Rainer Kuhn, im Juni feiert "kult.ch ("www.kult.ch") sein zweijähriges Bestehen. Dazu realisieren Sie eine Jubiläums-Printausgabe ("Kultzeitung"). Auf was können sich die Leser freuen?
Auf die besten Blogs von "kult.ch" der letzten zwölf Monate. Gestaltet und produziert als klassische Zeitung. Eine Fusion der neuen (Blogs) und alten (Zeitung) Medien. Das hat eine ganz spezielle Wirkung.
Wer bekommt die "Kultzeitung"?
Wir drucken 20'000 Exemplare. Verteilt werden Sie von Hand an verschiedenen Orten wie zum Beispiel am See, in Cafés oder in der Badi.
Bleibt es bei dieser einen Printausgabe?
Mir gefiel die Idee schon immer, Blogs in gedruckter Form zu verbreiten und damit den Konsum dieser elektronisch publizierten Gedanken energieunabhängig zu machen. Ich habe das ja mit dem "notebook" bereits rund zwei Jahre lang gemacht. Mit der "Kultzeitung" geh ich jetzt einfach noch einen kleinen Schritt weiter, das heisst: Ich mache eben nicht ein Magazin, sondern eine richtige Zeitung.
Ob ich diese als Einmalaktion geplante Ausgabe zu einem späteren Zeitpunkt regelmässig herausbringen werde, hängt vom Anzeigenmarkt ab. Nur: der foutiert sich ja - von wenigen Ausnahmen abgesehen - bekanntlich seit einigen Jahren um kleinauflagige Titel, auch wenn sie noch so spannend gemacht sind und über eine treue Community verfügen.
Ich zweifle also daran, dass es für ein Kleinstunternehmen zur Zeit wirtschaftlich möglich wäre, regelmässig mit einer solchen physischen Publikation zu erscheinen, da müsste sich schon eine Kooperation mit einem grösseren Verlag ergeben. Aber inhaltlich und formal wäre es für mich auf jeden Fall ein Leichtes, diese Idee in Serie zu produzieren.
2009 starteten Sie "kult.ch" fast ausschliesslich mit der ursprünglichen Crew vom "Kult". Sind die noch immer in Ihrer Redaktions-Band?
"Kult" hat sich seit seiner Gründung 1997 immer wieder verändert und angepasst, ebenso die sogenannte "Band". Die Wechsel haben sich über all die Jahre jeweils einfach ergeben. Ich war und bin immer glücklich mit den jeweiligen Mitstreitern. Einige von früher machen heute ihr eigenes Ding und sind sehr erfolgreich damit, was mich auch sehr freut. Die jetzige Kombination macht auf jeden Fall viel Spass.
Warum, was bringen Sie mit?
Wir haben einen sehr guten Mix, meine Blogger stehen alle in einer unterschiedlichen Phase des Lebens und betrachten es darum auch unterschiedlich. Die Beträge der einzelnen Blogger auf "kult.ch" widersprechen sich oft. Das lässt für jeden Leser einen grossen Spielraum, sich darin zu finden.
Wie hat sich "kult.ch" thematisch weiter entwickelt?
So wie sich das tägliche Leben und seine entsprechenden Themen eben entwickeln. Die einzelnen Beiträge ergaben und ergeben sich aus dem jeweils aktuellen gesellschaftlichen und medialen Kontext. "Kult" war immer eine Art Spiegel des aktuellen Zeitgeistes. Der Grundsatz lautet schon seit Beginn: "Subjektivität ist die reinste Form von Wahrheit." Das war und ist die einzige Maxime. Denn die vielgepriesene "Objektivität" gibt es in Wirklichkeit gar nicht, das Leben wird vom Individuum, vom Subjekt, immer subjektiv wahrgenommen, das ist einfach so, das liegt in der Natur der Sache.
Wer sind die Leser?
Ich kenne, wie die meisten Verleger, nur ein paar meiner Leser persönlich. Und Umfragen interessieren mich nicht, weil sie in der Regel halt einfach falsche Ergebnisse liefern. Aber demografisch gibt vielleicht die Statistik von Facebook ein bisschen Aufschluss. Von den rund 3650 Fans sind 19% männlich und zwischen 35 und 44 Jahre alt. 18% sind weiblich und zwischen 25 und 34 Jahre alt, 18% sind männlich und zwischen 25 und 34 Jahre alt, und weitere 13% weiblich und zwischen 35 und 44 Jahre alt.
Alles in allem also 68% zwischen 25 und 44 (37% männlich, 31% weiblich). Der Rest ist irgendwo leicht drüber oder leicht drunter. Wer immer diese Leser sind, ich freue mich über jeden einzelnen.
Und wie viele sind das in absoluten Zahlen?
Wir haben pro Monat 100'000 Page Imressions und 25'000 Visits. Das ist nicht gerade die Welt, aber eine interessante Community. Und es werden jeden Monat mehr. Klar spielt jeder gerne jeden Tag im ausverkauften Hallenstadion. Ich finde ein täglich ausverkauftes Volkshaus zwar auch schon cool. Aber wir haben ja noch Potential. Wir wachsen immer noch monatlich.
Um wieviel?
Zum Teil bis zu 10 Prozent. Ich denke, das ist ok.
Zwischen dem Einstellen des "Kult" und der Neulancierung von "kult.ch" verstrichen zirka zwei Jahre. Wie werten Sie diese Pause heute? War sie gut oder war sie ein Fehler?
Es gab nie eine wirkliche Pause. Die Medienmarke "Kult" war ja nie weg. Ich habe nach der Einstellung des monatlich erscheinenden Magazins (nach rund 10 Jahren und 93 Ausgaben mit einer Auflage von 25'000 Exemplaren) z.B. über 50 "Kult"-Kolumnen im "Blick" gemacht, bevor ich das "kult.ch" lancierte.
Die Marke "Kult" gibt es jetzt schon rund 14 Jahre, sie ist immer noch aktiv und verfügt über einen extrem hohen Bekanntheits- und Loyalitätsgrad. Auch deshalb, weil ich nie aufgehört habe, mit ihr zu spielen, sie immer wieder verschiedenen Formen angepasst habe. Ob als ungeschminktes Szenemagazin, als Hochglanz-Magazin für Schriftsteller und Fotografen, als Interviewmagazin, als Kolumne, online als satirisches Blogmagazin oder neu auch als Webradio (kultradio.ch).
Wie sieht die Finanzierung heute aus?
"kult.ch" finanziert sich durch ein paar wenige treue Sponsoren wie Dettiling-Marmot, Harley Davidson, Sunrise oder Univeral Music. Online-Werbung ist in der Regel reine Reichweitenbolzerei. Möglichst viele Kontakte in möglichst kurzer Zeit zu möglichst niedrigen TKPs (Tausend-Kontakt-Preisen), egal wann und wo, Sie kennen das ja. Auf jeden Fall recht unsensibel, reines Broker-Business. Die Buchhalter haben schon länger das Werbegeschäft übernommen, wie jedes andere Geschäft auch.
Das Konzert der Grosskonzerne ist eine eigene Industrie, da können Sie als kleines Medium kaum mitspielen. Das weiss man, und damit muss man leben, wenn man unabhängige Medien produziert. Aber zum Glück gibt es immer wieder Marketing- und Werbeverantwortliche, die die Kontaktqualiät der kleineren Medien erkennen und das Rückgrat haben, diese auch zu buchen. Nur dank denen gibt es noch interessante Nischenmedien wie z.B. das "kult.ch".
"Kult" war kult. Welches Feedback erhalten Sie zu "kult.ch"?
"Kult" ist kult. Egal, ob die Scheinwerfer grad drauf gerichtet sind oder nicht. Der Faktor kult ist nicht zu verwechseln mit dem Faktor hipness. Die Konstanz und die Anpassungsfähigkeit der Marke machen es aus. Ich habe ja in den letzten 14 Jahren eine Menge Titel kommen und gehen sehen, ich kannte sie alle. Die einen waren besser, die anderen weniger, bis auf ein paar wenige Ausnahmen aber sind sie alle wieder verschwunden. Die paar, die sich auf dem Markt halten können, sind auch meist wirklich gut gemacht.
Und von all denen ist "Kult" eines der Ältesten, das Mutterschiff sozusagen, es war die ganze Zeit über da, in welcher Form auch immer, war für viele eine Inspirationsquelle. Es gibt heute kaum einen nachhaltigeren und charismatischeren Nischenmedien-Brand als "Kult". Diese Unangepasstheit, Beharrlichkeit und Konstanz wird als Wert anerkannt und geschätzt. Und dieser Wert steigt von Jahr zu Jahr.
Man spürt Ihr Herzblut, das darin steckt. Kommt dabei Ihre Werbeagentur Kultmarke, die Sie zusammen mit Werbeprofi Reinhold Weber führen, nicht zu kurz. Man hört im Moment nicht gerade viel von ihr?
Kultmarke entwickelt sich kontinuierlich. Wir betreuen ein paar ausgewählte Consulting-Mandate, die von aussen natürlich nicht direkt sichtbar sind, bzw. aufmerksamkeitsstark signiert werden können, da sie die Marke grundsätzlich betreffen, also weit vor der Werbung ansetzen. Die Aktivitäten von "Kult" bwz. "kult.ch" dienen dazu oft als Beispiel, wie man mit alternativen Medien nachhaltig umgehen kann und soll. Wir kennen das Medien- und Agenturbusiness aus eigener Erfahrung. "kult.ch" und Kultmarke befruchten sich gegenseitig.
Welche Zukunftsvision haben Sie für "kult.ch"?
Vielleicht doch noch täglich das Hallenstadion zu füllen.
Interview: Christine Schnyder

