Christoph Hämmig, Leiter Redaktion Denon Publizistik (die wie "persoenlich.com" zur PubliGroupe gehört), sitzt momentan zusammen mit seiner Frau Akiko in Shiki in Japan fest. Die kleine Stadt liegt 30 Minuten von Tokyo entfernt. Im Gespräch mit "persoenlich.com" schildert Christoph Hämmig, wie er die Katastrophe hautnah miterlebt, wo er sich über das aktuelle Geschehen informiert und was ihm Angst macht:
Christoph Hämmig, wie geht es Ihnen?
Wir versuchen trotz zahlreicher Nachbeben zwischendurch etwas zu schlafen. Die Stimmung ist ruhig - aber angespannt.
Wie erlebten Sie das Erdbeben in Japan?
Zum Zeitpunkt des Bebens - es war Freitag, 14.46 Uhr Ortszeit - waren wir in einem Supermarkt. Als wir realisierten, dass der Boden bebte, die Wände schepperten und die Decke zitterte, rannten wir augenblicklich aus dem Gebäude auf einen großen Parkplatz. Wir dachten, dort sei die Gefahr, durch einstürzende Häuser verletzt zu werden, am kleinsten. Dann sahen wir, dass sogar die stehenden Autos schwankten. Danach erloschen die Lichter in den umliegenden Häusern, die Autos standen still auf den Strassen, die Lichtsignale an einer großen Kreuzung funktionierten nicht mehr. All das passierte in zirka 10-15 Sekunden.
Danach wurde das Beben mit jeder Sekunde stärker, der Lärm durch die sich bewegenden Häuser und scheppernden Dachziegel lauter, das reale Denken hörte auf. Ich bemerkte, dass ich nicht mehr grade gehen konnte und hielt mich an einem Pfosten fest und starrte auf den Supermarkt, der bedrohlich schwankte und einzustürzen drohte. Und dann war der Spuk vorbei. Die nächsten zwei Stunden verbrachten wir - wie die meisten Leute - auf der Straße.
Hatten Sie Angst?
Ob ich während des Bebens Angst hatte, kann ich nicht sagen - dafür blieb eigentlich keine Zeit. Als bedrohlich empfand ich die erste Nacht. Wir hatten keinen Strom, kein Licht, keine Heizung. Der ganze Stadtteil war in Dunkelheit gehüllt, da auch die Straßenbeleuchtung ausfiel. Ohne Strom konnten wir auch nicht Fernsehen. Die Nacht war ungemütlich. Oft wurden wir durch Nachbeben geweckt und immer wieder war Sirenengeheul zu hören.
Es muss noch mit weiteren Nachbeben gerechnet werden. Wie informieren Sie sich, was Sie tun müssen?
Ich verfolge die Situation hier übers Internet und zwar auf "Tagesanzeiger.ch", "20Minuten.ch" und "Blick.ch". Meine Frau Akiko ist Japanerin und verfolgt die Meldungen im Fernsehen. Informiert wird seit drei Tagen über alle TV- Sender und über öffentliche Lautsprecher in den Strassen. Es gibt auch immer wieder Erdbebenwarnungen.
Heute rannten wir deswegen schon zweimal auf die Strasse. Außer schwachen Beben ist zum Glück nichts passiert. Solche Szenarien gehören momentan zum Alltag. Die Behörden tendieren dazu, überzureagieren. Ministerpräsident Nato Kan wirkt müde und wenig überzeugend. Außer tröstenden Worten nennt er keine nennenswerte Details. Sein Standardsatz lautet: "Wir machen, was wir können." Auch lässt er keine Strategie erkennen, wie die Regierung die enormen AKW-Probleme lösen will.
Internet und iPhone sind für Sie immens wichtig. Was, wenn beides infolge der Stromknappheit nicht mehr funktionstüchtig ist?
Dann bleiben uns nur noch die öffentlichen Lautsprecher vor Ort. Damit haben die Behörden soeben auch informiert, dass aufgrund der AKW-Probleme sofort Strom gespart werden muss. In allen Städten wird der Strom während rund drei Stunden abgestellt. Akiko und ich wohnen in Shiki, einer Kleinstadt 30 Minuten von Tokyo entfernt. Möglich also, dass wir ohne Strom auskommen müssen - sprich auch ohne Heizung. Die Temperaturen in den Wohnungen entsprechen etwa 10 Grad Celsius, da die Isolationen in der Region Tokyo sehr schlecht sind.
Bekommen Sie vor Ort diesselben Informationen wie aus Europa via Internet?
Es wird in Japan anders kommuniziert, spärlicher, würde ich sagen. Die Formulierungen in Japan sind weniger direkt und mit vielen Floskeln eingepackt. Besonders Regierungschef Nato Kan hat die Gabe, minutenlang zu sprechen, ohne wirklich etwas zu sagen. Das ist aber ein generelles Problem in der japanischen Kommunikation: Es fehlt der Mut, Stellung zu beziehen, da man niemanden verletzen will.
Was spielt sich zur Zeit ab?
Das Leben spielt sich momentan vor dem TV ab. Außer Sondersendungen rund um die Uhr und auf allen Kanälen gibt's hier nichts zu sehen. Alle regulären TV-Sendungen sind ausgesetzt. Nur wenige Leute sind unterwegs, weil es alle paar Stunden Nachbeben gibt.
Die Leute kaufen Velos; so sind sie nicht auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Denn um Strom zu sparen, wurde heute der Zugverkehr stark eingeschränkt. Viele Linien verkehren gar nicht oder limitiert. Auch die Verbindung zum Flughafen Narita ist stark beeinträchtigt.
Gibt es genügend Lebensmittel?
Die meisten Geschäfte und Restaurants sind nach wie vor geschlossen, da sie Probleme mit der Wasser- und Gaszufuhr haben. In den Supermärkten sind die Gestelle für Frischprodukte praktisch leer. Es kommt kein Nachschub rein. Auch Wasserflaschen kann man keine mehr kaufen. Wir füllen gebrauchte Teeflaschen ab mit Wasser vom Hahnen. Heute Abend liessen wir zudem auch die Badewanne voll einlaufen. Sollte es zu einer atomaren Verseuchung kommen, haben wir für ein paar Tage vorgesorgt. Im TV habe ich in den letzten Stunden gesehen, dass sich die Japaner an den Tankstellen mit Benzin eindecken. Nebst der Wasser- zeichnet sich auch eine Benzin-Knappheit ab.
Hier in Europa wird bewundert, wie die Japaner angesichts dieser Katastophe ruhig bleiben. Was ist Ihr Eindruck?
Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in Japan die Situation unterschätzen, insbesondere was die Bedrohung durch die teilweise defekten AKWs betrifft.
Und wie gehen Sie mit der Situation um? Was haben Sie vor?
Wir versuchten, Japan vorzeitig zu verlassen. Es war nicht möglich. Die Flüge mit der Swiss sind bis und mit heute annulliert. Wir sind nun für den Mittwochflug vorgesehen, haben dafür aber keine definitive Bestätigung. Gemäß der Swiss in Tokyo wird die Airline heute noch informieren, wie die Strecke Tokyo-Zürich in den nächsten Tagen bedient wird. Wir werden versuchen, mit dem Zug an den Flughafen zu gelangen. Ob es geht, wissen wir nicht.
Interview: Christine Schnyder.

