Am Tag nach dem Attentat auf einen Schwulenclub in Orlando mit 50 Todesopfern berichtet die nationale und internationale Presse ausführlich über den Fall.
«Besonders mit Blick auf die Präsidentenwahl im November dürfte dieser Sonntag zur Zäsur werden, die Amerika in ein Davor und ein Danach teilt. Beobachter sagen bereits seit längerem voraus, dass ein grösserer Anschlag den Wahlausgang massiv beeinflussen würde», schreibt NZZ-Auslandredaktorin in einem Kommentar.
«Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, wie gefährlich polarisiert die politischen Akteure in den Vereinigten Staaten sind, so hat ihn die Reaktion auf das furchtbare Geschehen in Orlando gestern geliefert», schreibt der USA-Korrespondent des «Tages-Anzeigers», Martin Kilian.
«Die furchtbare Wahrheit ist, dass die amerikanische Gesellschaft stärker durch derartige Angriffe gefährdet ist, weil sie glaubt, dass Freiheit auch den leichten Zugang zu tödlichen Waffen erfordert. Es stimmt zwar, dass nicht Waffen Menschen töten, wie es in einem Slogan heisst, sondern dass dies Menschen mit Waffen tun. Aber sie tun es nun einmal sehr viel schneller und effektiver als dies Menschen ohne Waffen machen könnten», ist in einem Kommentar des britischen «Guardian» zu lesen.
«Es sind und bleiben die laxen Waffengesetze, die Gewaltorgien wie die von Florida begünstigen. Keine Zivilgesellschaft muss die Existenz von kriegsähnlichen Schnellfeuer-Gewehren zulassen, die so anstandslos wie ein Sixpack Bier gekauft werden können. Dieser Horror ist zu 100 Prozent hausgemacht», schreibt die «Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung».
Mehrere Zeitung betonen, wie die Ereignisse dem Republikaner Donald Trump im Rennen ums Weisse Haus in die Hände spielen. «Der Terrorakt in dem Schwulenclub ist ein Anschlag auf die freiheitliche Gesellschaft, in der Menschen ihre sexuelle Orientierung nach jahrhundertelanger Unterdrückung offen ausleben können. Bestätigt sich, dass islamistischer Terror erneut die Vereinigten Staaten getroffen hat, wird dies die Anti-Islam-Kampagne von Donald Trump beflügeln, der auch so schon Muslime wahlweise ausweisen oder internieren wollte», schreibt die «Neue Osnabrücker Zeitung».
«Das Blutbad in einem Schwulenclub in Orlando - etwa 50 Tote, das bisher schlimmste Massaker in Amerika - wird nicht nur die Debatte in den USA über Terrorismus, Waffen und den Islam beeinflussen, sondern natürlich auch die im November anstehende Präsidentschaftswahl - vor allem, sollte sich der Verdacht bestätigen, dass der Mörder, Omar Mateen, (...) aus religiösen und politischen Motiven gehandelt hat und einem Netz von Dschihadisten angehört», schreibt die italienische «La Repubblica».
Auch «De Volkskrant» in der Niederlande blässt ins selbe Horn:«Paradoxerweise schliesst sich Schwulenhass nahtlos an die Ideologie christlich-konservativer Strömungen an. Ein Kandidat wie Ted Cruz wollte Homo-Ehen für ungültig erklären. (Donald) Trump hat sich in dieser Hinsicht stets flexibler aufgestellt und Stolz auf seine «New Yorker Werte» verkündet. Nun, wo diese Werte angegriffen wurden, ist er ... noch besser positioniert, sich als deren Verteidiger aufzuschwingen.»
«Welche monströse Tat!», schreibt Klaus-Dieter Frankenberger in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Massenmorde seien in den Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren bestürzend oft verübt worden. Aber eine Tat von diesem Ausmass habe eine neue Qualität. «Handelt es sich um einen Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund? Steht Orlando in einer Reihe mit Paris und Brüssel? Einige Indizien, Hinweise von Sicherheitsbehörden und Angaben über Identität des Täters deuten darauf hin, dass es sich um einen Terrorakt handelt», fügt er an.
«Mit Blick auf das Urteil der Geschichte wird Präsident Obama seine Strategie und seine Ziele im Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) überdenken müssen, er, der das Feld in den vergangenen Monaten faktisch dem Russen (Präsident) Wladimir Putin überlassen hat», ist in der französischen Zeitung «Le Figaro» zu lesen. Und weiter: «In den USA werden sich der islamistische Terrorismus und die Waffenkontrolle als Themen aufdrängen. Für einen demokratischen Präsidenten, der darauf bedacht ist, den Amerikanern ein «Vermächtnis» zu hinterlassen, ist dies ein Moment der Wahrheit.» (sda)

