23.11.2018

Journalismustag 18

Wie erleben Journalisten die Medienkrise?

2018 gilt unter den Verlagsmanagern als Schicksalsjahr der Medienbranche. Empfinden es die Journalistinnen und Journalisten auch so? Wie spüren sie den zunehmenden Druck? persoenlich.com hat sich beim grossen Branchentreffen in Winterthur umgehört.
Journalismustag 18: Wie erleben Journalisten die Medienkrise?
Rund 200 Journalistinnen und Journalisten trafen sich am Donnerstag in Winterthur zu Referaten, Panels und Diskussionen über ihr Handwerk. (Bild: persoenlich.com)
von Anna Sterchi

Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik CH Media

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«Wir befinden uns mitten in einer Restrukturierungsphase: Die Mantelredaktion und die Produktion der Regionalmedien müssen umgebaut werden. Gleichzeitig müssen wir sparen. In den letzten drei Jahren ist in der Medienlandschaft Schweiz so ziemlich alles ins Rutschen geraten. In der Branche hat die grosse Konsolidierungswelle eingesetzt. Das lässt einen nicht kalt. Den Umbruch mitgestalten ist zwar eine interessante Aufgabe, aber wenn man als Journalist die Umwälzungen von aussen betrachtet, muss man einräumen, dass einen längst nicht alles erfreuen kann, was nun geschieht. Aber es gibt eben eine ökonomische Realität, die man nicht wegdiskutieren kann.

Trotzdem bin ich weiterhin sehr gerne Journalist, für mich ist es immer noch der schönste Beruf der Welt. Momentan bin ich zwar zu mindestens 80 Prozent Manager, dennoch habe ich dann und wann ein paar Stunden zur Verfügung, um einen Kommentar oder einen Beitrag zu schreiben. Es gibt kaum einen Beruf, der selbstwirksamer ist, als jener des Journalisten. Es gibt nichts Grossartigeres, als eine Zeitung zu machen und diese am nächsten Morgen aus dem Briefkasten zu fischen oder einen Online-Text zu publizieren – im Wissen, dass andere Leute diesen Text lesen.»




Franz Fischlin, Moderator «Tagesschau» SRF

Franz Fischlin

«Wir müssen haushälterisch umgehen mit den finanziellen Ressourcen, haben aber im Broadcast immer noch genügend Mittel, um qualitativ hochstehende Sendungen produzieren zu können. Wir können auf SRF alleine um 19 Uhr 30 nach wie vor rund 600'000 Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen, die Tendenz ist aber sinkend. Problematisch ist, dass wir für die Jungen praktisch inexistent sind, sie bewegen sich auf anderen Kanälen. Es bräuchte jemand, der auf ihrer Augenhöhe für sie relevante Inhalte vermittelt.

Daneben spüre ich die Nervosität der Branche ausserhalb der SRG. Es ist existentiell, wenn die Printmedien 20 Prozent der Inserate-Einnahmen verlieren und alles daransetzen müssen, den Journalismus überhaupt noch finanzieren zu können. Bei uns im SRF merken wir die Veränderungen im Newsroom, mit dem wir uns soeben neu aufgestellt haben. Wir haben nun Fachredaktionen, andere Abläufe und neu gilt «online first». Es ist die Technologie, die uns den Takt vorgibt und bestimmt, was wir wie, wo produzieren. Das hat es in unserer Branche noch nie in dieser Intensität gegeben.

Dennoch habe ich nach wie vor grosse Freude an meinem Job – jetzt erst recht. Die Leute schätzen es, wenn wir mit bestem Willen Informationen recherchieren und aufbereiten. Gerade in dieser Newsflut, der wir rund um die Uhr ausgesetzt sind, nimmt das Bedürfnis nach Einordnung, Gewichtung und Hintergrundwissen zu.»




Jessica Francis, Leiterin Online Radio CH Media

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«Beim Radio besteht die Herausforderung darin, dass wir uns von einer klassischen Radioredaktion zu einer digitalen Organisation entwickeln. Wir erzählen Geschichten nicht mehr nur im linearen Radio, sondern bereiten sie auch für Social Media und die Website attraktiv auf. Dazu haben wir eine digitale Strategie entwickelt, die wir nun umsetzen.

Die Herausforderung ist der Umgang mit den Ressourcen. Es ist ein anderes Know-how gefragt, wenn es um die digitalen Vektoren geht. Trotzdem ist es entscheidend, dass die gesamte Organisation die Digital-Strategie mitträgt. Es braucht Mut, sich von bisherigen Mustern zu lösen und neue Wege zu gehen. Dies ist eine unglaublich spannende Aufgabe, da man stets in Bewegung ist.

Ich habe am 1. Juni 2018 als Leiterin Online Radio bei CH Media angefangen. Diese neu geschaffene Stelle bei Radio 24, Radio Argovia und Virgin Radio Switzerland entspricht mir sehr. In meiner Funktion entwickle ich die Digital-Strategie mit und bin für deren konsequente Umsetzung verantwortlich. Ich trage die redaktionelle Verantwortung der digitalen Vektoren und führe das Digital-Team. Aktuell bin ich am Rekrutieren, und es ist schön zu sehen, wie viele junge Leute für digitalen Journalismus brennen.»




Matthias Daum, Büroleiter «Die Zeit» Schweiz

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«Klar beschäftigen mich die ökonomischen Probleme unserer Branche, auch wenn es der Schweiz-Ausgabe der «Zeit» sehr gut geht. Aber so sehr ich Verständnis für die Wut der Betroffenen habe, die heuer entlassen wurden oder Angst um ihre Stelle haben, weil ihre Medienhäuser fusionierten oder ihre Redaktionen zusammengeschlossen wurden, so scheint es mir nicht sinnvoll, in einen allgemeinen Panikmodus zu schalten. Auf diese Weise werden die Inserate und zahlenden Leser nicht zurückkehren. Anstatt uns zu empören, stecken wir – Journalisten wie Verlagsmitarbeiter – die Energie also lieber in die Suche nach Antworten auf die Frage aller Fragen: Wie kann man auch künftig in der kleinen Schweiz private Medien finanzieren?

In einer Branche zu arbeiten, die sich überlegen muss, wie sie sich in Zukunft finanzieren will, ist zwar manchmal unangenehm – aber auch extrem spannend. Auch deshalb macht mir mein Job unheimlich Freude. Denn der technologische Wandel, unter dem die klassischen Erlösmodelle leiden, bietet uns Journalisten riesige Chancen: Nie zuvor war in der Medienbranche so viel möglich wie heute.

Was sich in der Schweiz-Ausgabe der «Zeit» in den vergangenen Jahren verändert hat? Wir denken heute viel stärker über unsere drei gedruckten Schweiz-Seiten hinaus, zum Beispiel mit unserem wöchentlichen Podcast «Servus. Grüezi. Hallo» auf ZEIT Online. Der richtet sich auch nicht allein an den Schweizer oder den Deutschen, sondern an den gesamten deutschsprachigen Raum.»



Dennis Bühler, Redaktor «Republik»

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«Das Jahr 2018 war für mich persönlich ein bewegtes Jahr. Ich habe als Bundeshausredaktor der «Südostschweiz» begonnen. Im März wurde ich dort aufgrund einer Umstrukturierung entlassen, denn das Blatt leistet sich nun keine eigenständige Bundeshausredaktion mehr, sondern bezieht all ihre innenpolitischen Artikel von der SDA. Ich hatte das Glück, bei der «Republik» eine neue Anstellung zu finden, die für mich attraktiver ist als meine vorherige. Ich habe nun mehr Zeit, um einen Artikel zu recherchieren und zu schreiben. Vor allem bin ich unabhängiger, weil die «Republik» nicht werbefinanziert ist.

Bei der «Südostschweiz» wurde der Publikationsdruck immer grösser, täglich hat man von mir einen Artikel erwartet. Die Zeit hat oft gefehlt, komplexe innenpolitische Themen inhaltlich zu durchdringen und wirklich zu verstehen. Vielmehr ging es darum, Fehler zu vermeiden. Bei der «Republik» ist das diametral anders, wir haben ausreichend Zeit, um sorgfältig zu recherchieren. So mache ich mir zwar Sorgen um die Branche, für mich persönlich hat sich aber glücklicherweise alles zum Positiven gewendet.

Der Journalismus ist für mich nach wie vor einer der schönsten Berufe, den man wählen kann: Ich spreche stets mit Menschen, die Experten sind in ihrem Bereich und von denen ich lernen kann. Sofern man als Journalist genügend Zeit für die Recherche hat, wird man permanent etwas schlauer, kann den Leserinnen und Lesern einen Mehrwert bieten – und wird dafür sogar bezahlt.»


persoenlich.com hat den Teilnehmenden der Umfrage folgende Fragen gestellt: Welche Probleme beschäftigen Sie konkret in Ihrem Arbeitsalltag? Wie hat sich Ihr Berufsalltag in den letzten drei Jahren verändert? Warum üben Sie Ihren Beruf trotz allem weiterhin gerne aus?



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Kommentare

  • Oliver Brunner, 23.11.2018 10:22 Uhr
    Am Freitag kamen gar keine Zeitungen raus, weil alle am Journalistentag waren? Oder waren da nur Theoretiker wie Wyss, Badran und Voigt und Edelfedern von Republik und Zeit, die uns erklären, was vor einigen Jahren wirklich geschah und wir hätten glauben sollen. Erinnert mit an Zusammenkünfte des grossen Sowjets, als sich Arbeiter und Bauern trafen.

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