29.10.2001

"Wir Journalisten sind so austauschbar wie Tramführer oder Banker"

Mathias Nolte (Bild) arbeitet seit 1976 als Journalist. Der deutsche Illustriertenprofi war Unterhaltungs-Ressortleiter bei der Bunten, stellvertretender Chefredaktor bei Penthouse, Chefredaktor von Ambiente und Forbes. 1984 erschien sein Roman "Grosskotz", der in Zürich spielt und ein Bestseller wurde. Im September 2000 wurde der Vollblut-Journalist als Berater in die Blick-Chefredaktion geholt. Seit August ist er in dieser Funktion für den SonntagsBlick tätig. So denkt Mathias Nolte über Boulevard in Deutschland und in seiner Wahlheimat Schweiz. Das Interview:

Mathias Nolte, Sie haben ein bewegtes journalistisches Vorleben, waren u.a. Ressortleiter für Unterhaltung bei der Bunten, stellvertretender Chefredaktor von Penthouse, Chefredaktor der Architekturzeitschrift Ambiente und des Wirtschaftsmagazins Forbes. Sie schreiben für Springers Tageszeitung Die Welt und sind Buchautor. Vor gut einem Jahr hat Sie Frank A. Meyer als Berater zu Ringier geholt. Wie kam es zu Ihrer Einstellung?

Herr Meyer hat mich in Berlin angerufen. Wir haben uns in Zürich verabredet. Er hat mich gefragt, ob ich eine Zeit lang zum Blick kommen könnte. Ich habe Ja gesagt. Dann sind wir in die Kronenhalle gegangen, und er war ganz erstaunt, dass die Kellner mich wie einen alten Freund behandelt haben.

Für Sie war es das erste Mal, dass Sie in einer Boulevard-Zeitung gearbeitet haben. Was konnten Sie einbringen, wo spürt der Blick-Leser Ihre Handschrift?

Ich habe schon für die Berliner BZ gearbeitet. Die war seinerzeit ein richtig fröhliches Krawall-Produkt der Spasskultur, das die Spasskultur auf die Schippe genommen hat. Der Blick ist ernster, politischer und auch präziser. Ich habe versucht, mehr Leichtigkeit ins Blatt zu bringen. Manchmal ist das gelungen, manchmal nicht.

Wo sind Sie mit Ihren Ideen auf Widerstand gestossen?

An allen Ecken und Enden. Aber das war sehr belebend.

Was hat Sie am meisten bei Ihrer Arbeit auf der Blick-Redaktion beeindruckt?

Dass eine kleine Mannschaft so viel auf die Beine stellen kann, besonders in Krisenzeiten. Die bewältigt die Blick-Redaktion perfekt, besser als jedes Boulevardblatt in Deutschland. Und dann gibt es da auch noch einen de Schepper, der Locken auf ner Glatze drehen kann. Der hat mich auch beeindruckt. Fette Schlagzeilen zu formulieren, wenn die Nachrichtenlage keine hergibt, ist nämlich besonders schwierig.

Warum haben Sie Ihre Arbeit beim Blick schon nach wenigen Monaten wieder beendet?

Ich war länger beim Blick als verabredet. Abgemacht war ein halbes Jahr, daraus geworden ist fast ein Jahr. Hubert Burda hat mir mal gesagt, er könne nichts länger als 20 Minuten machen. Dagegen ist ein Jahr doch eine Ewigkeit. Fragen Sie mal Jürg Lehmann...

Seit einigen Wochen sind Sie nun für den SonntagsBlick tätig. Was sind hier Ihre Aufgaben?

An der Gestaltung des Blatts teilhaben.

Was wollen Sie verändern und bewegen?

Die Auflage. Nach oben. Obwohl das bei der Konkurrenz einfacher wäre. Die SonntagsZeitung hätte Entwicklungshilfe nötig.

Wo sehen Sie die grössten Unterschiede zwischen dem Boulevardjournalismus in der Schweiz und dem in Deutschland?

Der deutsche Boulevardjournalismus ist aggressiver. Die Journalisten haben keine Angst, Indiskretionen zu verbreiten. Sie haben den Mut - das meine ich nicht positiv - den Mut, einen Skandal zu inszenieren. Sie nehmen weniger Rücksicht und pfeifen auf Ausgewogenheit. Wehe dem, der zum Abschuss frei gegeben wird... Das ist hier anders. Wenn Ilona Hug - oder wer auch immer - eine Tatsache nicht veröffentlicht sehen will, dann verzichtet man meistens darauf. Man geht hier besser miteinander um. Das können sich die deutschen Journalisten nicht leisten. Die Konkurrenz ist zu gross. Allein bei Bild arbeiten 900 Redakteure und Reporter, die gedruckt werden wollen. Man sagt, wenn einer von denen Selbstmord machen will, müsse er nur vom Berg seiner ungedruckten Manuskripte springen. Diese Gefahr besteht bei uns im Verlag nicht.

Wo liegen die Stärken des SonntagsBlick?

Die Frage sollten Sie den 1'044'000 Lesern stellen. Der SonntagsBick ist aufregend, und er kommt schnell auf den Punkt. Bei den meisten Themen sieht die Konkurrenz gegen ihn alt aus. Er hat viele Primeurs, herausragende Reporter und einen Chefredaktor, der genau weiss, was er will und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.

... und wo seine Schwächen?

In den Rollläden vor den Fenstern, die der Willkür gehorchen, nur um mich zu ärgern.

Sie sind bekannt für Ihre guten Kontakte: Wie pflegen Sie Ihr aussergewöhnliches Beziehungsnetz?

Mit dem Natel.

Sehen Sie sich bei Ringier vor allem als Berater oder als Journalist?

Den Beruf Berater gibt es doch gar nicht. Also bin ich Journalist, oder es gibt mich gar nicht.

Könnten Sie sich auch vorstellen, wieder einmal eine Chefredaktion zu leiten?

Grundsätzlich kann ich mir alles vorstellen. Nur langweilen will ich mich nicht.

Während Ihrer Zeit bei Penthouse in Zürich haben Sie den Schlüssel-Medienroman "Grosskotz" geschrieben. Ein Bestseller, der im Diogenes-Verlag erschienen und inzwischen vergriffen ist. Das war 1984. Seitdem herrscht Funkstille: Warum schreiben Sie keine Romane mehr?

"Grosskotz" war kein Schlüsselroman. Das haben viele behauptet, aber es war keiner. Dass so viele Menschen sich und andere in den fiktiven Figuren wiedererkannt haben, hat mir nur gezeigt: Wir Journalisten sind so austauschbar wie Tramführer oder Banker. Das mag gut sein für Verleger, für uns allerdings weniger. Einen Roman würde ich gern wieder schreiben, aber ich habe Probleme, mich konzentriert neun Monate lang in einem Zimmer einzuschliessen und über ein Thema nachzudenken. Ich denk immer, ich verpass was. Was natürlich gar nicht stimmt.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Wahlheimat Schweiz?

Als ich am 1. Oktober, einen Tag bevor die Swissair auf dem Boden blieb, von Berlin nach Zürich flog, und der Pilot beim Landeanflug sagte: "Meine Damen und Herren, ich hoffe für Sie und für mich, dass dies nicht unser letzter Swissair-Flug war" - da hab ich ein Stechen in der Brust gespürt. Ich hab mir ans Herz gefasst und gedacht: Jetzt fehlt nur noch, dass die Kronenhalle dicht macht und die Rigi für Touristen gesperrt wird. Wenn ein Lufthansa-Pilot die gleiche Äusserung gemacht hätte wie der Swissair-Pilot, hätte mich das wahrscheinlich kalt gelassen.

Kein Heimweh nach Deutschland?

Nach Deutschland nicht, nach Berlin gelegentlich. Berlin lässt einen in Ruhe, wenn man allein sein will, und es umarmt einen stürmisch, wenn man Liebe braucht. Ausserdem mag ich Currywurst lieber als St. Galler Spezialbratwurst. Ein schlechter Geschmack ist oft aufregender als ein guter.

Ihre Frau und Ihre drei Töchter leben in den USA - in Florida und New York, wo sie sich am 11. September aufhielten. Was haben Sie empfunden, als die ersten Meldungen über den Terrorakt am World Trade Center bekannt wurden?

Ich war traurig, weil meine Töchter Angst hatten und geweint haben.

Im SonntagsBlick vom 16. September schrieb Ihre fünfzehnjährige Tochter Laura eindrücklich darüber, wie sie den Horror in Manhattan erlebte. Wird Ihre Tochter einmal in Ihre journalistischen Fussstapfen treten?

Da sie denselben Artikel nicht nur dem SonntagsBlick sondern auch der Welt und dem Rowohlt Verlag verkauft hat, nehme ich an, dass sie Kauffrau wird und in ein paar Jahren ihren Schweizer Landsleuten zeigen wird, dass man eine Luftfahrtgesellschaft durchaus lukrativ führen kann. Das wärs doch. Oder?


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