21.11.2018

Harbourclub Symposium

«Wir sollten die Welt seltsam finden»

Harald Welzer sagt, wir könnten die Zukunft nicht erforschen, sondern nur versuchen, sie zu gestalten. Der Sozialpsychologe und Professor der Universität Flensburg referierte am Mittwoch in Zürich. Sein Rat: Das eigene Umfeld möglichst oft von aussen betrachten.
Harbourclub Symposium: «Wir sollten die Welt seltsam finden»
Harald Welzer plädiert in seinem Buch «Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand» für einen reduktiven Lebensstil. Es gehe nicht um Wachstum, Effizienz und Konsum, sondern um Glück und Zukunftstauglichkeit. Am Mittwoch referierte in Zürich. (Bilder: Harbourclub/Barbara Müller)
von Edith Hollenstein

«Die Gegenwart ist ein dunkler Ort. Man sieht nicht, was dort passiert und kann daher nicht abschätzen, was kommen wird», sagte Harald Welzer. Der aus Büchern wie «Selbstdenken: eine Anleitung zum Widerstand» bekannte Sozialpsychologe aus Hannover referierte auf Einladung des Harbourclub am Mittwoch in Zürich.

Vor rund 200 interessierten Gästen stellte er bereits am Anfang klar: Für das Motto der Tagung «Anticipate» gebe es keine einfachen Ratschläge. Die zehn vom Harbourclub präsentierten Denkanstösse zu «Brave New Communications» seien gut, aber nicht tauglich für eine Zukunftsprognose.

Doch ganz so absolut ist Welzer nicht. Zum Schluss bekommen die Teilnehmer dann nämlich doch noch einen Merksatz auf den Weg – jedoch kein eigentliches Patentrezept. Denn aus mehreren Gründen sei die Zukunft unvorhersehbar:

1. Grosse Komplexität

«Die Welt ist zu komplex, um im Jetzt wahrnehmen zu können, was uns künftig Probleme bereiten wird», so Welzer. Niemand habe bei Ereignissen wie 9/11 oder dem Mauerfall voraussehen können, wie die Welt zehn oder zwanzig Jahre später aussehen werde. Bei den Ereignissen hätte niemand den «War on Terror» oder den Zusammenfall der kompletten Weltordnung in Betracht gezogen.

2. Opportunismus der Menschen

Menschen hätten keine starren Meinungen. Sie seien in ihren moralischen Überzeugungen hochgradig flexibel und geschmeidig, so Welzer. Er verdeutlichte das am Beispiel des Nationalsozialismus. Zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung, im Frühling 1933, wäre es – selbst für Antisemiten –  unvorstellbar gewesen, was später Wirklichkeit wurde. «Nie! Wir sind doch ein Kulturvolk», hätten die Leute gesagt. Aber später, als Juden tatsächlich aus ihren Wohnungen verbannt, eingesperrt und abtransportiert worden waren, hätten die Deutschen diese Realität ohne Hinterfragen akzeptiert. «Die Leute sagen nicht: Was bin ich nur für ein Schwein geworden, sondern sie finden die Entwicklungen okay, denn sie können diese plötzlich in ihren Horizont des Erwartbaren einordnen», so Welzer.

Ähnlich könne es der Wahrnehmung der Demokratie ergehen. Denn es könnte sein, dass angesichts des Erfolgs von China («das perfekteste totalitäre System der Weltgeschichte») auch westliche Firmenchefs Richtung Land der Mitte blicken und sagen: «Die sind echt gut dort! Was können wir tun, damit wir dort mithalten können?». So könne es dazu kommen, dass auch in bislang stabilen Demokratien plötzlich Menschenrechte, Meinungsfreiheit oder Gewaltenteilung unter Druck geraten. Welzer dazu: «Weil gewisse Meinungen plötzlich zum Standard werden, hat man keinen Referenzpunkt mehr für das, was sich in der Zeit verändert hat».

3. Herdentrieb

Menschen seien unberechenbar, weil für sie der wichtigste Informationsträger andere Menschen sind. Bei einer ungewöhnlichen Situation, beispielsweise bei einem schlimmen Unfall – etwa wenn mehrere Kinder in einen zugefrorenen Teich fallen – würden sich die Leute am Verhalten der anderen orientieren. Springe jemand in den Teich, um die Kinder herauszuholen, würden andere es ihm gleich tun. Unterlasse jemand diese Hilfe, würden auch die anderen nicht helfen. Das sei ein basaler Mechanismus: Menschen seien soziale Wesen, die sich anderen anpassen. Wer an das autonome Handeln glaube, glaube an «Bullshit».

4. Unterschätzung durch Schönreden

Ein weiterer Grund, warum Zukunftsszenarien schlecht prognostizierbar sind, liege an der menschlichen Eigenschaft, sich Entwicklungen schönzureden. «Wenn wir mit einem unvorhergesehenen Ereignis konfrontiert werden, suchen wir möglichst nach einem Grund zur Beruhigung, à la: Den kann man ja nicht ernst nehmen». Menschen würden Ereignisse nach konventionellen Massstäben interpretieren. Deshalb sei auch Donald Trump so erfolgreich: Die Medien würden seine Aussagen immer mit konventionellen Massstäben bewerten. Sie würden Prophezeiungen machen, die dann aber nicht eintreffen.



All diese Faktoren machten es unmöglich, Entwicklungen zu antizipieren, so Welzer. Damit die Kommunikationsprofis wenigstens so gut wie möglich auf das Nicht-Antizipierbare vorbereitet sind, sein Rat zum Schluss des Vortrages: Man solle sein Umfeld, seine Organisation möglichst oft mit Abstand von aussen betrachten: «Seltsam und unerwartet soll man die Welt finden. Wir können die Zukunft nicht erforschen, sondern nur versuchen, sie zu gestalten».

 



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