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KI in der Literatur: Die journalistischen Alarmglocken blieben stumm

Diese Woche durfte ich mit einer Sekundarklasse aus dem Aargau im Rahmen eines Workshops über Journalismus sprechen. Ziel des Workshops war, die Jugendlichen für Quellen zu sensibilisieren. Woher stammt eine Information? Wer sagt es? Ist es vielleicht ein Gerücht, eine Fake News oder doch ein Fakt? Die Schülerinnen und Schüler sollten lernen, Informationen aus Social Media mit einem kritischen Blick zu begegnen.

Machen das Journalistinnen und Journalisten selbst systematisch? Nicht so sicher. Auch diese Woche: In Frankreich tobt eine Debatte über KI in der Literatur. Angefangen hat es mit dem Vorwurf, der kanadische Schriftsteller Thélyson Orélien habe sein Buch «C’était ça ou mourir» mit KI geschrieben. Der Roman hat am Montag einen Preis gewonnen und gehört (noch) für andere prestigeträchtige Auszeichnungen der Rentrée littéraire zu den Favoriten. Von der Goncourt-Auswahl wurde er entfernt.

Woher stammt diese Information? Aus einem X-Account, der KI in Texten anprangern will. Er agiert unter dem Namen «Balance ton Claude» in Anlehnung an «#Balancetonporc», damals das französische Pendant zu «#MeToo». Nur: Bis vor einer Woche zählte der Account weniger als 100 Followers. Das angebliche Kollektiv, das dahintersteckt, bleibt anonym. Inzwischen hat sich jener Essayist als Urheber bekannt, der den mittlerweile viralen Post als Erster geteilt hatte. Und woher weiss «Balance ton Claude», dass das Buch mit KI verfasst wurde? Die Gruppe habe mehrere Passagen mit dem KI-Detektor Pangram geprüft. Nur: Solche Detektoren sind nicht genau das, was man als zuverlässig bezeichnen kann (persoenlich.com berichtete).

Da läuten schon mehrere journalistische Alarmglocken: Die Quelle war anonym, die Reichweite ist vernachlässigbar, und die Methode ist bekanntlich fragwürdig. Reicht das, um darüber zu berichten? Eigentlich nicht.

Die Debatte ist aber entbrannt, in gewissen Kreisen rassistisch motiviert gegen den aus Haiti stammenden Autor. Auch die wichtigsten französischen Medien haben darüber berichtet. Die Schweizer ebenso. Talk-Sendungen haben sich mit prominenten Gästen dem Thema gewidmet. Die Unschuldsvermutung schwebte zwar immer im Raum. In den Diskussionen ging es zwar mehrheitlich um KI in der Literatur allgemein. Es ist zwar eine interessante und wichtige Debatte. Das Problem: Der Auslöser hätte aus journalistischer Sicht gar keine Geschichte werden sollen. Jeder Beitrag darüber war ein Resonanzboden für einen wackeligen Vorwurf.

Die Klasse aus dem Aargau wollte auch wissen, wie Medienschaffende entscheiden, worüber sie berichtet und worüber nicht. Was wäre in diesem Fall die Antwort gewesen?


Sandra Porchet ist Redaktorin bei persoenlich.com

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KOMMENTARE

Andreas Gossweiler
03.10.2026 08:14 Uhr
Der Kommentar von Sandra Porchet spricht einige spannende Punkte an. Die Debatte über Thélyson Orélien erinnert an die Kampagne gegen den Cambridge-Professor Jason Arday. Auch diese Kampagne war stark rassistisch gefärbt, das kann man nicht abstreiten. Offenbar werden bei Schwarzen strengere Massstäbe angelegt, wenn es um Plagiatsvorwürfe oder um den KI-Einsatz geht. Die Frage der Aargauer Schulklasse ist ziemlich clever formuliert. Meine Antwort wäre – etwas salopp zugespitzt: Ich berichte über Themen, die ich selbst interessant finde. Natürlich wäre die professionelle Antwort: Wir berichten über das, was relevant ist für unser Publikum. Nur wären die Aargauer Schüler damit nicht zufrieden gestellt, denn jemand muss ja entscheiden, was relevant ist und was nicht. Und das ist die tägliche Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten.
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