jenem der ideellen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit.» Das werde auch die Basis für die BaZ sein.

In Zürich macht man sich derweil über die Zukunft des «Tagblatt der Stadt Zürich» Gedanken. Ganz klar «Nein zur Blocher-Propaganda» sagen die Grünen Zürich und lancieren kurzerhand einen Stopp-Kleber für den Briefkasten. Gleich macht es ihnen das Online-Stadtmagazin tsüri.ch.



Und auch SP und AL stehen dem Deal kritisch gegenüber: Ein SP- und ein AL-Gemeinderat wollen im Stadtzürcher Parlament ein Postulat einreichen, wie AL-Gemeinderat Andreas Kirstein wie nzz.ch am Mittwoch schrieb.

Im Postulat wird die Stadt Zürich aufgefordert zu prüfen, ob der Vertrag mit der Tagblatt der Stadt Zürich AG eingehalten wird. Bei Vertragsverletzungen soll sie den Vertrag kündigen, wie auch etwa bei grösseren Entlassungen auf der Redaktion.



Text: Michèle Widmer, Christian Beck & Edith Hollenstein



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Kommentare

  • Victor Brunner, 19.04.2018 08:30 Uhr
    Was an der Pressekonferenz nicht gesagt wurde: Medienhäuser haben eine Autohändlermentalität, Zeitungen als Kulturgut sind ihnen kein Begriff ( der eine verkauft Diesel, der andere Benziner). Es wird zu Entlassungen kommen in Redaktionen und Technik (Opportunist Markus Somm konnte sich einen goldenen Fallschirm aushandeln). Christoph Blocher und seine Mitstreiter haben mit den Zeitungen keine finanziellen Interessen, sondern politische und meinungsbildende (ohne permanente Zuschüsse der Walter Frey AG gäbe es keine Lokalinfo), Teil einer langfristigen (Mikro)-Strategie Trotz mehr als 100 Zeitungstitel in der Deutschschweiz ist die publizistiche Vielfalt nicht mehr gewährleistet, der Einheitsbrei für das Mittelland wird in Zürich gemixt. TAMedia wird zum "Leader" in der Deutschschweiz, Die TA Redaktion ist der Leader-Funktion nicht gewachsen (andere Medien haben längst über den Deal TA/Blocher geschrieben, der TA nicht, vermutlich auf Order Supino), keine unabhängige und starke Redaktion, der Chefredaktor ist ein publizistisches Leichtgewicht. Die sogenannte 4. Gewalt im Lamde, die Presses, wird heute von der 5.Gewalt, den Besitzern der Titel gesteuert und manipuliert!

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