09.03.2011

"Wir gehen noch einen Schritt weiter als die Konkurrenz"

Es geht aufwärts. Nach der schmerzhaften Entlassungswelle vor zwei Jahren wird beim "Tages-Anzeiger" wieder investiert. Im Sommer gibt es die Zeitung auf iPad. Über die Vorbereitungen und die weitere Zusammenarbeit mit Newsnetz unterhielt sich "persoenlich.com" mit "Tagi"-Co-Chefredaktor Res Strehle. Zum Interview:
"Wir gehen noch einen Schritt weiter als die Konkurrenz"

Res Strehle, im Sommer gibt es die bezahlte iPad-Variante vom "Tagi". Wie soll sie aussehen?

Geplant sind zwei iPad-Ausgaben täglich. Eine am frühen Morgen, die im Wesentlichen Inhalte der Printausgabe umfasst. In der Ausgabe am späten Nachmittag erscheint dann die Aktualität des Tages basierend auf Beiträgen aus dem Newsnetz sowie einige Texte aus der Printausgabe von morgen. Die Redaktion wird sich aus Blattmachern und ProduzentInnen zusammensetzen, die gegenwärtig gesucht werden. Sie sind dem Newsnetz zugeordnet, die publizistische Leitung liegt jedoch bei uns.

Kostenpunkt?

Das steht noch nicht fest. Vermutlich werden aber das iPad-Abonnement und auch die Einzelausgabe etwas günstiger sein als das der Printausgabe, da Herstellung und Vertrieb weniger Kosten verursachen.

Von wem lassen Sie sich bei beim iPad inspirieren?

Bei der "Frankfurter Rundschau" gefällt uns, dass ihre iPad-Ausgabe auf eigene Themen setzt und als eigentliches Tages-Magazin fungiert. Bei der Ausgabe der "Welt" finden wir das Multimediale gut. Gut funktioniert dort auch die Einbindung der iPad-Crew in die übrige Newsredaktion. "The Guardian" ist sicher unser Vorbild, was das Interaktive betrifft. Über Web2.0 können sich die Leser aktiv in die Debatte einschalten.

Wir sind aber nicht der Meinung, dass das Ei des Kolumbus schon gefunden wurde. Insbesondere bei der Reduktion der Download-Zeiten, im benutzerfreundlichen Handling, Layout und der Schaffung von gezieltem Mehrwert hoffen wir, noch einen Schritt weitergehen zu können als die Konkurrenz.

Die iPad-Ausgabe soll den gedruckten "Tages-Anzeiger" ergänzen. Schwieriger wird es bei der Online-Ausgabe. Wie geht es mit Newsnetz weiter?

Newsnetz hat 2010 punkto Reichweite und Umsatz die Ziele übertroffen. Wir werden die Gratwanderung zwischen bezahlten Inhalten mit vertiefter Dossierkenntnis und den aktualitätsnahen Gratismedien weiter vorantreiben. Sobald die iPad-Ausgabe da ist, werden wir weniger Artikel aus der Printausgabe online stellen. Die wichtigen Themen aus dem "Tagi" finden Sie dort aber auf jeden Fall weiterhin gratis.

Auf der Newsnetz-Redaktion gibt es viele Wechsel. Ist es bloss ein Einsteigerjob - längerfristig wollen alle zum Print?

Nein, es gibt immer mehr überzeugte Onliner. Aber natürlich haben die Kollegen dort einen sehr stressigen Job und ziehen dann manchmal den Wechsel in den etwas "ruhigeren" und oft besser bezahlten Print vor. Das gibt es aber auf allen Redaktionen. Zudem wird nun unsere Online-Redaktion verstärkt, das bringt dem Team die erwünschte Entlastung. Das neue Personal rekrutiert sich zum Grossteil aus Printleuten, die Fluktuation findet in beide Richtungen statt. Das zeigt, dass der Online-Journalismus inzwischen auch bei den Medienprofis ein gutes Image hat.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Onliner und Printjournalisten?

Wir hatten Angst, die beiden Kulturen könnten wenig Berührungspunkte haben. Die Befürchtung war grundlos. In beiden Bereichen haben wir heute eigenständige Kulturen und sind im Moment glücklich mit diesem Modell. Da im Regionalbereich der Austausch zwischen den beiden Redaktionen sehr wichtig ist, sind die Online-Regionaljournalisten und unsere regionalen Blattmacher im selben Raum.

Auch das iPad wird ein Jointventure zwischen beiden Seiten sein. Langfristig werden die Medien vermutlich konvergieren. Dabei sollten die Stärken beider Kulturen erhalten bleiben. Wir machen diesen Schritt bewusst langsam und vorsichtig.

Der "Tagi" übernimmt viele regionale Geschichten von anderen Zeitungen der Tamedia. Es gibt immer wieder Unmut, weil sich die Regionaljournalisten ausgenommen fühlen. Die Kollegen würden in Zürich ihre Geschichten unwesentlich ergänzen und dann unter ihrem Namen verkaufen. Wie nehmen Sie das wahr?

Das höre ich zum ersten Mal. Wenn einer seinen eigenen Namen unter einen Bericht setzt, muss er mehr als nur ein ergänzendes Telefon dazu gemacht haben. Dann müssen die wesentlichen Aussagen dieses Textes von ihm selber stammen. Sonst würden wir das nicht goutieren.

Auf Ende Jahr wurden viele Stellen im Regionalteil gestrichen. Wie ist die Stimmung im Team?

Wir haben ein neues Produzententeam, welches für die verschiedenen Ausgaben eine gute Seite macht. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten läuft es heute nach Plan. Die Stimmung scheint mir gut.

Im Januar kommunizierten Sie die inhaltliche Zusammenarbeit mit Ihren Westschweizertiteln. Warum wurde dieser Schritt nötig?

Der Kostendruck bei den Tageszeitungen hält an. Synergien, die wir nutzen können, wollen wir auch nutzen. Wir machen das aber nur sehr punktuell und vorsichtig. In den drei Monaten, seit die Zusammenarbeit läuft, haben wir nur einen Artikel übersetzt und bei einigen weiteren die Informationen ausgetauscht. Eine punktuelle Zusammenarbeit scheint aber bei gewissen Themen sinnvoll. Ein gutes Beispiel war zum Beispiel die Diskussion um die damalige CVP-Bundesratskandidatur von Urs Schwaller: Ob er als Westschweizer wählbar ist oder nicht, kann man in seiner Heimatregion besser beurteilen als hier von Zürich aus.

Auf die Wahlen hin haben Sie auch den Politblog aufgebaut. Wie kommt er an?

Der Politblog ist eine Kooperation der Print- und Online-Plattformen von "24 heures", "Tribune de Genève", "Basler Zeitung", "Berner Zeitung", "Der Bund" und "Tages-Anzeiger". Idee, Konzept und Umsetzung kommen aus dem Newsnetz. Ich verfasste beim Start selbst zum ersten Mal einen Blogbeitrag, das war auch für mich Neuland. Beeindruckt hat mich die Eigendynamik. Da wird dann auch die eine oder andere vermeintliche Gewissheit in Frage gestellt. Das scheint mir für jeden Journalisten eine gute Erfahrung.

Wo wollen Sie mit dem "Tagi" Ende Jahr sein?

Die Entwicklung beim "Tagi" vergleiche ich mit einem Dreisprung. Den ersten Sprung haben wir hinter uns. Wir haben die Kosten gesenkt, die News-Plus-Strategie - Schwerpunkte setzen bei den Themen und vertiefen - definiert und uns damit stärker vom Journalismus auf der Kurzstrecke differenziert.

Diese Strategie wollen wir mit noch mehr Recherchen und Hintergrundgeschichten weiter vorantreiben. Es wäre schön, nun zum zweiten Sprung anzusetzen: Uns beispielsweise noch visuell zu verbessern. Daneben die iPad-Redaktion gut aufstellen, neue Formen der Zusammenarbeit erproben und die Aufbruchstimmung im Team aufrecht erhalten.

Und irgendwann lässt sich dann in ein paar Jahren vielleicht die Vision umsetzen, dass der "Tagi" eine grosse dossierkompetente Redaktion hat, deren Beiträge auf Papier, Tablet, Online oder mobile genutzt werden können. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir bis dann nicht nur für die Printausgabe zahlende Leser haben.

Interview: Christine Schnyder


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