03.05.2021

Fairmedia

«Wir wollen den Journalismus stärken»

Die Anlaufstelle für Betroffene von Medienberichten ist fünf Jahre alt. Pünktlich zum Jubiläum hat mit Catherine Thommen eine neue Präsidentin das Zepter übernommen. Die 41-Jährige will nun den Verein finanziell besser aufstellen. Denn Fairmedia sei wichtiger denn je.
Fairmedia: «Wir wollen den Journalismus stärken»
«Fairmedia mischt sich aktiv in die Debatte ein und setzt sich für die Einhaltung der journalistischen Grundregeln ein», sagt Catherine Thommen, neue Präsidentin von Fairmedia. (Bild: Pablo Wünsch Blanco)
von Christian Beck

Frau Thommen, hat die Glaubwürdigkeit des Journalismus durch die Coronakrise zu- oder abgenommen?
Die Krise hat vor allem gezeigt, wie wichtig seriöser Journalismus ist. Mit zunehmender Dauer der Pandemie, so scheint mir, öffnen sich Glaubensgräben für oder gegen die Corona-Massnahmen. Die Fronten sind teilweise so verhärtet, dass man schon gar nicht mehr miteinander spricht. Eine wichtige Aufgabe der Medien ist es, eine gemeinsame Tatsachengrundlage zu schaffen, quasi «common ground». Diese Krise zeigt, dass diese Aufgabe wichtiger denn je ist.

Fairmedia setzt sich ein für die Einhaltung journalistischer Grundregeln. In 29 Fällen mussten Sie im letzten Jahr beraten. Warum kommen Betroffene zu Ihnen?
Es kommen vor allem Leute, die keine Medienerfahrung haben und sich von Journalistinnen oder Journalisten unfair behandelt fühlen. Teilweise haben sie mit ihrem Gefühl recht und es fand eine Regelverletzung statt. Manchmal muss den Leuten aber auch erklärt werden: Hier wurde journalistisch sauber gearbeitet.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Eine Frau ruft bei uns an und beklagt sich über ein Videointerview, das der «Blick» mit ihr geführt hat. Sie sehe im Beitrag nicht sehr schmeichelhaft aus. Sie habe nicht gewusst, dass der Blick-Reporter einen Videobeitrag mit ihren Aussagen machen werde. Da sagen wir dann: Hier liegt ein Missverständnis vor. Der Reporter gab sich mit Kamera und Mikrofon klar als Journalist zu erkennen. Wer etwas ins Mikrofon sagt, muss damit rechnen, dass er oder sie in einem Beitrag erscheint. Es ist also kein journalistischer Fehler passiert. In solchen Fällen leisten wir Aufklärungsarbeit und vermitteln zwischen Medienschaffenden und Betroffenen. Am Ende kam der Blick der Frau sogar entgegen und hat den Videobeitrag online gelöscht.

«Betroffene wissen häufig nicht, was sie tun sollen»

Interveniert hat Fairmedia beispielsweise bei Inside Paradeplatz. Was war passiert?
In diesem Fall ging es um eine Persönlichkeitsverletzung. Nach einem Artikel über eine angebliche Affäre von Alain Berset wurde in den Leserkommentaren mehrfach der Name einer Person genannt. Auch tauchte der Artikel bei der Google-Suche nach diesem Namen auf. Diese Person kannte Herrn Berset aber nicht einmal persönlich.

Und was unternahm Fairmedia dagegen?
Unser Geschäftsführer hat mit dem Seitenbetreiber Kontakt aufgenommen und auf die Persönlichkeitsverletzung hingewiesen. Daraufhin wurden die Kommentare gelöscht.

Aber hätte sich diese Person nicht direkt bei Inside Paradeplatz melden und damit dasselbe bewirken können?
Betroffene wissen häufig nicht, was sie tun sollen – unter anderem auch, weil sie ihre Rechte nicht kennen. Das war in diesem Fall auch so. Unser Geschäftsführer hat mir gesagt, dass die Betroffene auch deshalb froh um Unterstützung war, weil sie in dem Moment nicht imstande war, etwas zu unternehmen, und auch schlecht Deutsch sprach.

Fairmedia rüffelt nicht nur, sondern sucht auch den Kontakt zu Medienschaffenden. Wie konkret machen Sie das?
Fairmedia geht es in erster Linie nicht darum anzuprangern, wir wollen den Journalismus stärken. Wenn die Geschäftsstelle eine Regelverletzung sieht, nimmt sie direkt den Kontakt mit der Redaktion auf. Nicht selten ist der Fehler nicht aus bösem Willen entstanden, sondern aus Unwissen – und in der Regel ist man dann auch dankbar für den Hinweis.

«Fairmedia sieht sich als Vermittlerin, auf vielen Ebenen»

Wie sehen Sie Fairmedia? Einfach als Vermittlerin? Sanktionieren können Sie ja wohl nicht …
Nein, das kann Fairmedia nicht. Der Presserat, der die Regelverletzungen der Medien rügt, kann übrigens auch nicht sanktionieren. Und trotzdem kann man bereits viel erreichen, wenn man die Öffentlichkeit über die Verfehlungen informiert. Das schärft einerseits das Bewusstsein der Menschen und erinnert die Medien andererseits an ihre Verantwortung. Fairmedia sieht sich also durchaus als Vermittlerin, auf vielen Ebenen.

Sie wollen also mehr sein als eine Opferanlaufstelle, die gegen Medien vorgeht?
Absolut. Gerade in der heutigen Zeit kommt den Medien eine wichtige Rolle zu. In den sozialen Medien ist es einfach, sich in der eigenen Bubble zu bewegen. Publizistische Medien aber haben die Aufgabe, Meinungen, Sachverhalte und Theorien kritisch zu hinterfragen. Damit sie glaubwürdig sind, braucht es klare Richtlinien. Fairmedia mischt sich aktiv in diese Debatte ein und setzt sich für die Einhaltung der journalistischen Grundregeln ein.

Wie viele Mitglieder haben Sie?
Etwas über 100, wenn ich mich recht erinnere. Es dürfen aber gerne noch mehr werden. Unsere Beratungen sind übrigens nicht an eine Mitgliedschaft geknüpft …

Wie finanziert sich Fairmedia denn?
Über Einzelspender und Mitglieder. Damit das Beratungsangebot von Fairmedia aber auch in Zukunft allen zugänglich bleibt, brauchen wir noch deutlich mehr Spenden und mehr Mitglieder. Daran arbeiten wir im Moment intensiv.

«Mir liegt ein glaubwürdiger Journalismus am Herzen»

Sie als Präsidentin arbeiten ja ehrenamtlich. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Weil mir ein glaubwürdiger Journalismus am Herzen liegt. Ich mag es, Geschichten zu erzählen und Dingen auf den Grund zu gehen. Damit Leute uns ihre Geschichten anvertrauen, braucht es ein gegenseitiges Vertrauen. Vertrauen gewinnt man aber nur, wenn man fair und transparent arbeitet. Das heisst nicht, dass man nicht kritisch sein darf. Fairmedia setzt sich für die Einhaltung der Spielregeln ein, und das gefällt mir. Auch, dass oftmals der Dialog gesucht wird. Wir stellen leider auch immer wieder fest, dass viele – gerade auch junge Journalistinnen und Journalisten – die Presseratsregeln gar nicht kennen und froh sind um diesen Austausch.

Sie wurden eben erst als SRF-TV-Korrespondentin für die Region Basel Baselland ernannt (persoenlich.com berichtete). Bringen Sie beide Aufgaben gut unter einen Hut?
Von den Tätigkeiten her sehe ich kein Problem. Zeitlich wird es sicher eine Herausforderung – aber ich bin positiv gestimmt. Zusammen mit dem Vorstand und unserem Geschäftsführer haben wir in den letzten Monaten intensiv an unserer Strategie gefeilt. Jetzt wo diese steht, können wir uns als Vorstand auch wieder etwas zurückziehen. Die Geschäftsstelle ist in guten Händen. In das operative Geschehen bin ich nicht involviert, auch nicht in die konkreten Fälle, dies allein schon aus Datenschutzgründen.

Fairmedia ist nun fünf Jahre alt. Wohin soll sich der Verein in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Die aktuelle Lage der Medienbranche und die Polarisierung der Öffentlichkeit zeigt sehr deutlich: Es braucht eine Organisation wie Fairmedia – mehr denn je. Ich hoffe also stark, dass wir in den nächsten Jahren einen Beitrag leisten können, den Journalismus und letztlich auch die Demokratie zu stärken.

Welches erachten Sie als die wichtigste Aufgabe, die sie als erstes in Angriff nehmen wollen?
Die Geschäftsstelle ist mit ihren Tätigkeiten im Moment am Anschlag und müsste dringend aufgestockt werden. Nur so können wir das, was ich gerade angesprochen habe, längerfristig umsetzen. Die Finanzierung der nächsten Jahre hat deshalb oberste Priorität.



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