07.09.2001

"Wir haben – gopfriedstutz! – ein Kronjuwel in unseren Händen"

"Eineiige Zwillinge" sind sie bestimmt nicht, die beiden neuen Chefredaktoren, welche der Weltwoche zu alter Beachtung verhelfen sollen. Roger Köppel und Kenneth Angst (Bild) wollen sich vielmehr optimal ergänzen – sowohl im publizistischen wie auch im administrativen Bereich. Das Interview:
"Wir haben – gopfriedstutz! – ein Kronjuwel in unseren Händen"

Fachwelt und Öffentlichkeit reagierten verblüfft auf die Nomination von Roger Köppel. Noch grösseres Erstaunen löste die Nachricht aus, dass der "Tagi"-Spitzenmann als erste Amtshandlung mit Kenneth Angst eine NZZ-Grösse zu sich als Co-Chefredaktor berief. Wie haben Sie beiden den Medienrummel überstanden, den diese Ankündigungen auslösten?

Köppel: Damit kann ich leben. Ich kenne Kenneth Angst schon lange und kann nur immer wieder betonen, wie wichtig es mir ist, die besten Kräfte für die Weltwoche zu gewinnen. Wenn man diese Chance bekommt, dann muss man sie im Dienst von Qualität und Titel sofort packen.

Angst: Das Modell der Co-Chefredaktion ist im Übrigen keineswegs neu; es wurde früher auch bei der Weltwoche praktiziert und hat durchaus seine Vorteile, indem es die kreativen Kräfte von Leuten summiert, die sich in der freiwillig gewählten Konstruktion ergänzen und nicht blockieren wollen. Auf diese Aufgabe freue ich mich.

Haben Sie sich bereits auf eine Arbeitsteilung festgelegt?

Köppel: In vorerst provisorischer Form ist das geschehen. Um Verlagsangelegenheiten und Budgetfragen kümmert sich in erster Linie Kenneth Angst. Den Weltwoche-Relaunch und die damit verbundenen Personalfragen sind meine prioritären Aufgaben. Gemeinsam betreuen wir das "Daily Business" sowie die publizistischen Belange. Bezüglich Blattmacherrolle und Redaktionsleitung wechseln wir uns vorderhand ab.

Nehmen Sie schon jetzt Einfluss auf die redaktionelle Arbeit des bisherigen Teams?

Angst: Wichtig ist momentan die bestmögliche Weiterführung der bestehenden Weltwoche. Da helfen wir in inhaltlicher und thematischer Form nach Kräften und versuchen entsprechende Akzente, entsprechend unseren publizistischen Vorstellungen, zu setzen. Selbstverständlich verzichten wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf formale Eingriffe.

Köppel: Es geht jetzt vor allem darum, in bewährter Form die Tradition und die verbliebenen Stärken der Weltwoche zu pflegen. Ausserdem wollen wir die Redaktion wieder neu motivieren.

Wird das bisherige Team in die Überlegungen zum Relaunch einbezogen?

Köppel: Wir gehen von bestimmten journalistischen Prinzipien und Stossrichtungen aus, die in der Umsetzung immer wieder diskutiert werden müssen. Was den Relaunch angeht: Eine breite Vernehmlassung ist zu früh, aber natürlich möchten wir die Ideen innerhalb der Redaktion aufgreifen.

Sie haben Ihre Tätigkeit bei der Weltwoche offiziell erst Ende August aufgenommen. Was ist in der Zeit zwischen Berufung und Arbeitsbeginn geschehen?

Köppel: Die Nachricht vom Wechsel des Duos Köppel/Angst zur Weltwoche hat bei den grossen Zürcher Medienhäusern einige Nervosität ausgelöst. Natürlich haben wir auch versucht, einige gute Leute an Bord zu holen, was in der Zwischenzeit auch tatsächlich gelungen ist. Mit Andreas Dietrich, Martin Beglinger, Eugen Sorg, Beatrice Schlag und Bruno Ziauddin haben wir ganz hervorragende Journalisten für die Weltwoche gewinnen, zum Teil sogar wieder gewinnen können.

Angst: Und wohl verstanden: Die Neuverpflichtungen kompensieren zum Teil lediglich die in jüngster Zeit erfolgten Abgänge. Wenn die Weltwoche im zunehmenden Konkurrenzumfeld ihre Segel nicht kampflos streichen will, dann besteht zusätzlicher Bedarf an erstklassigen Journalisten.

Was macht Sie so optimistisch, in diesem zunehmenden Konkurrenzumfeld erfolgreich bestehen zu können?

Köppel: Je grösser das Angebot an konfektioniertem Marketing-Journalismus, desto stärker wird mit Sicherheit die Nachfrage nach bewährten Titeln, nach historisch gewachsener Glaubwürdigkeit. Das ist unsere grosse Chance.

Kann erstklassiger Journalismus den Anzeigenmarkt derart nachhaltig beeinflussen, dass neben den publizistischen auch die kommerziellen Ziele zu erreichen sind?

Angst: Unter erstklassig verstehe ich nicht einen elitären und dünkelhaften Journalismus. Unsere Losung muss heissen: Je besser, desto mehr Leser. Wir müssen Leistungen erbringen, die ein breites Publikum interessieren, müssen origineller, intelligenter, vielleicht auch etwas frecher sein. Was wir brauchen, sind Themen, die überraschen, die im Trend liegen und über das Erscheinungsdatum hinaus Gesprächsstoff sind.

Köppel: An uns liegt es, die Akzente zu setzen, und der Markt wird darüber entscheiden, ob wir das in richtiger Form tun werden.

Heisst dies mehr Recherche und weniger Betrachtung oder Meinung?

Angst: In dieser absoluten Form lässt sich das nicht sagen. Ein Entweder-oder gibt es da nicht. Wir brauchen beides, Pflicht und Kür, den intelligenteren Kommentar, die sorgfältigere Analyse genauso wie den Aufsehen erregenden Primeur – falls die personellen Ressourcen dafür auch wirklich vorhanden sind. Was wir nicht wollen, ist Meinung um der Meinung willen. Was wir wollen, ist Neues erschliessen und nicht Altbekanntes auch noch einmal aufwärmen.

Das tönt spannend und farbig – so farbig wie der künftige Auftritt der Weltwoche?

Köppel: Wir sollten davon absehen, das künftige Bild der Weltwoche schon heute in bestimmte Kategorien einzuteilen. Der Grundsatz, der uns leitet, heisst: Alles, was gemacht wird, hat – wenn auch in zeitgemässer Form – im Dienste der Erneuerung einer grossen Weltwoche-Tradition zu geschehen. Alle, die hier arbeiten, und dazu auch die Gesamtheit der Leser sollen wieder stolz sein auf diesen Titel, diese einzigartige Marke. Ich sage es drastisch: Wir haben – gopfriedstutz! – ein Kronjuwel in unseren Händen.

Angst: Wir wollen der Weltwoche eine gestalterische Form geben, welche den Titel profiliert. Wir müssen jetzt ein zukunftsfähiges Format entwickeln. Mehr können wir dazu nicht sagen; lassen Sie sich überraschen!

Köppel: Sagen wir es abschliessend doch einmal so: Die neue Weltwoche wird eine im Überformat gestaltete zeitungsähnliche Zeitschrift, in welcher die Restwärme der heutigen Erscheinungsform enthalten ist...


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