21.06.2026

Cannes Lions 26

Ein Viertel weniger Einreichungen

Erstmals seit dem Pandemiejahr bricht die Zahl der Award-Einreichungen an der Croisette markant ein. Die Organisatoren bestätigen einen direkten Zusammenhang mit den neuen Integritätsregeln, die als Reaktion auf den Skandal um die Agentur DM9 im Vorjahr eingeführt wurden.
Cannes Lions 26: Ein Viertel weniger Einreichungen
Das Palais des Festivals in Cannes, seit den 1980er-Jahren Austragungsort des Cannes Lions International Festival of Creativity. (Bild: Archiv persoenlich.com)

Die Organisatoren des Cannes Lions International Festival of Creativity haben in diesem Jahr 20'050 Award-Einreichungen erhalten – ein Rückgang um 25,5 Prozent gegenüber den 26'900 Einreichungen von 2025. Das geht aus der Medienmitteilung hervor, mit der die Organisatoren am Samstag den Start des 73. Festivals ankündigten, das am Montag in Südfrankreich beginnt. Über 300 internationale Jurymitglieder beurteilen die Einreichungen aus 92 Ländern. Erste Shortlists wurden bereits veröffentlicht, nominiert wurden auch Schweizer Arbeiten (persoenlich.com berichtete).

Der Rückgang ist nicht einfach eine Normalisierung nach einem Ausreisserjahr, sondern ein historischer Tiefstand. Die Einreichungszahlen lagen in den vergangenen zehn Jahren nie unter den nun erreichten 20'050: Im Rekordjahr 2016 erreichte das Festival noch 43'101 Einreichungen.

Bereits 2018 leiteten die Organisatoren eine bewusste Verkleinerung ein: Rund 120 Subkategorien wurden gestrichen, das Festival auf fünf Tage verkürzt und die Teilnahmekosten gesenkt – eine Reaktion auf den Unmut grosser Agenturholdings über die ausufernden Kosten. Die Ausgabe 2020 wurde wegen der Pandemie komplett gestrichen, 2021 fand als kombinierte Ausgabe «2020/2021» statt. Seither pendelten sich die Zahlen bei rund 25'000 bis 27'000 ein, stets deutlich über dem nun erreichten Wert.

Auf Anfrage von persoenlich.com bestätigte Camilla Lambert, PR Director bei Lions, dass die Zahlen methodisch direkt vergleichbar seien. Den Rückgang erklärte sie mit den neuen «Awards Integrity Standards», die 2026 erstmals zur Anwendung kamen: Die Zahl der Einreichungen entspreche nach deren Einführung den Erwartungen.

Auf Nachfrage nach dem Auslöser schrieb Lambert: «Im Anschluss an das Festival des Vorjahres haben wir uns verpflichtet, eine Reihe von Awards Integrity Standards einzuführen, um die Legitimität kreativer Arbeit sicherzustellen.» Die fünf neuen Standards reichen von Eigentums- und Urheberschaft über die Wahrhaftigkeit von Angaben bis zur Transparenz in der Unternehmensführung. Sie gehen auf eine Stellungnahme zurück, die Cannes Lions letzten Sommer veröffentlichte – wenige Wochen nach dem Bekanntwerden des DM9-Falls. Darin räumte Cannes Lions ein, dass Bedenken zu Manipulation, synthetischen Medien und KI-Einsatz bereits zum Entzug verliehener Lions geführt hätten – eine Anspielung auf den Fall der brasilianischen Agentur DM9, die ihren Grand Prix zurückgeben musste, und in dessen Folge auch weitere Agenturen unter Verdacht gerieten.

CEO Simon Cook betonte in der Mitteilung vom Samstag, die verschärften Standards seien nicht dazu da, Kreativität einzuschränken, sondern sie zu stärken. In der Stellungnahme vom letzten Sommer, mit der die Standards ursprünglich angekündigt wurden, hatte er deutlicher argumentiert: «Kreativität ist nur dann wertvoll, wenn sie glaubwürdig ist. Und Glaubwürdigkeit muss man sich verdienen, sie darf nicht einfach vorausgesetzt werden.» Als Beleg für den wirtschaftlichen Wert von Kreativität verwies Cannes Lions damals auf eine Interbrand-Analyse: Bei den 50 erfolgreichsten Lions-prämierten Marken habe ein gewonnener Lion im Folgejahr im Schnitt zu 2,7 Prozent höherer Profitabilität und 4,7 Prozent Wachstum der Marktkapitalisierung geführt.

Auffällige Unterschiede zwischen den Märkten

Der Rückgang verteilt sich höchst ungleichmässig über die einzelnen Länder, wie aus dem aktualisierten Press Kit zum Festival hervorgeht, das die Einreichungszahlen der letzten fünf Jahre nach Märkten aufschlüsselt. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der Einreichungen besonders stark in den Vereinigten Arabischen Emiraten (minus 52 Prozent) sowie in Brasilien (minus 41 Prozent). Auch grosse Märkte wie Deutschland (minus 28 Prozent), Spanien (minus 28 Prozent), Indien (minus 31 Prozent) und Grossbritannien (minus 21 Prozent) verzeichneten deutliche Rückgänge gegenüber 2025. Die USA, traditionell der grösste Einreichermarkt, fielen von 6797 auf 5585 Einreichungen (minus 18 Prozent).

Eine der wenigen Ausnahmen ist die Schweiz: Hier stieg die Zahl der Einreichungen von 141 im Vorjahr auf 164 – ein Plus von gut 16 Prozent.

Unabhängig vom Rückgang bei den Gesamtzahlen verschiebt sich die Zusammensetzung der Einreichungen weiter: Marken reichten dieses Jahr 10 Prozent aller Arbeiten direkt ein, nach 8 Prozent im Vorjahr. Unabhängige Agenturen stellen neu fast einen Drittel sämtlicher Einreichungen, mit so vielen Jury-Präsidentinnen und -Präsidenten aus Indie-Agenturen wie nie zuvor. 



Alle Berichte über das Cannes Lions International Festival of Creativity 2026 finden Sie auf der entsprechenden Landingpage.


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