Derzeit sind gute Wirtschaftsjournalisten in der Schweiz extrem gesucht. Praktisch alle grossen Zeitungen und Medienhäuser haben vakante Stellen. Woran liegt das?
Markus Gisler: Seit nun über zehn Jahren steckt die ganze Print-Branche in der Krise. Wenn permanent Stellen abgebaut und Budget gekürzt werden, wenn den Tageszeitungen innerhalb von zehn Jahren rund die Hälfte der Inserateseiten weggebrochen sind, so erscheint dieser Wirtschaftszweig jungen Berufseinsteigern nicht besonders attraktiv. Wirtschaftsjournalisten denken da noch eine Spur ökonomischer und sehen genau, dass die Zukunftsperspektiven wenig verheissungsvoll sind. Zudem gibt es in diesem Beruf bekanntlich kaum Aufstiegsmöglichkeiten und damit keine Chance für Führungserfahrung - ein entscheidender Minuspunkt.
Junge Ökonomen sind demnach schwer für den Journalismus zu begeistern.
Ich unterrichte Wirtschaftsjournalismus an der HSG in St. Gallen. Wenn pro Jahrgang einer oder eine in den Wirtschaftsjournalismus einsteigt, können wir uns schon glücklich schätzen. Zudem pflegen Verleger ihr bestes Personal nicht. Ich habe schon vor Jahren vorgeschlagen, auch hier wie im angelsächischen Raum, Senior Editors einzuführen. Das gäbe die Chance, Know-how länger in den eigenen Reihen halten zu können und würde zudem dem Branding eines Titels gut tun.
Hat dies auch mit dem Wegfallen von Medien wie "Cash" und "Facts" zu tun, wie das Andreas Schaffner, neuer Wirtschaftschef "Aargauer Zeitung", kürzlich sagte (persoenlich.com berichtete)?
Diese Titel sind jetzt ja schon mehrere Jahre weg vom Markt, weshalb höchstens ein indirekter Zusammenhang besteht, weil damit der Pool kleiner geworden ist.
Fehlen generell in diesem Bereich Berufeinstiegsplätze?
Der Einstieg in jedem Bereich des Journalismus schwierig. Das war früher nicht anders. Also das ist nicht wirklich das Problem. Wer will, der schafft es. Leider wollen es zu wenige.
Wo findet man derzeit gute Wirtschaftsjournalisten?
Das kann fast überall sein. Gute Texte über spannende Themen fallen auf. Karriere macht man in diesem Beruf mit sichtbarer Leistung.
Wieso kennt das Ausland diese Probleme nicht?
Im Ausland ist das Angebot an Ökonomen oder Betriebswirtschaftern grösser, berufliche Alternativen aber rarer.
Welche Qualitäten muss ein guter Wirtschaftsjournalist mitbringen? Einen HSG-Abschluss?
Je umfassender das Wissen, desto besser. Ein Uni-Abschluss in Betriebs- oder Volkswirtschaft oder ein entsprechender Fachhochschul-Abschluss. Daneben braucht es aber Freude am Schreiben, eine hohe Belastbarkeit und die Neugier am öffentlichen Geschehen. Wenn die Person noch besonders kontaktfreudig ist und leicht auf Leute zugehen kann, haben Sie die perfekte Wirtschaftsjournalistin oder -journalisten.
Wirtschaftsjournalisten sind Mangelware, gleichzeitig geben Wirtschafts- und Finanzthemen den Ton an. Wäre das nicht sogar eine Chance für einen neuen Schweizer Wirtschaftstitel? Ein "brand eins" für die Schweiz vielleicht? Oder ein "Finanzmarkt für Dumme"?
"Cash" als Wochentitel aufzugeben war ein Fehler. Die Publikation fehlt heute. "brand eins" würde in der Schweiz nicht funktionieren. Wäre zu elitär.
Wer bereitet Wirtschaftsthemen eigentlich am besten auf?
Patrik Müller macht es ausgezeichnet, die "Bilanz" ebenfalls und man sollte die "Handelszeitung" lesen. Enttäuscht bin ich von der "NZZ", sie hätte das Potenzial zur breiten Themenführerschaft und nutzt es nicht.
Interview: Adrian Schräder

