04.10.2001

"Wir haben ein echtes unternehmerisches Problem"

Im Rahmen der 4. Schweizer Telemesse "screen-up" referierten Peter Schellenberg, Jürg Wildberger, Gerhard Zeiler, Paul Grau und Marc Friedli unter der Leitung von Medard Meier über die Zukunft des Fernsehens. Die illustre Gesprächsrunde (Bild) machte klar, dass die Branche derzeit unter den Folgen des 11. Septembers und eines schwächeren Werbemarktes leidet. So befinden sich in der Kasse von SRG SSR idée suisse gegen 100 Millionen Franken weniger. Schellenberg sprach von einem möglichen drastischen Szenario, das das Streichen einzelner Programme und Entlassungen vorsehen würde. Gleichzeitig liessen sich die Fernsehmacher in die Karten für die neusten Programme schauen. Die Details:
"Wir haben ein echtes unternehmerisches Problem"

Gemäss RMB Switzerland, Veranstalter der 4. screen-up, registrierten sich mehr als 2300 Personen in der ABB-Halle in Zürich-Oerlikon und liessen sich über Höhepunkte des kommenden TV-Jahres informieren. Kein Stuhl war mehr frei, als im Podium unter der Leitung von Medard Meier (Chefredaktor Bilanz) Peter Schellenberg (Direktor SF DRS), Jürg Wildberger (Geschäftsführer TV3), Gerhard Zeiler (CEO RTL), Paul Grau (CEO StarTV) und Marc Friedli (Geschäftsleiter TeleBärn) diskutierten. Dabei zeigte sich Schellenberg äusserst launisch. Er bestätigte indirekt, dass SRG SSR idée suisse dieses Jahr rund 50 Millionen Franken weniger Werbeeinnahmen und 40 Millionen Franken weniger Gebühren einnehmen wird: "Es zeigt sich, dass wir nicht nur Geldvernichter und Subventionsempfänger sind. Auch für uns spielt der Markt eine Rolle, denn die Werbeeinnahmen machen 60 Prozent unseres Budgets aus. Wir haben ein echtes unternehmerisches Problem." Vom Gesetz her, so Schellenberg, dürfe SF DRS keine Reserven bilden. Ein drastisches Szenario könne sein, Programme zu streichen, was letztlich dazu führe, Leute entlassen zu müssen. "Ich will nicht dramatisieren und jammern, aber wir müssen das Problem bewältigen", meinte Schellenberg. Derzeit sei man daran, dazu ein entsprechendes Papier auszuarbeiten.

Optimistischere Töne schlug Jürg Wildberger an: "Die Tamedia hat für TV3 einen Verlust von 45 Millionen Franken vorausgesagt. Wir werden deutlich besser als das Budget abschliessen. Insbesondere in den ersten sieben Monaten befanden wir uns klar über dem Businessplan. In den nächsten drei Monaten erwarten wir nun ein kleines Minus." Wildberger gab aber zu, dass sich in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten die Empfänger von Gebühren in einer komfortableren Situation befänden. Deshalb budgetiere er für das nächste Jahr in einem stagnierenden Markt mit einem Nullwachstum.

Gerhard Zeiler relativierte die gegenwärtige Stimmung und bezeichnete das Jahr 2000 als "Ausnahmejahr", das RTL zehn Prozent mehr Netto-Werbeeinnahmen bescherte. Der 11. September habe nun der Werbewirtschaft einen Stoss nach unten gegeben. Trotzdem werde der Sender mit tiefschwarzen Zahlen abschliessen, obwohl sich die Schweiz sogar über dem Vorjahr befinde. Während Grau für StarTV Break-even prognostiziert, rechnet Friedli für das Lokalfernsehen TeleBärn mit einem Verlust von zwei Millionen Franken, nachdem das Budget ein Minus von 1.5 Millionen Franken vorsah.

Im Lauf der Diskussion unterliess es Schellenberg nicht, starke Seitenhiebe gegen die Konkurrenz auszuteilen: Das Gute am Ende von Tele24 sei, dass damit ein Vorbild des schlechten Journalismus ausscheide. Friedlis Entgegnung, dank den Privaten habe sich DRS wieder um besssere Leistungen bemüht, stritt der allmächtige Direktor ab und teilte bei einer anderen Frage aus, RTL als Sender existiere bei ihm nicht. Dieser habe noch immer ein "Tutti-Frutti-Image". Die wenig qualifizierten Aussagen lösten unter dem Publikum fragende Gesichter und Stirnrunzeln aus.

Es war Wildberger, der wieder zum Kern der Problematik zurückkehrte, als er meinte: "Es ist ein Skandal, wenn Minister Leuenberger sagt, Sender, die ohne Unterbrecherwerbung nicht auskommen, seien ohnehin am falschen Platz. Tatsache ist, dass wir mit Unterbrechungen 20 bis 30 Prozent höhere Einnahmen haben könnten." Die Aussage des Bundesrats beweise, dass er kein Interesse an Privatfernsehen in der Schweiz habe. In diesem Punkt erhielt Wildberger Schützenhilfe von Zeiler, der von einem Irrtum sprach, wenn man glaube, dass sich in einem kleinen Markt wie der Schweiz eine private Fernsehlandschaft etablieren könne, ohne das öffentlich-rechtliche etwas aufgeben. "Wenn man privates Fernsehen in der Schweiz möchte, muss der Gesetzgeber seinen Beitrag leisten."

Zu den Trends befragte, antwortete Zeiler, dass das Quiz als Format dank "Wer wird Millionär" wieder top sei, während Reality-Programme in Deutschland "tot" seien. Gewonnen habe, wer Programme ausstrahle, die zum Lachen auffordern. Der erfolgreichste Fernseh-Tag sei der Freitag, an dem RTL Sitcoms ausstrahle. Wildberger entgegnete, dass Reality eine Chance habe, wenn man die Form reduziert einsetzt. Nächstes Frühjahr werde TV3 jedenfalls nicht mehr tägliche Reality-Shows ausstrahlen. Dafür seien derzeit Gespräche im Gang, allenfalls "Money" auch bei TV3 täglich zu senden.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen