Herr Steil, verlassen Sie Ringier aus Enttäuschung, weil das Verlagshaus Sie nicht als Chefredaktor für den "Blick am Abend" vorsieht?
Als mir mitgeteilt wurde, dass ich "Blick am Abend" nicht leiten darf, war ich sehr enttäuscht. Ich hätte gerne mit dieser tollen Redaktion weitergearbeitet, das war für mich ein Traumjob. Die Enttäuschung war aber nur von kurzer Dauer, da Ringier mir im Gegenzug zwei tolle Angebote gemacht hat. Ich bin dem Haus ohnehin dankbar. Man hat mir in den letzten fünf Jahren viel ermöglicht.
Trotzdem: Offenbar hat Ringier zu wenig getan, um Sie zu halten.
Das stimmt nicht. Marc Walder, Bernhard Weissberg und Daniel Pillard haben sich enorm bemüht, mich zu behalten. Ich war enttäuscht, weil ich viel Herzblut gemeinsam mit der Redaktion in "heute" investiert habe, aber ich kann den Entscheid von Ringier verstehen, Peter Röthlisberger als Chefredaktor des "Blick am Abend" einzusetzen.
Weshalb?
Ringier lanciert mit dem "Blick am Abend" ein neues Produkt. Man hat sich wohl gesagt, da muss ein neuer Mann her.
Welches Fazit ziehen Sie aus ihren Jahren bei Ringier?
Ich habe hier viel gelernt. Oder besser gesagt: Der Verlag hat mich viel lernen lassen. Ich musste aber auch die Erfahrung machen, dass es als Deutscher nicht leicht ist in der Schweiz -- gerade im Bereich Medien. Ich habe mir hier schon das eine oder andere Mal eine Beule am Kopf geholt. Mittlerweile bin ich gut integriert: Als bekannt wurde, dass ich Ringier verlasse, erhielt ich gut 50 E-Mails von Kollegen, die mir für die Zukunft Glück wünschten.
Sind Sie anfangs zu forsch aufgetreten?
Ich glaube schon, dass mein Auftreten zu Beginn zu Deutsch war. Man hat mich darauf aufmerksam gemacht, worauf ich achten solle, danach kam es gut.
Ihre Trennung vom "Blick", wo sie zuvor Unterhaltungschef waren, verlief nicht ohne Nebengeräusche. Haben Sie da Lehrgeld bezahlen müssen?
Nein. Gerade heute ist Werner De Schepper, der damalige Chefredaktor des "Blick", in der Redaktion aufgetaucht. Wir haben -- ohne dass dies vorhin abgemacht gewesen wäre -- eine halbe Stunde miteinander gesprochen. Was ich damit sagen will: Mein Abgang beim "Blick" erfolgte nicht im Streit. Es kamen ein paar Dinge zusammen, die nicht gepasst hatten.
Sie sprachen vorhin von den Kulturunterschieden zwischen Deutschland und der Schweiz. Worin unterscheidet sich der Boulevardjournalimus in den beiden Ländern?
In Deutschland geht man weiter als in der Schweiz. Oftmals hat man auch mehr Mut beim Schreiben. Das mag daher kommen, dass die Schweiz so klein ist. Man kennt sich hier besser. Deshalb sind auch die Hemmungen grösser, bis zum Äussersten zu gehen. Geht man hier in Zürich eine Woche lang auf Partys, trifft man hier mit Gewissheit drei Mal die gleichen Promis.
Inwiefern spielte diese Enge bei Ihrem Entscheid mit, wieder nach Deutschland zurückzukehren?
Gar nicht. Die Schweiz ist in mehr als 5 Jahren in denen ich hier bin zu meiner Heimat geworden. Ich habe hier viele Freunde gewonnen -- entsprechend schwer ist mir der Entscheid gefallen, nach Berlin zu gehen.
Ist der Schmusekurs des "Blick" nicht gerade sein Problem? Müsste er nicht viel aggressiveren Boulevard-Journalismus betreiben, um wieder erfolgreicher zu sein?
Nein. Die Schweizerinnen und Schweizer würden eine härtere Gangart gar nicht goutieren. Ich finde, Bernhard Weissberg macht seinen Job sehr gut. Natürlich gibt es -- wie immer -- Verbesserungspotenzial. Die Marschrichtung aber stimmt. In der Schweiz würde man mit einem strikten Blech-, Blut- und Busenboulevard nicht besser verkaufen, als mit dem jetzigen "Blick".
Wo steht "heute" kurz bevor die Abendzeitung zum "Blick am Abend" umfunktioniert wird?
Wir sind auf einem guten Weg und liegen im Moment mit unseren Zahlen weit über Budget. Der Werbemarkt akzeptiert die Abendzeitung mittlerweile. In publizistischer Hinsicht haben wir dafür gesorgt, dass die Leser und die Werbekunden uns wahrnehmen. Beiträge von uns laufen regelmässig über die Agenturen; wir sorgen regelmässig für Gesprächsstoff. Dies liegt daran, dass hier auf der Redaktion viele junge Talente arbeiten -- was man auch daran sieht, dass unsere Journalisten an gute Adressen wechseln.
Wie muss der "Blick am Abend" gestaltet sein, damit er Erfolg hat?
Ich möchte Peter Röthlisberger keine Ratschläge geben. Wichtig ist nur, dass die Redaktion einbezogen wird.
Mit welchen Erwartungen fahren Sie nach Berlin?
Ich wechsle zu "Bild" im Wissen, dass dieser Job ein harter Job sein wird, wohl härter als der, den ich jetzt hier gemacht habe. Kollegen bei Springer sprechen sogar von einem Feuerstuhl. Mir ist wichtig ein gutes Team zu haben, das hatte ich hier in der Schweiz und das versuche ich auch bei "Bild" zu haben. Jetzt mache ich erst noch etwas Ferien und dann freue ich mich drauf, jeden Tag "Bild" mitgestalten zu können.
(Interview: David Vonplon)

