Erstmals nimmt "Rundschau"-Leiter Mario Poletti in einem Interview mit der Zeitung "Schweiz am Sonntag" Stellung zur Kontroverse um die Mörgeli-Recherche des SRF-Magazins. Er hält am Vorwurf der "Rundschau" fest, SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli habe als Professor am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich fragwürdige Dissertationen abgesegnet: "An der Aussage unserer Recherche hat sich nichts geändert".
Die von Mörgeli erhobenen Vorwürfe gegen die Sendung weist er zurück. Stattdessen erhebt Poletti seinerseits schwere Vorwürfe gegen Mörgeli und die "Weltwoche". Im Fall des als angebliche Quelle des TV-Magazins enttarnten Zahnarztes hält er fest, "dass Herr Mörgeli und die 'Weltwoche' zu 100 Prozent daneben liegen und höchst fahrlässig eine Person als Informant outen, mit der die 'Rundschau' nie gesprochen hat".
Er bedaure, "dass die 'Weltwoche' journalistisch unsauber gearbeitet hat und eine unbeteiligte Person in den Fall verwickelt." Poletti wirft der Zeitschrift vor, sich "komplett verrannt" zu haben.
Alex Baur, Autor der "Weltwoche"-Story, sagt dazu: "Aussage meines Artikels ist, dass die 'Rundschau' lügt. Ich habe den Informanten nicht geoutet." Er frage sich deshalb woher die Fernsehmacher wissen wollen, wen er als Quelle identifiziert habe.
Poletti weist auch den Vorwurf von Christoph Mörgeli zurück, er sei zu kurzfristig mit den Vorwürfen aus der Recherche konfrontiert worden: "Christoph Mörgeli wurde eineinhalb Tage vor der Sendung mit diesem konkreten Vorwurf konfrontiert, was angemessen und absolut im Rahmen ähnlich gelagerter Fälle ist. Zudem sei Mörgeli ein gewiefter und versierter Medienprofi ist, bei dem man immer damit rechnen müsse, dass er vor der Publikation selber in die Offensive geht."
Weiter sei Mörgeli bereits im September 2012 mit dem Vorwurf konfrontiert worden, bei ihm sei es möglich, mit einer Transkription ohne viel Aufwand zu einem Doktortitel zu gelangen. Mörgeli sagt auf Anfrage dazu: "Ich kann mich an dieses Interview nicht mehr erinnern."
Bringt neue Zeugin die Wende?
Im Fall der diese Woche von SVP-Nationalrat und Titularprofessor Christoph Mörgeli namentlich geouteten und von der "Rundschau" angeblich falsch zitierten Doktorandin hat sich zudem eine weitere Person zu Wort gemeldet. "Wir können unsere Darstellung mit einer weiteren Zeugin belegen", sagt der "Rundschau"-Chef im Interview weiter.
Die pensionierte Zürcher Primarlehrerin hat sich nach Ausstrahlung des ersten Beitrags beim Schweizer Fernsehen gemeldet und ausgesagt, sie kenne die Doktorandin. "Wir haben ihre Aussagen, die unsere Darstellung der Aussagen der Doktorandin bestätigen, inzwischen auch auf Band", sagt Poletti weiter.
In der Transkription der TV-Aufnahmen führt die Zeugin aus, dass ihr die Doktorandin gesagt habe, was sie im Gespräch mit der "Rundschau" gestanden habe, letzte Woche dann aber über ihren Anwalt abstreiten liess: ihre Dissertation sei eine Abschrift alter Texte. «Sie hat die Texte aus einer Bibliothek in Bulgarien geholt, kopiert und übersetzten lassen», so die Zeugin.
Poletti weiter: "Die Lehrerin hat Texte aus dieser Dissertation wiedererkannt und die Doktorandin zweifelsfrei als jene Person identifiziert, mit der wir für unsere Recherche gesprochen haben." Gegenüber der "Schweiz am Sonntag" bestätigt die ehemalige Primarlehrerin die Darstellung Polettis und auch ihre Aussagen vor der Kamera. Im Frühling 2011 sei die Doktorandin bei ihr vorbei gekommen und habe um Hilfe beim Verfassen ihrer Doktorarbeit gebeten.
"Sie legte mir rudimentär ins Deutsche übersetzte Texte vor und fragte, ob ich daraus gutes Deutsch machen könne. Nach meinem Kostenvoranschlag verzichtete sie auf eine Zusammenarbeit". Damit müsse Christoph Mörgelis Vorwurf an die "Rundschau", das TV-Magazin habe die Doktorandin falsch zitiert, zumindest bezweifelt werden, schreibt die Sonntagszeitung weiter.
Mörgeli sagt dazu: "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Disseration den Ansprüchen genügt und die 'Rundschau' sich verrannt hat". ("Schweiz am Sonntag")

