21.01.2002

"Wer recherchiert, kommt um die NZZ nicht herum."

Die Neue Zürcher Zeitung hat vergangene Woche ein kostenpflichtiges Archiv ins Internet gestellt ("persoenlich.com" berichtete). Damit schert sie aus, denn andere Schweizer Verlagshäuser warten auf ein Verrechnungssystem der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Was ist der Grund für diesen Alleingang? Und wird NZZ Online bald nur noch gegen Entgelt nutzbar sein? Diese und weitere Fragen stellte "persoenlich.com" Wolfgang Frei (Bild), Leiter Neue Medien der NZZ. Das Interview:
"Wer recherchiert, kommt um die NZZ nicht herum."

Im vergangenen Sommer kündigte die SMD eine Professionalisierung an. Jetzt geht die NZZ mit ihrem kostenpflichtigen Web-Archiv einen eigenen Weg. Planen Sie einen Ausstieg aus der SMD?

Nein, das ist nicht geplant. Wir haben mit der SMD aber ein etwas spezielles Modell: Wir besitzen keine Beteiligung, weil wir unser Redaktionsarchiv – das nicht online ist – weiterhin selber unterhalten möchten. Eine engere Zusammenarbeit mit der SMD hätte zu Doppelspurigkeiten geführt, die betriebswirtschaftlich wenig sinnvoll wären.

Wie soll die künftige Kooperation mit der SMD aussehen?

Prinzipiell gleich wie bis anhin. Zudem laufen gegenwärtig Abklärungen, ob wir Clippings anbieten wollen. Ein solcher NZZ-Dienst läuft in Deutschland bereits über einem Partner.

In Bezug auf die Schweiz haben Sie sich für eine Insellösung entschieden. Ist der NZZ die Geduld mit der auch schon als schwerfällig bezeichneten SMD gerissen?

Nein, überhaupt nicht.

Was sprach denn gegen eine gemeinsame Lösung aller Schweizer Verlage?

Das mag jetzt überheblich klingen, doch wer recherchiert, kommt um die NZZ nicht herum. Aus diesem Grund ist der Wunsch nach einem gemeinsamen Standard bei uns weniger gross als zum Beispiel bei kleineren Blättern.

Warum haben Sie sich gerade für GBI als Partner entschieden?

Am wichtigsten war uns der internationale Aspekt. Deutschland ist für uns von grosser Bedeutung. Zudem kann man unsere Artikel bereits seit längerem über GBI beziehen. So gesehen war das einfach die Lösung mit dem geringstem Aufwand. Entscheidend war auch, dass beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung bei GBI dabei ist. – Ursprünglich waren wir übrigens mit Qpass im Gespräch, welche mit den grossen US-Verlagen zusammenarbeitet. Hätte Qpass sich nicht aus Europa zurückgezogen, besässen wir schon seit vergangenem August eine Archivlösung. Unser Ziel ist es aber, irgendwann unser eigenes Redaktionsarchiv ins Netz stellen zu können.

Wie viele Stellenprozent werden bei der NZZ für das Web-Archiv eingesetzt?

Niemand. Und wir verfügen in der Dokumentationsabteilung auch über genügend Ressourcen, um das Redaktionsarchiv aufzubereiten.

Die SMD verlangt pro Artikel zwischen 2.50 und 6.50 Franken, bei der New York Times reicht die Spanne von $ 0.80 bis 2.50 und bei der deutschen Wirtschaftsdatenbank Genios von € 1.80 bis 2.40 Euro. Sie verrechnen € 2. Wie kam das Pricing bei Ihnen zu Stande?

Die Preisfindung in einem neuem Markt ist schwierig, da läuft vieles nach dem Prinzip von Trial and Error. Wir haben uns für’s erste mal am Branchenstandard orientiert.

Sie haben gesagt, Deutschland sei wichtig. Ist das der primäre Zielmarkt des neuen Web-Archivs?

Nein. Eine Abrechnung in Franken ist auch schon geplant.

Welche Einnahmen erwarten Sie?

Keine Ahnung. Wir können heute noch nicht sagen, auf wie viel Interesse das Angebot stossen wird. In zwei Monaten wissen wir bestimmt mehr.

Aber Sie werden doch einen Business-Plan haben?

Hören Sie, ich könnte Ihnen jetzt irgendwas erzählen. Tatsache ist: Wir wollen nun Geld verdienen, und wir werden das auf verschiedene Arten versuchen.

Welche denn? Sie schreiben ja, später würden auch "einige andere Angebote gegen Verrechnung zur Verfügung stehen".

Da ist noch nichts entschieden.

Planen Sie beispielsweise eine generelle Kostenpflicht für Ihr Web-Angebot?

Das wird nicht diskutiert. Eine Lösung wie jene der Südostschweiz ist für uns nicht denkbar. Bei uns wird man nur für Teile des Internet-Angebots bezahlen müssen. Vorstellbar wären etwa vollständige Dossiers oder Bereiche von Finfox.

Und wann kommen die angekündigten Vergünstigungen für NZZ-AbonnentInnen?

Das ist eine technische Frage, die ich nicht beantworten kann. Es sollte jedenfalls nicht mehr als ein Jahr dauern.



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