Der mediale und öffentliche Druck bei Grossereignissen ist riesig: Am Sonntag liess ein Interview in der SonntagsZeitung mit dem Direktor des Spitals Wallis aufhorchen. Er beschrieb, wie nach den ersten Stunden der Tragödie von Crans-Montana ein Journalist, in Begleitung eines Angehörigen in eine Station vorgedrungen war, um Patienten zu interviewen. Und das, obwohl das Spital nach den Erfahrungen mit übergriffigen Journalisten nach dem Busunglück von Siders 2012 dieses Mal sofort einen Sicherheitsdienst engagiert hatte, der die Notfallstation abriegelte.
Diese Unverfrorenheit erstaunte mich, dachte ich doch, diese «Witwenschüttler»-Zeiten seien in der Schweiz vorbei. Wenn man aber im englischen Boulevard-Blatt Daily Mail die unverpixelten Bilder der Toten und Verletzten von Crans-Montana sieht, während der Blick alle Opferbilder verpixelt (oder zumindest deren Augenpartien), dann liegt die Vermutung nahe, dass hier ausländische Boulevard-Journalisten am Werk waren. Sie sind es offensichtlich gewohnt, mit härteren und unfaireren Bandagen zu kämpfen als ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen.
Die Lehre, die Kommunikationsverantwortliche daraus ziehen: Sie müssen sich bereits in der sogenannten Chaosphase eines Grossereignisses um die Kommunikation kümmern und auch fragwürdige Recherchemethoden antizipieren. Das alles parallel zum Herauffahren des Krisenstabes, der Ordnung und Struktur in den Abläufen etablieren muss.
Dies gelingt jedoch nur, wenn die (Krisen-)Kommunikation integraler Bestandteil der Aus- und Weiterbildung der Krisenstäbe ist und wenn die Führung für die Relevanz der Kommunikation sensibilisiert ist. Dies bedingt, dass Kommunikation als Chefsache verstanden wird und nicht als lästige Stabsfunktion.
Bei allem Mediendruck gilt es zudem, Ruhe zu bewahren und den Druck der Medien sowie der Öffentlichkeit auszuhalten, darf man doch auf keinen Fall Untersuchungsergebnisse vorwegnehmen, und nur gesicherte Fakten veröffentlichen – und auch diese erst, nachdem Direktbetroffene und Angehörige vorinformiert worden sind.
Journalisten, die sich auf unlautere Weise Zugang zu Patienten zu erschleichen versuchen, kann man zudem weder mit Nullmeldungen (der ersten Medienmitteilung nach einem Grossereignis), Points de presse oder offensiver Kommunikation in Schach halten. Hier braucht es robuste Massnahmen, wie eine rigorose Zutrittskontrolle und Sicherheitspersonal. Dass daran bereits ab Stunde null auch noch gedacht werden muss, ist traurige Realität.
Andreas Hugi ist CEO und Managing Partner von Furrerhugi. Seine Agentur ist unter anderem auf Krisenkommunikation spezialisiert und führt regelmässig Krisenstabübungen durch.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



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Den Druck der Medien aushalten