Herr Kall, Ihr Rücktritt als CEO kommt überraschend und erfolgt ja erst 2013. Warum diese frühe Ankündigung?
Die frühe Ankündigung soll ein Zeichen der Kontinuität setzen. Meine Frau und ich haben uns diesen Schritt gut überlegt und nach unserem Entscheid habe ich dann den Verwaltungsrat frühzeitig informiert. Es gibt ja in keiner Weise eine "Notlage", daher ist diese Rücktrittsankündigung ein ganz normaler Vorgang.
Erfolgte dieser Rücktritt auf Ihren Wunsch oder gab es intern Schwierigkeiten?
Nein, es gab intern keine Probleme. Es war mein persönlicher Wunsch, den ich lange schon in mir hegte.
Sie sprechen von Plänen mit Ihrer Frau, von einem neuen Projekt, das noch nicht konkret ist. Trotzdem: Was werden Sie tun, wenn Sie nicht mehr Tamedia-CEO sind?
Da sind so viele verschiedene Richtungen möglich. Meine Frau und ich wollen einfach etwas Neues anpacken. Was genau ob ein Projekt in der Schweiz oder sonst wo auf der Welt , das wird sich weisen. Wir haben ja noch Zeit für die Entscheidung, mindestens 18 Monate.
Ein Projekt in der Medienbranche käme auch in Frage?
Alles ist offen, ich kann momentan nicht mehr sagen.
Sie konnten heute das beste Halbjahresergebnis seit dem Börsengang präsentieren. Ist dies ein Erfolg, der sich langfristig gesehen vor allem durch Stellenabbau und Prozessoptimierungen einstellte?
Dieses gute Halbjahresergebnis ist in erster Linie auf die Fusion mit Edipresse zurückzuführen und nicht das Resultat eines Stellenabbaus. Den grössten Ergebnisbeitrag leistet das Geschäftsfeld Print National, in dem wir in den letzten Jahren ganz im Gegenteil viele Stellen geschaffen haben. So zum Beispiel bei der "20 Minuten"- Familie, die wir ursprünglich mit 60 Stellen übernommen hatten und die heute über 250 Stellen umfasst. Das gute Ergebnis ist eine Balance. Eine Balance zwischen einerseits Unternehmenseinheiten, die neu aufgestellt werden und bei denen wir auch schmerzliche Einsparungen vornehmen mussten und andererseits Bereichen, in denen sich mutige Investitionen bezahlt machten.
Nun haben Sie auch bereits das Synergiepotential beziffert: 23 Millionen Franken wollen Sie sparen. Wie?
Dieses Synergiepotential im Umfang von 23 Millionen betrifft Dienstleistungsbereiche von Tamedia und Edipresse, die wir zusammenlegen können. Dadurch sparen wir in allen Unternehmensstäben. Ausserdem haben wir festgestellt, dass wir bei der Logistik, im Druck und bei der Vorstufe noch effizienter werden können. Die Einsparungen betreffen verschiedene, auch kleine Posten, insgesamt sind es sind hunderte von Einzelmassnahmen.
Einsparungen beim Personal? Sie werden also Stellen abbauen.
Ja, es wird einen Stellenabbau geben, den wir aber über den Zeitraum von drei Jahren bewältigen wollen, möglichst über natürliche Fluktuationen.
Welche Bereiche sind betroffen?
Vom Stellenabbau sind alle Bereiche betroffen, daher sind es in den einzelnen Teams nur ganz wenige Stellen.
Von welcher Grössenordnung sprechen Sie?
Es sind so wenige Stellen, dass wir nicht einmal einen Sozialplan benötigen werden. Falls es zu Kündigungen kommt, werden wir die Mitarbeitenden unterstützen. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass wir den Abbau über natürliche Fluktuation vornehmen können.
Tamedia will auch auf der publizistischen Ebene die Zusammenarbeit zwischen Romandie und Deutschschweiz intensivieren. Wie konkret?
Wir wollen nicht nur Finanzen und Dienstleistungen zusammenlegen, sondern auch etwas Neues lancieren. Deshalb haben wir uns entschieden, das Newsnetz von baz.ch, bernerzeitung.ch, derbund.ch und tagesanzeiger.ch um die Newssites in der Westschweiz zu erweitern, also ein nationales Newsnetz aufzubauen. In der Romandie und in der Deutschschweiz wird es die gleiche technische Infrastruktur geben sowie mehr redaktionelle Stellen vor Ort und eine gemeinsame Werbe-Vermarktung.
Im Mai 2011 haben Sie angekündigt, im Onlinebereich 200 neue Stellen zu schaffen (persoenlich.com berichtete) Sind Sie auf Kurs?
Ja, wir sind nicht nur im Plan, sondern noch besser unterwegs als erwartet. Das heisst, es werden nun sogar noch mehr zusätzliche Stellen geschaffen: Wir werden innerhalb von zwei Jahren 320 bis 330 neue Stellen kreieren. Das erste Halbjahr seit meiner Ankündigung am Swiss Media Forum ist nun vorbei. Bis anhin haben wir 150 neue Leute eingestellt. Zu den bereits erfolgten Neueinstellungen gehören beispielsweise auch die neuen Mitarbeiter von scoup.ch. Wir wollen im Geschäftsfeld Digital weiter stark wachsen, werden also in den nächsten eineinhalb Jahren nochmals rund 180 Stellen schaffen.
Innert dreier Jahre wurden rund 180 ältere Journalisten entlassen, dafür jüngere eingestellt. Dossierkenntnis, Fachwissen und Expertise gingen verloren. Jetzt will Tamedia Recherche und investigativen Journalismus wieder stärken. Holen Sie nun die damals Entlassenen wieder zurück?
Nein. Dieser von Ihnen angesprochene Stellenabbau erfolgte, weil uns allen klar war, dass die jeweiligen Medien diese Stellen nicht mehr nachhaltig finanzieren können. Ich möchte aber auch sagen: Der "Tages-Anzeiger" ist heute im Leser- und Werbemarkt erfolgreich. Das zeigt, dass wir mit weniger Ressourcen eine gleich gute oder meiner Meinung nach sogar eine bessere Zeitung machen können. Daher kommen wir sicher nicht mehr auf die entlassenen Journalisten zurück. Von solchen Jojo-Diäten halte ich gar nichts. Wenn wir etwas tun, dann machen wir es möglichst langfristig und damit nachhaltig.
Im Onlinebereich gibt es ja eine Zusammenarbeit mit den routinierten Journalisten von Infosperber oder denjenigen von Clack. Wollen Sie weitere solche Text-Sharing-Modelle etablieren?
Klar, im Onlinebereich sind wir offen für unterschiedlichste Formen der Zusammenarbeit. Und wir werden auch weiterhin investieren.
Bei der Kooperation zwischen 20min.ch mit Infosperber mussten Sie aber wohl nicht viel investieren, Infosperber liefert die Texte ja gratis (vgl. medienwoche.ch).
Die Redaktion von 20 Minuten Online entscheidet zum Glück eigenständig über solche redaktionelle Partnerschaften. Ich kenne die Details der Zusammenarbeit nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass diese Frage von entscheidender strategischer Bedeutung für das Gesamtunternehmen ist.
Wer für ein bestimmtes Tamedia-Produkt arbeitet, soll stolz darauf sein, sagten Sie in einem Persönlich-Interview nach Ihrem Amtsantritt. Glauben Sie, dass Ihre Journalisten und andere Mitarbeiter stolz sind, für Tamedia arbeiten zu können?
Ja, davon bin ich überzeugt. Denn sonst würden wir ja keine neuen Mitarbeiter finden. Doch unsere Kollegen sind vor allem stolz für ihr jeweiliges Medium zu arbeiten, für den "Tages- Anzeiger", "Annabelle", oder sonst einen unserer vielen Titel.
Und Sie selber?
Ich bin stolz auf das Ergebnis, das unsere Mitarbeitenden erreicht haben. Tamedia ist heute hervorragend aufgestellt und ich habe vermutlich die schönste Aufgabe in der Schweizer Medienbranche.
Wie geht es nun weiter, welche wichtigen Projekte stehen an?
Interessant wird sein, wie sich die iPad-App des Tages-Anzeigers entwickelt. Sie ist ja ab September kostenpflichtig. Bisher sind wir sehr zufrieden. Die App wurde 40000 Mal heruntergeladen, täglich zählen wir durchschnittlich 10'000 Besuche. Das zuständige Team leistet eine vielversprechende Arbeit, die auch international gelobt wurde. Ausserdem investieren wir in "20 Minuti" und bauen scoup.ch aus.
Und wie geht es weiter mit Radio 24 und Capital FM?
Bis Ende Jahr werden wir eine Entscheidung treffen. Grundsätzlich wollen wir uns vom Radiogeschäft trennen, doch Radio 24 entwickelte sich in den letzten Monaten über den Erwartungen, so dass wir uns auch den Verbleib von Radio 24 bei der Tamedia vorstellen können. Aber wie gesagt; bis Ende Jahr werden wir Klarheit schaffen.
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