15.03.2012

"Wir führen weder eine Kampagne für noch gegen Konrad Hummler."

Am 17. März 2002 wurde die erste "NZZ am Sonntag" gedruckt. Zehn Jahre später hält noch immer Chefredaktor Felix E. Müller das Zepter in der Hand. Persoenlich.com hat mit ihm über Tops und Flops des letzten Jahrzehnts, den "Fall Hummler" und die harte Konkurrenz auf dem Sonntagszeitungsmarkt gesprochen: "Die Situation verbaut uns unsere Entwicklungsmöglichkeiten in den Regionen". Das Interview:
"Wir führen weder eine Kampagne für noch gegen Konrad Hummler."

10 Jahre "NZZaS", 10 Jahre Chefredaktor. Was bedeutet das letzte Jahrzehnt für Sie?

Wenn ich meine Biographie betrachte, kann man meine Zeit bei der "NZZaS" wohl als Schwerpunkt bezeichnen. Dies insbesondere auch deshalb, weil ich mitbeteiligt war, die Zeitung aus der Taufe zu heben und sie so wesentlich mitgestalten konnte.

Erste Ausgabe der "NZZ am Sonntag" vom 17. März 2002.

Wo kann man Ihre Handschrift in der Zeitung besonders deutlich lesen?

Ich war in der Projektgruppe, welche für das publizistische Konzept der neuen Zeitung verantwortlich war. Meine Handschrift ist deshalb unter anderem in der journalistischen Grundhaltung und im Konzept des Blattes verankert. Ich habe in der Diskussion zu Beginn der Zeitung immer den Standpunkt vertreten, dass es sich bei der Sonntagsausgabe der NZZ um eine eigenständige Zeitung mit eigener Redaktion handeln muss, die auch in einem anderen Design und damit mit einem anderen Zeitungskonzept daherkommen sollte. Dafür hat man sich dann entschieden und so ist es bis heute geblieben. Das publizistische Modell orientiert sich klar an den angelsächsischen Sonntagszeitungen.

Ihr grösster Erfolg und Ihr grösster Flop mit der Zeitung?

Ich würde sagen, das Ganze ist eigentlich ein bemerkenswerter Erfolg. Warum? Das Produkt entstand und wuchs gegen einen Trend. Wir starteten nach dem Platzen der Internetblase in eine Rezession hinein. Und es begann in der Branche die Diskussion um das angebliche Ende von Print. Während die meisten Verlage über neue Onlinemodelle sinnierten, starteten wir mit einer neuen Zeitung. Natürlich kann man eine Zeitung immer noch besser machen. Das ist das frustrierende und gleichzeitig das Schöne an dieser Aufgabe: Ich habe jede Woche eine neue Chance, die perfekte Zeitung zu machen. Und immer am Sonntag sitzt man dann da und überlegt, was man noch besser hätte machen können.

Wie sieht denn die perfekte Zeitung aus?

Die perfekte Zeitung beinhaltet eine super Recherchegeschichte, einen Newsknüller, fantastische Hintergründe, ein intellektuell überraschendes Essay und tolle Porträts. Jede Seite ist in sich perfekt gestaltet, mit hervorragenden Bildern. Als Chefredaktor darf man diesen Anspruch nie aufgeben, denn nur dann strengt man sich Woche für Woche an, eine noch bessere Zeitung zu machen und nur so können wir wöchentlich eine gute Zeitung herausgeben.

Im letzten Interview mit persoenlich.com sagten Sie, dass ihre Strategie eher weg von der Primeurjagd hin zu mehr Hintergrund geht. Gilt diese Aussage immer noch?

Ja, wenn ich die Entwicklung anschaue, ist die Sache mit den Primeuers schwieriger geworden. Grund dafür sind die vielen neuen Sonntagstitel, die plötzlich links und rechts aus dem Boden schiessen. Insgesamt gibt es nun schon etwa zehn davon allein in der deutschen Schweiz. Als wir starteten, gab es erst zwei. Damals war unser Motto: Für eine dritte, die "NZZaS", hat es im Markt gerade noch Platz.

Wie stark spüren Sie die neue Konkurrenz?

Die Ausgangslage, mit der "NZZaS" Erfolg zu haben und die Auflage weiter zu steigern, ist klar schwieriger geworden. Wir spüren die Konkurrenz jedoch weniger stark als befürchtet, sonst wäre die Auflage kaum immer noch leicht gewachsen. Die Situation verbaut uns aber unsere Entwicklungsmöglichkeiten in den Regionen. Neue Leser zu gewinnen, ist härter geworden.

Sie haben sich vor 1,5 Jahren im Interview 130'000 Exemplare als Auflagenziel für das Jubiläumsjahr 2012 gesetzt. Ziel erreicht?

Hab ich das gesagt? Ja, das haben wir tatsächlich erreicht. Momentan stehen wir bei 130'133 Exemplaren.

Sie haben die zahlreichen neuen Sonntagstitel angesprochen. Nun plant auch das "St. Galler Tagblatt" eine siebte Ausgabe. Was für Chancen gestehen Sie dem Blatt ein?

Wenn man die Entwicklung der übrigen regionalen Sonntagszeitungen betrachtet, sieht man, dass die alle durchaus ein Echo bei den Lesern finden. Ökonomisch überleben sie, weil die Redaktionen sich unter der Woche ein wenig zurücknehmen, damit sie auch noch den Sonntag bespielen können. Es ist mehr oder weniger jeweils die bestehende Crew, die zusätzlich einfach auch noch eine Sonntagszeitung macht. Von den Anzeigen her sind diese Titel hingegen kein Bombengeschäft für die Verlage. Viele Kunden haben einfach aus der Woche in den Sonntag gewechselt, weil man dort einen ähnlich grossen Leserkreis zu tieferen Preisen erreicht. Es ist also eine verlegerische Entscheidung, ob man dies in Kauf nimmt.

Das "St. Galler Tagblatt" gehört zur NZZ-Gruppe. Was bringt Konkurrenz in der eigenen Gruppe?

Der Präzedenzfall war die Lancierung der "Zentralschweiz am Sonntag" vor vier Jahren, die der "NZZ am Sonntag" tatsächlich wenig geschadet hat. Also gab es vermutlich keinen Grund, den St. Gallern eine Präsenz im Sonntagsmarkt zu verbieten. Aber ich war an diesem Entscheid nicht beteiligt.

Im letzten Interview nannten Sie die Entwicklung im Sonntagsmarkt einen "Schweinezyklus". Glauben Sie, dieser ist mit einer Sonntagsausgabe in St. Gallen beendet?

Ich habe gesagt, es bestehe die Gefahr eines "Schweinezyklus". Wenn ich die Medienkarte der Schweiz betrachte, dann sind in der Deutschschweiz fast alle Regionen abgedeckt. Die grosse Ausnahme ist heute noch Bern, wo Tamedia einfach die "Sonntagszeitung" anbot. Doch nun scheint es Pläne zu geben, gemäss dem Modell "Tages-Anzeiger/Bund" etwas Ähnliches am Sonntag zu versuchen. Das wäre also wohl ein "Bund am Sonntag", der weitgehend mit Inhalten aus der "Sonntagszeitung" bestritten würde. Da man sich an der Werdstrasse ja jetzt dem "Spiegel"-Niveau annähert -- so wenigstens hat es der neue Chefredaktor formuliert -- müsste diese Zeitung ein grosses Potenzial haben…

Nebst dem Chefredaktorenposten sind Sie in diesem Jahr als Juror beim Henri Nannen Preis dabei. Auf was freuen Sie sich besonders?

Auf den Kontakt mit den deutschen Kollegen. Die ersten Jurysitzungen sind sehr animiert verlaufen. Da wird ziemlich hart debattiert. Die Arbeiten sind teilweise hervorragend, wobei sich hier auswirkt, dass die deutschen Grossverlage einfach über grössere Ressourcen verfügen. Der Preis ist übrigens hoch professionell organisiert.

Ein Preis wird für "herausragendes Eintreten für Unabhängigkeit der Presse" verliehen. Peter Studer hat im "Echo der Zeit" eben diese Unabhängigkeit der "NZZaS" in Bezug auf den Fall Hummler angezweifelt. Was antworten Sie dem ehemaligen SF-Chefredaktor?

Dass ich nicht weiss, worauf sein Urteil basiert. Irgendein schmalbrüstiger Journalist hat uns ja vorgeworfen, wir hätten in einer Ausgabe 13-Mal über Wegelin berichtet, ohne den Namen Hummler zu nennen. Ich weiss nicht, was damit bewiesen sein soll -- Hummler und Wegelin waren doch Synonyme. Ich denke, die "NZZaS" hat den konkreten Fall nach journalistischen Kriterien mit der nötigen Distanz behandelt. Wir haben die ganze Wegelin-Geschichte thematisiert, ohne eine Kampagne für oder gegen Herrn Hummler zu fahren.

Was haben Sie der Redaktion für Anweisungen gegeben?

Genau dasselbe, was ich nun Ihnen sagte: "Wir führen weder eine Kampagne für noch gegen Herrn Hummler."

Sie sagten, solche Situationen seien schwierig?

Es ist ja bereits das dritte Mal in meiner Laufbahn, dass ich mit einer solchen Situation konfrontiert bin. Das erste Mal war bei der "Weltwoche". Damals geriet der Eigentümer Beat Curti in die sogenannte "Affäre Raffael Huber". Curti zog sich damals aus der Firma zurück und verkaufte sie in Etappen an die Basler Medien Gruppe. Im zweiten Fall ging es um Eric Honegger, der VR-Präsident der Swissair war und gleichzeitig VR-Präsident der NZZ. In diesen Fällen ist man bei der Berichterstattung ähnlich vorgegangen wie jetzt. Dennoch befindet man sich jeweils in einem Glashaus. Wer einem Böses will, kann immer sagen, man sei zu nett oder zu hart gewesen bei der Thematisierung.

Nun will man Ihnen aber nichts Böses, sondern mit ihnen den 10. Geburtstag feiern. Plant "NZZaS" anlässlich des Jubiläums irgendwelche Neuerungen?

Ja, ich möchte die Zeitung gestalterisch überarbeiten. Vielleicht im Herbst, vielleicht später.

Und in welche Richtung wird das gehen?

Ich beobachte, dass die "NZZaS" gewisse Nachahmer gefunden hat. Der Stilbund wurde mehrfach kopiert. Der "Tages-Anzeiger" ist zudem bis hin zu kleinsten formalen Dingen sehr ähnlich geworden wie die "NZZaS". Es ist deshalb Zeit für uns, wieder einen Schritt zu tun.

Es scheint, dass Sie auch nach 10 Jahren noch nicht genug haben von ihrer Zeitung. Denken Sie nie ans Aufhören?

Jede Woche mindestens einmal! Wobei Zeitungsmachen immer ein Bubentraum war und dieser Bub irgendwo immer noch in mir steckt!

Interview: Corinne Bauer.


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