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Tamedia: Offener Brief an alle, die entlassen werden

Wenn ich die Schlagzeilen zum jüngsten Stellenabbau bei Tamedia lese, spüre ich sie in meinem Körper. Ich fühle mit den Betroffenen, einige von ihnen meine ehemaligen Kolleg:innen, die nun – wieder einmal – Angst haben müssen, dass sie zu diesem einen Gespräch aufgeboten werden.

Ich frage mich, wie es euch geht, vor dem Gespräch. Und danach. Wenn es auch euch getroffen hat.

Ich möchte deshalb meine Erfahrung teilen, um meine Solidarität mit euch zum Ausdruck zu bringen. Und meinen Protest gegenüber jenen, die für die Entlassungen verantwortlich sind und sie vollziehen.

Bei mir war es ein Tag im November 2022. Damals war gerade eine grössere Entlassungswelle vorbei. Ich atmete auf – ein bisschen weniger Angst.

Zu jenem Zeitpunkt hatte ich bei Tamedia bereits viel durchgemacht. Ich hatte mehrere Jahre in einem Unternehmen hinter mir, in dem ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein, um die Zeitung am Leben zu erhalten. Ständig wurde angepasst, «optimiert», restrukturiert, umorganisiert, reorganisiert. Abgebaut. Informationsveranstaltungen zu Zahlen, zur Steigerung der Klickzahlen und der Effizienz, zu ausgehandelten Sozialplänen – und zu Entlassungen.

Freund:innen aus anderen Branchen fanden das «schräg»: «Ich könnte so nicht arbeiten», «Wieso tust du dir das an?» Für mich war es die Normalität: das Gefühl, an einem Ort zu arbeiten, an dem es irgendwie immer prekär ist, nicht sicher, stets vor der nächsten Kürzung.

Trotzdem liebte ich meinen Job. Ich hatte viel investiert, viel geleistet: Überstunden gemacht, freie Tage sausen lassen, Ferien verschoben, war für Kolleg:innen eingesprungen, hatte mich weitergebildet, Abschiedsgeschenke für Teammitglieder, die uns verliessen, organisiert und mich für Gleichstellung engagiert. Das alles erfüllte mich. Kostete mich aber auch viel. Hohe Arbeitsbelastung, ständige diffuse und konkrete Abbauangst, dazu diverse Vorfälle, die mich bis heute verfolgen. Und auf privater Ebene kamen gesundheitliche Probleme dazu, wegen derer ich teilweise krankgeschrieben war.

Ich biss durch, passte mich an, hatte in einem neuen Team eine den Umständen entsprechend gute Zeit, die Inhalte kamen gut an. Ich als eher jüngere Frau mit binationalem Hintergrund und multimedialen Skills dachte, dass mein Profil gefragt sein könnte. Gerade nach all den internen und externen Diskussionen rund um mehr Gleichstellung, Diversität und gezielteres Erreichen junger Zielgruppen.

Ich lag falsch.

Am 10. November 2022 wurde ich entlassen. Als die Worte ausgesprochen wurden, konnte ich sie hören, aber nicht verarbeiten. Es passierte etwas, das ich nicht fassen konnte. Aber es ging trotzdem einfach weiter. Es fühlte sich an, als würde mein Leben zusammenbrechen.

Das mag für Aussenstehende übertrieben und dramatisch klingen. Aber für mich hat sich die Entlassung wie eine existenzielle Bedrohung angefühlt. Ich habe den grössten Teil meiner damaligen Lebenszeit in die Arbeit für dieses Unternehmen investiert, Journalismus war ein Grossteil meines Lebens. Nein, niemand hat mich dazu gezwungen. Ich habe es freiwillig gemacht. Weil ich begeistert war – und bin – von diesem Beruf. Von der Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, Stimmen anderer Menschen hörbar zu machen, etwas zu teilen, das mich interessiert, verwundert, geärgert oder weitergebracht hat. Und ich habe dafür viel Ungesundes akzeptiert, weil ich wusste, dass ich einen Job, wie ich ihn damals hatte, in der anhaltenden Medienkrise nicht ohne Weiteres an einem anderen Ort finden würde.

Und von einem Moment auf den anderen, innert weniger Minuten, fühlte es sich an, als würde mir all das genommen, wofür ich gearbeitet hatte und wofür ich brannte. Alles auf einmal. In einer Lebenssituation, in der ich dankbar war, dass ich die Konstante einer Arbeit und eines Einkommens hatte, weil andere Konstanten ins Wanken geraten waren.

Man rechnete mir vor, weshalb man mich trotz teilweiser Krankschreibung entlassen könne. Und man habe ja so viel für mich getan.

Nach dem Gespräch wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte. Ich war wie betäubt. Mir war heiss, kalt, übel, ich zitterte. Ich musste erst mal raus. Raus aus dem Gebäude. Raus auf die Strasse. Atmen. Ich konnte nicht mal weinen. Ich konnte auch nicht mehr gerade gehen. Meine direkte Vorgesetzte zeigte Verständnis, als ich mich abmeldete. Ich lag tagelang zuhause, konnte mich kaum bewegen und schaute bescheuerte Filme, um mich weiter zu betäuben.

Ich verfasste eine Mail an die Redaktionskolleg:innen, um sie über meine Entlassung zu informieren. Viele Nachrichten, Telefonanrufe, Gespräche. Ich denke bis heute an eure Solidarität, euer Mitfühlen, eure netten Worte, euer Angebot, zu protestieren, eure Unterstützung beim Klären der Formalitäten.

Trotzdem waren die Monate nach dem letzten Arbeitstag schlimm. All die Abläufe, Formate, Textformen, Kanäle, Themensuch- und Schreibreflexe, in die ich hineinsozialisiert worden war: Ich wurde von ihnen ausgeschlossen, konnte ihnen nicht mehr in den Formen nachgehen, die ich so liebte. Ich sass da ohne das soziale Umfeld der Redaktion, aber mit vielen Ideen. All diese Ideen konnten meinen Kopf nicht mehr verlassen. Ich trug sie mit mir herum. Paralysiert, niedergeschlagen, noch immer vor den Kopf gestossen. Und auch beschämt. Als wäre die Entlassung ein Makel, etwas, das einem nicht passieren sollte und über das man deshalb auch nicht spricht. Es tut mir weh, dass meine Mutter nun wohl auf diesem Weg die Wahrheit erfahren wird.

Es dauerte lange, bis ich die Entlassung so in meinen Alltag integrieren konnte, dass mich Gedanken daran nicht völlig aus der Bahn warfen. Oft habe ich mich dafür verurteilt, so stark zu fühlen: Selber schuld, wenn man sich so mit der Arbeit überidentifiziert. Hättest du dich mal schneller umorganisiert und umstrukturiert. Würdest du nur positiver denken.

Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich so hart zu mir war. Ich hatte mir keine Zeit gegeben, das Erlebte wirklich zu verarbeiten, dieses Ereignis, für das ich emotional keine Referenzen hatte und das mich komplett überforderte. Ich wollte mir nicht eingestehen, wie sehr mich diese Entlassung erschüttert hatte. Als Entlassung an sich, aber auch als Teil weiterer Lebensumstände.

Es hat über zwei Jahre gedauert, bis die Schwere, die sich – trotz aller unfassbar guten Momente und Erfahrungen – auf der Redaktion und darüber hinaus über mich gelegt hatte, sich aufzulösen begann. Nach einigen Jahren kann ich nun sagen, dass ich dieses Gefühl losgeworden bin, das wie ein Nebel über mir lag.

Ich begann, neue Möglichkeiten zu sehen, lernte neue Leute kennen, neue Arbeitsformen, habe neue Hobbys entdeckt. Dinge, die vorher nicht mehr möglich waren, weil ich so absorbiert war, nicht nur von der Arbeit, sondern auch von all dem mentalen Ballast, der aus dieser Unternehmenskultur des ständigen Sparens und der Angst vor dem Sparen hervorging.

Und nein, ich würde nie erwarten, dass jemand eine Entlassung unmittelbar als «Chance» oder «Neuanfang» sieht. Ich fand es schrecklich, als man mir das damals so sagte: «Sieh es doch als etwas Gutes.» Ich finde, es darf einem schlecht gehen, man darf wütend sein, traurig. Es darf einem auch gut gehen. Vielleicht fühlt sich jemand erleichtert, die eine Person braucht erst mal eine Pause, die andere will – oder muss – sofort ein neues Projekt angehen. Alles ist okay. Das mag jetzt beinahe esoterisch, banal oder bevormundend klingen. Mir jedenfalls hätte es damals geholfen, die ganze Bandbreite meiner Emotionen vorbehaltlos zuzulassen, etwas netter zu mir selbst zu sein, mein eigenes Tempo der Verarbeitung zu respektieren und zu kommunizieren – und nicht zu versuchen, das zu fühlen, was andere von mir erwarteten.

Was ich euch aber dezidiert sagen möchte: Ihr habt tolle, wichtige und wertvolle Arbeit geleistet. Ihr seid kreativ, habt Durchhaltewillen, Stehvermögen, Mut, Enthusiasmus, Berufsethos, Begeisterung, Neugierde. Nichts und niemand kann euch das nehmen. Auch eine Entlassung nicht, auch jene nicht, die euch entlassen haben oder noch entlassen werden.

Ich wünsche euch, dass ihr all dieses Gute an anderen Orten einbringen könnt, an Orten, die euch guttun, wo eure Arbeit geschätzt wird und ihr als Menschen gesehen werdet. Im Journalismus – und ich meine das nicht zynisch, sondern trotz allem mit Hoffnung – oder sonst wo.

Mit solidarischen Grüssen


Aleksandra Hiltmann schreibt als freie Autorin über Themen rund um Gesellschaft, Diversität und Balkan. Sie hat in Zürich Politikwissenschaft und Publizistik studiert.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion. 

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KOMMENTARE

Elena Grignoli
15.10.2026 09:01 Uhr
So ein schöner Brief! ?
Victor Brunner
15.10.2026 08:55 Uhr
Habe viele Artikel von Hiltmann gelesen, nicht alle waren gut. Zum Teil sogar hämisch, Ein Artikel ist mir besonders geblieben. Als die Rucksacktouristin Hiltmann sich über die Rollkoffer TouristenInnen lustig, ja verächtlich ausgelassen hat. Das war Arroganz. Überheblichkeit pur. Der "offene Brief" ist erlebtes und durch gemachtes, etwas weinerlich aber trotzdem gut. Der Brief verdeutlicht wie es an der Werdstrasse zugeht. P-S und Birrer schwingen die Entlassungskeule und die MitarbeiterInnen ducken sich, sie wollen nicht entlassen werden. Angst, falsche, gespielte Loyalität und Heuchelei sind in der Redaktion allgegenwärtig! Klicks wichtiger als guter Journalismus!