Herr Minder, seit der Abzockerabstimmung hat sich Ihr Leben total verändert. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Sicherlich die deutliche Zustimmung von 68 Prozent. Dass das Ausland auf das Thema aufspringen wird, war mir eigentlich immer klar.
Wie viele Interviews haben Sie insgesamt gegeben?
Ich habe diese nicht gezählt. Ich hatte bereits vor der Abstimmung sehr viele Interviews gegeben. Es wurde mir zum Beispiel vorgeworfen, ich hätte ein Spiegel-Interview abgesagt ...
Haben Sie das?
(Lacht.) Ja, das habe ich. Es tut mir nachträglich auch leid, dass ich dem Spiegel abgesagt habe. Doch ich hatte keine andere Wahl. Unser kleines Team war manpowermässig am Anschlag. Wir sind von einer Veranstaltung zur nächsten gerannt. Ich bin an rund fünfzig Versammlungen aufgetreten und habe für unsere Vorlage geworben. Mein Fo- kus lag auf den Schweizer Medien. Aber auch dort musste ich mich beschränken. Wir hatten zeitweise eine solche Medienpräsenz wie bei einem Flugzeugabsturz. Am Tag, als Vasellas Abgangsentschädigung bekannt wurde, hatte ich allein aus der Schweiz dreissig verschiedene Medienanfragen, die ausländischen gar nicht mit einberechnet.
Aber hat sich der Spiegel nach der Abstimmung nochmals gemeldet?
Nein, aber das verstehe ich. Möglicherweise ist das denen in den falschen Hals geraten. Es wirkt höchstwahrscheinlich schon ein bisschen arrogant, wem man dem Spiegel absagt. Aber wir waren damals so unter Druck ...
Was war das exotischste Interview?
Das exotischste? Keine Ahnung. Ich durfte Interviews bei CNN, im kanadischen Radio, ja sogar bei Al Jazeera geben. Gleichzeitig wurde ich bei Günther Jauch oder Frank Elstner eingeladen. Schawinski hat mich bereits dreimal in seine Sendung eingeladen. Im Gegensatz zur Minarett-Initiative wurde unser Vorhaben überall positiv aufgenommen. Als ich vor einigen Jahren die Abzockerinitiative als den "besten Schweizer Exportschlager" bezeichnete, wurde ich überall noch belächelt. Das hat sich jetzt schon ein bisschen geändert. Mein Ziel ist es, dass andere Länder, welche mit den gleichen Problemen kämpfen, einzelne Vorgaben aus unserer Initiative in ihre Gesetze einfliessen lassen würden. Dabei geht es nicht um ultralinke Anliegen, wie eine Fixierung des Mindestlohns oder die 1:12-Initiative der Jusos, sondern um die Stärkung der Aktionärsrechte.

Wie funktioniert eigentlich Ihr Mediensystem? Nach dem Abstimmungssieg haben Sie einzelnen Medien wie dem Schweizer Radio, der NZZ oder den Schaffhauser Nachrichten Interviews verweigert ...
Jahrelang habe ich Interviews nicht einmal gegengelesen. Trotz kleiner Missverständnisse bin ich dabei sehr gut gefahren. Dies hat sich seit meiner Wahl in den Ständerat geändert. Ich spüre bei verschiedenen Medien eine gewisse Feindseligkeit, weil es mir als Parteilosem gelungen ist, national zu politisieren. So wurde ich in den Medien auch als "Amok-Minder" und Ähnliches tituliert. Solches habe ich nicht vergessen.
Themenwechsel: Sie sind momentan als Ständerat und "Volksheld" stark absorbiert. Leidet Ihre Firma Trybol nicht unter Ihrem Engagement?
Sobald ich eine Woche abwesend bin, sieht es in meinem Büro schlimm aus. Dann ist Wochenenddienst angesagt. Das war vor der Abstimmung des Öftern der Fall. Jetzt hat sich die ganze Situation wieder beruhigt. Da der Ständerat am Nachmittag vielfach nicht tagt, fahre ich oftmals schnell nach Neuhausen, um die dringendsten Arbeiten zu erledigen. Ich persönlich finde es schade, dass wir nicht mehr Unternehmer im Parlament haben. Ein Berufsparlament, wie wir es im Ausland kennen, wäre der falsche Weg.
Aber wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Mundwasser konzipieren?
Ich habe das Glück, dass ich ausgezeichnete Mitarbeiter habe. Wenn ich abwesend bin, werden auch keine strategischen Entscheide gefällt. Gleichzeitig ist ein Produktionsbetrieb sehr gut planbar. Wichtig ist vor allem, dass man das Daily Business und die Kundenkontakte im Griff hat. Man darf aber nicht vergessen: Die Firma Trybol gibt es seit 150 Jahren. Wir stecken nicht mehr in den Kinderschuhen.
Wer sind die grossen Konkurrenten?
Man hat mich immer mit David verglichen, welcher gegen Goliath kämpft. Aber ich kenne auch aus meiner Firmentätigkeit nichts anderes. Unsere Konkurrenten sind Weltfirmen wie Unilever oder Colgate Palmolive. Rund ein Drittel unserer Produktion stellen wir unter anderem Namen für andere Firmen her. Im Gegensatz zu anderen Branchen haben wir das Privileg, nicht konjunkturabhängig zu sein. Toilettenartikel und Schönheitsprodukte werden immer verlangt.
Haben Sie aufgrund Ihrer Popularität mehr Trybol-Produkte verkauft als vorher?
Nein, nicht wesentlich. In Einzelfällen ist es sicherlich vorgekommen, dass aus Sympathie zu meinen Anliegen mehr Trybol-Produkte über den Tisch gegangen sind. Es ist aber keineswegs so, dass ich deswegen meine Firma vergrössern müsste.
Können Sie mit Ihren Produkten ins Ausland expandieren?
Obwohl ich relativ viele Anfragen aus dem Ausland erhalte, ist der Export unser Hauptproblem. Es lohnt sich für uns nicht, ins Ausland zu exportieren und den allfälligen Gewinn mit dem Importeur hälftig zu teilen. Gleichzeitig müssten wir dort grosse Kampagnen fahren, um unsere Produkte überhaupt bekannt zu machen.
Sie haben sich sehr mit dem Thema Swissness beschäftigt. Ist dieses Problem nun gelöst?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe diese Diskussion seinerseits angestossen, als ich beim damaligen Bundesrat Blocher intervenierte. Die jetzige Vorlage ist äusserst unbefriedigend und ein Produkt vieler Partikularinteressen. Gerade bei der Swissness-Vorlage zeigen sich die schädlichen Folgen des Lobbyismus. Viele Gruppierungen, von den Bauern über die Uhrenindustrie bis zur Lebensmittelbranche, wollten im Gesetz Ausnahmebestimmungen. Betrachtet man es realistisch, ist die Swissness-Vorlage eigentlich unbrauchbar und erfüllt überhaupt nicht ihren ursprünglichen Zweck.
Wie viele Lobbyisten gibt es eigentlich im Bundeshaus?
Wir sind 246 Parlamentarier im Bundeshaus, die Anzahl der Lobbyisten dürfte deutlich höher sein. Dies ist wirklich ein Ärgernis. Ich habe einen Vorstoss gemacht, wonach ein Parlamentarier seine beiden Badges, die für Gäste bestimmt sind, nur noch an persönliche Mitarbeiter oder Familienangehörige und nicht mehr an die Lobbyisten weitergeben darf. Ich bin mit diesem Anliegen erstaunlich knapp unterlegen. Es fällt auf, dass die Zunahme der Lobbyisten vielen Parlamentariern Bauchweh bereitet.
Wie gehen die Lobbyisten bei der Durchsetzung ihrer Anliegen vor?
Lobbyismus im Bundeshaus ist dekadent. Als ich vor einigen Wochen in der Rechtskommission über die Swissness-Reform referieren musste, bekam ich während des vorangegangenen Mittagessens Mails von einem Vertreter der Lebensmittelbranche, der mir sagte, wie ich abzustimmen habe. Da es sich um einen ehemaligen Ständerat han- delte, wusste er ganz genau, welchen Artikel wir am Nachmittag beraten.
Werden Parlamentarier auch geschmiert?
Das weiss ich nicht. Als ich in meinem ersten Votum den Verdacht äusserte, dass für die sogenannten Lobby-Badges, welches ständigen Zugang ins Bundeshaus garantieren, Geld geflossen sei, wurde ich sogleich von einem Ratskollegen in die Schranken gewiesen. Wie gesagt, ich kann dies nicht beweisen, sondern hege nur eine Vermutung. Diese ist aber sehr stark. Oder man bekommt als Gegenleistung ein Mandat.
Dieses Referat hat Ihnen auch sonst noch Ärger eingetragen ...
Ja, eigentlich sollte ein frisch gewählter Ständerat 120 Tage warten, bis er sein erstes Votum hält. Ich habe mich nicht daran gehalten, was einen mächtigen Wirbel auslöste.
Letzte Frage: Wie viele Heiratsanträge haben Sie bis jetzt erhalten?
(Lacht.) Die Schweizer Illustrierte hat mich dies auch schon gefragt. Nein, Heiratsan- träge habe ich noch keine bekommen. Aber es gibt sicherlich einige Frauen, die ihr Inte- resse angemeldet haben.
Interview: Matthias Ackeret (Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von "persönlich")/ Bild: Keystone

