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Den Grasshoppers fehlt die Identität

Colin Fernando

Am Sonntag schrieben die Grasshoppers Geschichte der unrühmlichen Sorte. Es ist ein Abstieg in die Zweitklassigkeit im doppelten Sinne: Der sportliche Abstieg in die Challenge League sowie der Abstieg vom Rekordmeister und Aushängeschild zum von Misswirtschaft gezeichneten Schatten seiner selbst. Als wäre das nicht schon genug, provozierte die eigene Kurve auch noch einen Spielabbruch. Der Gang in Unterwäsche in die Katakomben blieb den Spielern zwar erspart, die Demütigung hingegen nicht.

Nach den ruhmreichen 90ern mit fünf Meistertiteln und der Teilnahme in der damals noch vergleichsweise exklusiven Champions League mit nur 16 Teilnehmern, folgten für den stolzen Zürcher Club nur noch die Meistertitel 2001 und 2003 sowie der Cupsieg 2013. Begleitet wurde der zunehmende sportliche Misserfolg von den im Fussball üblichen Symptomen: Schulden, fragwürdige Transferpolitik und ständige Wechsel in der Führungsetage und den Trainerteams. Viele sehen auch im Abriss des altehrwürdigen Hardturm-Stadions eine entscheidende Ursache für den Zerfall der Hoppers. Am Ende kann man allerdings alle Probleme und Symptome darauf zurückführen, dass dem Grasshopper-Club schlicht und einfach eine klar formulierte und manifestierte Identität fehlt.

In dieser Identität müssen die Grasshoppers das eigene Selbstverständnis festhalten und ein Leitbild formulieren, das fortan die Philosophie des Clubs in jeglicher Hinsicht bestimmt. Mögliche Transferziele werden nach der Passung zur eigenen Identität ausgewählt und gescoutet. Das Trainerteam danach ausgewählt, ob es in der Lage ist, einen Fussball spielen zu lassen, der diese Identität zum Ausdruck bringt. Ein Club wie GC, der als Rekordmeister einen natürlichen Führungsanspruch in seiner DNA hat, müsste auf einen dominanten, erfolgreichen Ballbesitz-Fussball setzen. Das Leitbild dient zudem auch als Orientierungsrahmen für die Entscheidungen der Funktionäre und Geldgeber. Vorbei die Zeit der Vetternwirtschaft, dem Ausleben des eigenen Egos oder der falschen Trainerentscheidungen.

Ganz einfach und doch: Bei GC und vielen anderen Fussballvereinen herrscht der Irrglaube, dass man im Fussballgeschäft kein Leitbild brauche. Vereine wie der FC Barcelona, Borussia Dortmund aber auch kleinere Kaliber wie der FC St. Pauli hingegen machen vor, was eine klare Identität ausmacht. Bei diesen Vereinen wird bereits den Jugendspielern die eigene Philosophie eingeimpft und Spieler werden danach ausgesucht.

Zu guter Letzt bietet die Identität des Vereins, die sich in seinem gesamten Tun ausdrückt, auch einen klaren Orientierungsrahmen für die Fans. Ein klares Bekenntnis, das falsche Erwartungen und Orientierungslosigkeit verhindert. Bilder von Chaoten am Spielfeldrand, wie am letzten Sonntag, würden damit der Geschichte angehören.


Colin Fernando ist Senior Brand Consultant und Sportmarkenexperte bei der Managementberatung BrandTrust.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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