«Liebe Daheimgebliebene. Sonnige Grüsse von der Croisette, oder von irgendeinem Partyboot. Die Arbeiten sind inspirierend und es ist wunderbar, hier den kreativen Akku wieder aufzuladen, …»
Es soll ja wirklich Leute geben, die ihre Urlaubskarten zu Hause schreiben, um sie dann am Urlaubsziel einzuwerfen. Die Wahrheit ist: Ich schreibe diesen Text noch in Greifensee, denn der Redaktionsschluss ist bereits am Sonntag.
Die Reise, von der ich wirklich berichten kann, hat schon Anfang Mai begonnen: mit dem Shortlist-Jury-Briefing für die Design Lions per Videokonferenz.
Einen Löwen in Empfang zu nehmen, ist schon eine verdammt grosse Ehre. Die Ernennung für die Jury, eine noch viel seltenere. Sie geht allerdings mit einer grossen Verantwortung einher.
Nach den Ereignissen der Vergangenheit lag dieses Jahr ein grosser Fokus auf der Integrität und Authentizität. Wir waren daher angehalten, fair und rigoros zu voten. Weniger Rosé, mehr Rotstift. Um am Ende jene Designarbeiten auf die Weltbühne zu heben, die als die besten unserer Zunft gelten dürfen. Es gibt Grossartiges, es macht wieder richtig Spass!
Diese Trends haben sich abgezeichnet:
Freut euch auf Designarbeiten weg von der reinen Kampagne hin zu systemischen Lösungen. Die Designer:innen haben ein relevantes Problem erkannt und eine Infrastruktur für dessen Lösung geschaffen. Ein Beispiel ist ein Sporttrikot, mit dem ein Gesetz geändert werden soll, an anderer Stelle ist es ein monumentaler Wickelrock. Das ist eine Flughöhe für Design, die weit über traditionelle Kommunikation hinausgeht.
«Purpose-Washing» funktioniert nicht mehr. Eine gute Absicht allein reicht nicht aus. Da wurde auf molekularer Ebene und mit den neuesten Technologien mit DNA gearbeitet. Das ist eine völlig neue Art, Nachhaltigkeit sexy und erstrebenswert zu machen. Die herausragendsten Arbeiten haben Nachhaltigkeit oder soziale Verantwortung in echte Ergebnisse übersetzt.
Und dieser Trend ist im Grunde ein Gegentrend zur Flut an Digitalem und Datengetriebenem: das Retro-Design, das zum Analogen und sogar zum Handgemachten zurückkehrt. Wir sahen eine Arbeit in 3000 Jahre alter Flechttechnik von der peruanischen Pazifikküste. Oder kilometerlange Handstickereien nach indischer Technik. Und ausgerechnet Tech-Giganten setzten auf eine komplett analoge Schatzsuche mit obsessiv gestalteten VHS-Kassetten. Das zeigt, dass nicht immer die neueste Technologie gewinnt, sondern die, die am besten zur Idee passt und authentisch ist.
Am Sonntagmorgen wurde die Shortlist für die Design Lions veröffentlicht. Nun beginnt die Kür in Cannes. Darauf freue ich mich sehr. Ich drücke allen Einreichenden aus der Schweiz die Daumen.
Herzlich grüsst David.
David Fischer ist Creative Director und Executive Board Member bei Scholz & Friends Schweiz. Zudem war er dieses Jahr Mitglied der Shortlist-Jury in der Kategorie Design.
Alle Berichte über das Cannes Lions International Festival of Creativity 2026 finden Sie auf der entsprechenden Landingpage.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.




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Postkarte aus Cannes: Die Promenade heisst hier Garnhänkiweg