TV-Kritik

Ibiza-Video macht den ORF froh

Im ORF-Zentrum in Wien herrscht derart gute Stimmung wie lange nicht mehr. Grund: Mit seiner Berichterstattung über die österreichische Regierungskrise erreicht der öffentlich-rechtliche Sender seit Wochen Top-Quoten wie sonst nur bei sportlichen Grossanlässen.

ZiB («Zeit im Bild») sahen im Mai bis zu 1,9 Millionen Zuschauer. Das ist mehr als doppelt so viel wie an normalen Tagen. Damit war ZiB im Mai – auch beim jungen Publikum – die meistgesehene ORF-Nachrichtensendung seit zwölf Jahren. Auf Spitzenwerte von über einer Million Zuschauern kletterten auch die Sendungen auf der TVthek. Den April musste der ORF noch mit einem Quotenrückgang abschliessen.

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Über 2,1 Millionen Österreicher sahen die vom ORF live übertragene Neuwahlrede von Kanzler Sebastian Kurz. Star-Moderator Armin Wolf und seine vielen Gspänli leisteten ganze Arbeit. Der Sender brachte an manchen Tagen stundenlange Nachrichtensendungen und Polit-Talks über die einmaligen Vorgänge in der Alpenrepublik. Die TV-Journalisten haben die Überstunden gerne in Kauf genommen: Der gestürzte Skandal-Politiker Heinz-Christian Strache und seine FPÖ schiessen seit Jahren aus vollen Rohren auf den ORF. Auch österreichische Privatsender legen sich bei der Regierungskrise ins Zeug. Einen angeregten Talk dazu habe ich bei ServusTV gesehen. Der aufsteigende Sender gehört dem Red-Bull-Mitbesitzer Dietrich Mateschitz, mit geschätzten 23 Milliarden Dollar mit Abstand der reichste Österreicher. Wie fast überall in Europa profitieren Privatkanäle bei der Krisenberichterstattung quotenmässig weniger als öffentlich-rechtliche Sender.

Nachdem auch Deutschland in eine Regierungskrise geschlittert ist, befinden sich die deutschen TV-Sender ebenso im Quoten-Hoch. Allen voran ARD und ZDF. In Talk-Formaten wie jenen von Anne Will, Frank Plasberg («Hart aber fair»), Sandra Maischberger und Maybritt Illner dominiert spätestens seit den Europawahlen und dem Rücktritt von SPD-Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles erfolgreich dasselbe Thema: Wie weiter in Deutschland nach dem Führungschaos?

 


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Sebastian Renold, 08.06.2019 07:05 Uhr
    Neben dem ORF hat unter den Privatsendern vor allem oe24.at profitiert. Der zum Boulevardblatt "Österreich" der Fellner-Gruppe gehörende Kanal sendete an mehreren Tagen praktisch um die Uhr zur "Causa prima" der Österreicher.
Zum Seitenanfang20190620
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