22.01.2013

"annabelle"

"Mit Männern machten mir Eitelkeiten, Mobbing und Arroganz zu schaffen."

Runzeln hat sie keine und altersmüde ist sie erst recht nicht, trotz ihrer 75 Jahre: Die Zeitschrift "annabelle" feiert dieses Jahr ihr Jubiläum und ist frisch und modern wie eh und je. Weshalb den Cover-Frauen das Lachen vergangen ist, erklärt Chefredaktorin Lisa Feldmann im Interview mit persoenlich.com. Ausserdem verrät die gebürtige Deutsche, was die typische Schweizer Frau ausmacht, warum sie lieber in Frauenteams arbeitet und stellt fest, was sie mit der berühmt berüchtigten "Vogue"-Chefin Anna Wintour gemeinsam hat. Das Interview:

Frau Feldmann, die 'annabelle' ist seit 75 Jahren Zeitzeugin des Schweizer Frauenlebens. Welche Ereignisse haben die Frauen hierzulande seit 1938 am meisten geprägt?

Ganz sicher zunächst die Kriegsjahre, entbehrungsreich und deprimierend wie sie nun mal auch in der Schweiz waren - schon damals war die 'annabelle' eine ideale Begleiterin: voller praktischer Ideen, mit pragmatischem Geist, wie frau dennoch der Situation etwas Gutes abgewinnen könnte. Dann natürlich die gesamte 'Womens Liberation'-Bewegung, die ja in der Schweiz etwas verspätet in Gang kam, dafür dann aber umso überzeugender war: immer wieder gab es Beiträge zum Wahlrecht, zur Gleichberechtigung am Arbeitsplatz. Das begann Ende der Sechzigerjahre und ging weiter bis in die Quoten-Diskussion, die wir zur Zeit auch hierzulande führen.

Und was war der grösste Wandel, den die Zeitschrift selbst durchgemacht hat?

Die 'annabelle' hat sich kontinuierlich weiter entwickelt. Den grossen Sprung gibt es nicht, sondern viele kleine Schritte. Sowohl optisch als auch inhaltlich war die Zeitschrift ihrer Zeit immer ein klein wenig voraus - ein Anspruch, der sämtliche Chefredaktorinnen und -redaktoren vereint.

In ihrem Text zu '75 Jahre annabelle: Das Bild der Frau im Wandel der Zeit', welcher in der aktuellen Ausgabe erschienen ist, stellt Michèle Roten als auffälligste Veränderung fest, dass das Lächeln auf den Covers verschwunden ist. Sie fragt: 'Hat die Frau nicht mehr so viel zu lachen wie früher oder wird sie einfach nicht mehr zur Zufriedenheit gedrängt wie früher?'

Das Ideal der schönen Frau hat sich verändert, wir verbinden einen ernsten Gesichtsausdruck auch mit einer gewissen Selbstbestimmung: Frauen sind nicht mehr die verbindlich lächelnden, immer freundlichen Wesen, sondern ernst, klug, oftmals eher nachdenklich, nicht um jeden Preis freundlich.

Was für weitere Aktivitäten sind im Jubiläumsjahr geplant?

Unser Jubiläumsjahr steht unter dem Motto: Wir wollen uns bedanken für 75 Jahre treue Leserinnen. Deswegen finden unsere Leserinnen und Leser in jedem Heft eine Überraschung vor: ein Geschenk, ein Preis, eine Spezial-Edition von einem besonders kostbaren Schweizer Produkt etc. Darüber hinaus wird es zwei Sonderhefte geben: Einmal ein Altersheft, wie wir es jedes Jahr machen, nur dass diesmal die Zahl 75 eine besondere Rolle spielen wird. Und dann unser Designer-Spezial im Herbst. Da auch der 'annabelle-award' ein kleines Jubiläum feiert (10 Jahre), werden wir das Heft Ende Oktober noch deutlicher als sonst diesem Thema unterordnen: Wir träumen von einer Ausgabe, die vom Award-Geber mitgestaltet wird.

Wenn Sie heute eine Frauenzeitschrift lancieren würden: Nach welchem Frauennamen würden Sie diese benennen?

Ich finde Annabelle eigentlich immer noch wunderbar. Auch dazu wird es ein kleines Dossier geben, nämlich: Was auf der Welt sonst noch so alles Annabelle heisst und erfolgreich ist.

Die Rubriken 'Kultur' und 'Reisen' sind wichtige Schwerpunkte. Man kann die Zeitschrift auch als geschlechtsneutrales Lifestyle-Heft lesen. Wie oft erwischen Sie Männer mit der "annabelle" unter dem Arm?

Knapp ein Viertel unserer Leser sind Männer. Und darauf sind wir sehr stolz! Schliesslich ist dies nicht ganz unschuldig daran, dass auch die Männer in diesem Land in einigen Punkten inzwischen anders über Frauen denken! Grundsätzlich halte ich die 'annabelle' für den General-Interest-Titel unter den Special-Interest-Titeln, wie es Frauenzeitschriften nun mal sind.

Hauptzielgruppe bleiben also die Frauen: Was ist typisch Schweizer Frau?

Die Schweizer Frau - das kann ich als gebürtige Deutsche gut beurteilen - ist klüger, besser ausgebildeter, weiter gereist, mehrsprachiger und kritischer als die meisten internationalen Geschlechtsgenossinnen.

Das 'annabelle'-Team beschäftigt mehrheitlich Frauen. Wissen Frauen einfach besser, was Frauen gefällt?

Vor allem macht es Frauen offenbar mehr Spass für uns zu arbeiten - wir bekommen unter dreissig Bewerbungen vielleicht eine von einem Mann.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit bei so vielen Frauen?

Hervorragend. Immer wenn ich mehrheitlich mit Frauen arbeite, herrscht Loyalität, Solidarität, Humor, Offenheit, Fleiss - mit den Männern machten mir oft Eitelkeiten, Faulheit, Mobbing und Arroganz zu schaffen.

Was für Tipps geben Sie den Männern im Team, um sich im 'Hühnerstall' zurecht zu finden?

Gar keine. Bisher hat noch jeder sehr schnell gespürt, wie konstruktiv und smart die Arbeitsverhältnisse bei der 'annabelle' sind - welcher Mann kann da schon widerstehen?

Sie selbst feiern auch bald Ihr eigenes 'annabelle'-Jubiläum: Nächstes Jahr sind Sie bereits im 10. Jahr Chefredaktorin. Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an Ihre Anfänge denken?

Grosser Respekt war das vorherrschende Gefühl in den Anfängen, aber auch spontane Liebe für das Label. Die hält bis heute an, auch wenn wir nun schon so lange verheiratet sind, die 'annabelle' und ich.

Wenn man sich die Chefredaktorin der grössten Frauenzeitschrift eines Landes vorstellt, denken wohl manche unter anderem dank dem Film 'The Devil Wears Prada' an eine Persönlichkeit wie Anna Wintour, Chefredaktorin der amerikanischen Vogue. Was für Gemeinsamkeiten haben Sie mit Ihr?

Vielleicht die, dass ich eine klare Vision von der 'annabelle' und ihren Inhalten, ihrem Spirit habe. Und alles dafür tue, dass wir dem immer aufs neue mit aller Genauigkeit folgen. So etwas kommt dann manchmal schon totalitär rüber.

Bis zu welchem künftigen Jubiläum bleiben Sie der 'annabelle' noch als Chefredaktorin erhalten?

'Schaumamal, dann sehn ma schon', pflegte Franz Beckenbauer zu sagen.

Was für Veränderungen wollen Sie bis dahin beim Magazin noch vornehmen?

Jede notwendige, aber keine überflüssige. Die 'annabelle' ist toll, so wie sie ist.

"annabelle" wird 75. Mit welcher prominenten Frau würden Sie am liebsten auf den Geburtstag Ihrer Zeitschrift anstossen?

Keine prominente Frau, viel lieber mit jeder einzelnen Leserin von annabelle - ich wünschte, das wäre möglich.

Interview: Corinne Bauer und Claudia Thöny.

 


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