14.04.2011

"Zuviel Tamtam um die SVP."

Peer Teuwsen im Interview.
"Zuviel Tamtam um die SVP."

Peer Teuwsen gilt als einer der besten Interviewer im deutschsprachigen Raum. Obwohl seine Eltern Deutsche sind, engagiert er sich stark für die Schweiz. Was treibt ihn an? "persoenlich.com" hat den Chefredaktor der "Zeit"-Schweiz anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Buch "Wohin treibt die Schweiz?" im Zürcher Kaufleuten getroffen. Thema war nicht nur die SVP, sondern auch, was ein gutes Interview ausmacht. Das Interview:

Herr Teuwsen, Sie sind bekannt als "einer der besten Interviewer des deutschsprachigen Raumes". Sie haben ein Lehrbuch über Interviews geschrieben und geben Kurse. "Er führte zahlreiche aufsehenerregende Gespräche", heisst es in Ihrer Kurz-Biografie auf echtzeitverlag.ch. Wie bringt man es zu einem solchen Titel?

Das weiss ich nicht (lacht). Jedenfalls habe ich diese Beschreibungen nicht selber verfasst.

Dennoch: Interviews faszinieren Sie.

Vor rund zehn Jahren habe ich festgestellt, dass mich die Frage interessiert: Wie tickt ein Mensch? Ich wollte herausfinden, was einen Menschen motiviert, worin er den Sinn für sein Tun erkennt. Und das in der direktesten Form der Auseinandersetzung, die im Journalismus möglich ist, derjenigen des Interviews.

Gib es ein Interview-Highlight?

Vielleicht nicht unbedingt ein bestimmtes. Aber eines der für mich spannendsten Interviews führte ich mit Hans-Rudolf Merz im November 2009, sein Präsidialjahr ging gerade zu Ende. Dieser Mann hat mit absolut überhaupt nichts hinter dem Berg gehalten, er war verwundet durch die Kritik an seiner Amtsführung - und das brachte er auch so zum Ausdruck. Und diese Ansichten liessen mich manchmal erschrecken.

Warum?

Wir sprachen über Zweifel. Ich sagte, jeder vernünftige Mensch zweifle doch an seinem Tun. Da haute Merz auf den Tisch und rief: "Unter siebeneinhalb Millionen Menschen muss es sieben geben, die nicht zweifeln." Da habe ich mich kurz gefürchtet.

Wurden diese Aussagen so gedruckt oder im Nachhinein zensuriert?

Das konnte man genau so lesen auf zeit.de. Es gab zwar einige Wirren bevor der Text freigegeben wurde, aber ich konnte seine Medienabteilung schliesslich überzeugen, alles so stehen zu lassen, wie es gesagt wurde.

Es gibt Journalisten, die Interviews generell ablehnen, mit der Begründung: "Nur faule Journalisten wählen dieses Form."

Das sagen nur dumme Journalisten. Es ist aber eine Tatsache: Die journalistische Form Interview hat in den letzten Jahren extrem zugenommen. Für mich hat dies vor allem ökonomische Gründe. In den Redaktionen ist abgebaut worden, immer weniger Journalisten müssen den Platz füllen. Dabei meinen viele Journalisten, sie könnten mit jemandem einen Termin abmachen und sich rasch auf der Zugfahrt ein paar Fragen ausdenken. So füllen sie ihre Seite. Dies ist ein wesentlicher Grund für die regelrechte Explosion dieser Form. Auf diese Weise entstehen aber nicht unbedingt spannende Interviews.

Was ist wesentlich für ein spannendes Interview?

Es braucht eine lange Vorbereitung. Manchmal kann das Tage dauern. Man muss alles gelesen haben, was der Interviewpartner je gesagt oder selber geschrieben hat. Dies, damit man die Diskussion vorantreiben kann, und auch, weil man sich als Journalist sonst langweilt. Es ist doch schrecklich, wenn ein Interviewpartner genau das sagt, was er schon tausend Mal gesagt hat! Während des Interviews braucht es absolute Konzentration. Ausserdem muss man das Interview auf eine Weise transkribieren und redigieren, sodass der Text schliesslich aus längeren und kürzeren Passagen besteht, respektive wie ein Theaterstück funktioniert.

Sie arbeiteten fürs "Magazin", für die "Weltwoche" und nun für "Die Zeit". Wo waren Sie am meisten Feuer und Flamme für Ihren Job?

Mein jetziger Job bei "Die Zeit" ist mein liebster. Bei keinem anderen Arbeitgeber hatte ich solche Freiheiten. Ich kann - natürlich in Absprache mit der Chefredaktion in Hamburg - diejenigen Themen angehen, die mich interessieren und von denen ich glaube und hoffe, dass sie auch andere interessieren.

Somit ist für Sie Freiheit in der Themenwahl wichtiger als der Lohn?

Natürlich.

Journalistische Freiheit ist auch wichtiger als Einfluss.

Ja, natürlich. Wenn jemand Journalist sein will, um Einfluss zu haben, ist er auf verlorenem Posten.

Tatsächlich?

Man kann vielleicht ab und zu mal etwas bewegen. Aber Freiheit und Lust müssen im Vordergrund stehen, sonst kann man nie etwas bewegen.

Ihre Eltern sind Deutsche. Sie sind seit Ihrem sechsten Lebensjahr in der Schweiz und engagieren sich sehr für dieses Land. Sie machen sich stark für einen respektvolleren Umgang in der Politik, ebenso für den hiesigen Qualitätsjournalismus. "Wohin treibt die Schweiz?" lautet der Titel des Buches, das Sie eben herausgegeben haben. Warum liegt Ihnen die Schweiz so am Herzen?

Zum einen weil ich hier aufgewachsen bin. Ich habe die Schweiz gern und will, dass das Land lebendig ist. Manchmal aber erlebe ich das Land als blockiert, man weiss nicht genau, was man eigentlich will. Dazu mache ich mir Gedanken und suche Gesprächspartner. Zum anderen rührt mein Engagement vielleicht auch daher, dass ich von aussen gekommen bin und kein gemachtes Nest vorfand. Ich musste mir dieses Land erarbeiten. Das war teilweise schmerzvoll, vor allem in meinen jungen Jahren.

Was war so schmerzvoll in Ihrer Jugend?

Es gibt schon kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz. Da habe ich Fehler gemacht, und das liessen mich meine Klassenkameraden manchmal handfest spüren. Aber das war gut, ich musste so schnell lernen.

Die Dominanz der SVP und die damit verbundene harte Sprache und Ruppigkeit beunruhigen Sie. Als Gegenrezept forderten Sie die anderen Medien auf, die Themen der SVP zu ignorieren (vgl. "persoenlich.com"). Das tönt unrealistisch.

Das meiste, was von dieser Partei kommt, ist doch keinen Buchstaben wert. Ich fände es halt wichtig, die Medien wären kreativer und würden den SVP-Themen andere, relevantere Themen entgegensetzen. Ja, es wird eindeutig zu viel Tamtam um die SVP gemacht. Diese Partei bringt dieses Land nicht vorwärts. Sie lässt das Land im 20. Jahrhundert verharren, wir sind aber im 21. Jahrhundert! Schlimm ist, dass die Leute das nicht merken. Vieles hat sich verändert und es wird sich weiter verändern. Somit brauchen wir doch eine Politik, die mit diesen Tatsachen umgehen kann, anstatt im Status quo zu verharren!

Vom Ignorieren der SVP hält "Die Zeit" offenbar nichts. In der letzten Ausgabe haben Sie alle zur Verfügung stehenden Seiten einem einzigen Thema gewidmet: der SVP und ihrem Parteiprogramm. Warum diese Kehrtwende?

Nein, das ist keine Kehrtwende! Das ist eine intelligente Auseinandersetzung. Wir haben kompetente Autoren aus verschiedenen Bereichen - etwa aus Bildung, Landwirtschaft, Sozialpolitik - beauftragt, zu beschreiben, warum das SVP-Parteiprogramm die Schweiz nicht weiter bringt. Das ist eine Form der Intelligenz und keine Kehrtwende. Dies ist eine Form der Aufklärung. Ich meine, die SVP hat beinahe 30 Prozent Wähleranteil und da muss man die Leute doch aufklären, damit sie diese Partei nicht weiterhin stärken!

Stört es Sie nicht, dass die rund 60‘000 "Die Zeit"-Leser wohl eher keine SVP-Wähler sind und Sie somit die falschen Leute ansprechen?

Ich hatte nicht den Eindruck, dass die SVP-Wähler "Die Zeit" nicht lesen (lacht). Denn es gab Abo-Abbestellungen und einige wütende E-Mails.

"Die Zeit"-Leser sind wohl mehrheitlich Heimweh-Deutsche.

Heimweh-Deutsche? Nein, nein. Bevor 2008 die Schweiz-Seite gestartet ist, lasen "Die Zeit" schon mehrheitlich Deutsche, die in der Schweiz leben. Wir merken jetzt aber, dass vermehrt Schweizer Abos bestellen und auf unsere Texte reagieren.

Die Leserzahlen entwickeln sich stetig aufwärts. In der Schweiz verkaufen Sie rund 12‘000 Exemplare pro Nummer. Das ist zu einem wichtigen Teil Ihr Verdienst. Ist Ihr Lohn leistungsabhängig?

Nein. Ich habe einen fixen Lohn.

Kritisiert wird das Format, das in keinen normalen Briefkasten passt. Die Leute sprechen vom "bedruckten Tischtuch". Hält "Die Zeit" daran fest?

Ja, das Format ist nicht verhandelbar. Ausserdem gibt es "Die Zeit" auch auf dem iPad - ab Mai in einer neuen, verbesserten Version.

Nochmals zurück zu Ihren drei Arbeitgebern: "Die Zeit", "Weltwoche" und "Magazin". Welcher der drei Titel kann den gesellschaftspolitischen Diskurs am stärksten beeinflussen?

Wenn man die Auflage betrachtet, ist natürlich das "Magazin" führend. Die haben ja schweizweit eine gigantische Auflage. Somit hätte das "Magazin" das grösste Potential.

Sie sagen "hätte". Warum der Konjunktiv?

Weil ich finde, dass man dieses Potential beim "Magazin" erst in der letzten Zeit wirklich erkannt hat.

Inwiefern stimmt die Aussage auf medienwoche.ch wonach die "Weltwoche" Leitmedium ist, somit Themen setzt, welche das "Magazin" und "Die Zeit" dann aufgreifen dazu und ohne viel Phantasie Gegenargumente liefern?

Ich kann dazu nichts sagen, denn ich finde nicht, dass diese Aussage stimmt. Wir setzen viele eigene Themen. Gerade diese Woche haben wir eine Titelgeschichte darüber, wie zunehmend Anwälte die Schweiz regieren - und was dies für einen Einfluss auf unser Leben hat. Haben Sie dieses Thema schon mal irgendwo in der Schweiz gelesen? Ich nicht. Geschrieben hat den Text im Übrigen die einzigartige Margrit Sprecher.

Es gab jedoch Editorials der "Weltwoche", die klar als Antwort auf Ihre Kommentare in "Die Zeit" zu verstehen waren. Auf Ihre Forderung nach mehr Gemeinsinn etwa forderte Roger Köppel mehr Polarisierung.

Ja, Köppel hat meinen Text gelesen und dann einfach darauf geantwortet.

Diskutieren Sie auch privat mit Roger Köppel oder nur auf einer übergeordneten Ebene über Ihre Texte?

Seit meinem Weggang von der "Weltwoche" ist der direkte Kontakt mit Roger Köppel weniger geworden.

Zum Schluss ein Experten-Tipp: Welches ist die richtige letzte Frage in einem Interview?

"Wie wollen Sie sterben?".

Interview: Edith Hollenstein


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