TV-Kritik

Fressende und saufende TV-Kommissare nerven

Es ist hauptsächlich in deutschen TV-Filmen ein Phänomen – und immer wieder eine unschöne Erscheinung. Vor allem in den Krimis mampfen und bechern Kommissare bei jeder Gelegenheit. Und gehen damit vielen Zuschauern auf den Sack.

Manche TV-Bullen agieren und ermitteln nicht nur aus dem Bauch heraus, sie füllen diesen auch ständig. Am liebsten spachteln sie Schnellgerichte wie Pizza, Currywurst mit Pommes, Kebab oder Frikadellen mit Sosse. Hauptsache deftig. Und versaut. Lieblingsgetränk dazu: viel Bier. Einige schauen dabei regelmässig zu tief ins Glas. Kein Wunder, haben fast alle Beziehungsprobleme.

Angefangen hat das grosse Fressen und Saufen im deutschen Fernsehen in den 1980er-Jahren mit der erfolgreichen «Tatort»-Reihe «Schimanski», gespielt vom wunderbaren Götz George (1938 bis 2016). Der ungepflegte Schimanski war bei seiner Ermittlertätigkeit häufig mit Bierdosen unterwegs – und besudelte mit dem Braugesöff regelmässig seine beige-graue Feldjacke. Wenn er gegessen hatte, wischte er seine feuchten Hände und fettigen Finger am Rücken eines Kollegen ab. Und säuberte seine schmutzigen Mundwinkel mit Spucke. Grusig. Gedreht wurde der Schimanski-«Tatort» im Ruhrgebiet – in Duisburg. Eine trinkfreudige Stadt. Nach Drehschluss und an freien Abenden traf sich die Crew jeweils in einer originellen Kneipe, die «Im Büro» hiess. Dort wurde echt und viel getankt. Ich war vor Ort.

Die Produzenten der nachfolgenden deutschen Krimis fanden das Benehmen von Schimanski cool und übertrugen es auf die heutigen Hauptdarsteller. Beispiele: Das durstige und hungrige Münchner «Tatort»-Team mit den Kommissaren Batic und Leitmayr. Die Kölner mit Ballauf und Schenk oder der Münsteraner Ermittler Thiel. Immerhin: Dessen Kollege, der schrullige Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), kennt Benimm und gibt sich beim Essen und Trinken als Geniesser. Nervtötend in fast jeder Folge ist «Die Chefin» (Katharina Böhm). Die in der Schweiz geborene Schauspielerin stopft massenweise spanische Nüssli in sich hinein. Ihr Schreibtisch ist stets mit deren Schalen übersät. Du bist, was du isst.

Wenigstens wird in den deutschen Krimis in Büros, Dienstfahrzeugen und an Tatorten kaum noch gequalmt. Eine der wenigen Ausnahmen: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm vom «Tatort»-Team Münster. Sie ist Kettenraucherin. Und hat wohl darum eine Stimme wie Heino.

Fazit: Es ist auch in der Fiktion abstossend bis vulgär, wenn die Protagonisten gierig äsen und sich ein Bier nach dem anderen hinter die Binde kippen. Ich kenne Leute, für die solche Filme darum längst gegessen sind. Den meisten Deutschen hingegen gefällt das.

Vielleicht kam der Schweizer «Tatort»-Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) wegen seinem guten Benehmen nicht so gut bei unseren Nachbarn an. Gubser dazu in einem NZZ-Interview: «Als Gegenstück zu den teilweise überkandidelten Kommissaren in Deutschland wollten wir für die Schweiz einen Ermittler etablieren, der keine Macken hat. Er sollte nicht drogensüchtig sein oder mit einer Frau verheiratet, die auf den Strich geht, oder an einem Hirntumor leidet.»


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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