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Die Unantastbare

Stefan Millius

Wenn die 16-jährige Greta Thunberg aus Schweden spricht, vergessen Journalisten Begriffe, die ihnen sonst heilig sind. Zum Beispiel Relevanz.

Dass die Schülerin zur «Galionsfigur der Klimaschutzbewegung» («Süddeutsche Zeitung») oder zum «Poster-Girl des Klimaschutzes» («Weltwoche») geworden ist, ist nachvollziehbar. Jede Bewegung braucht ein Gesicht zur Identifikation. Und dann ist es erst noch eines, an dem kein Körper in Anzug und Krawatte hängt. Das einen Kontrapunkt zur Debatte der alten Männer bildet. Besser geht’s nicht.

Mehr verwundert, dass fast alle Medien das Spiel mitspielen. Denn ganz nüchtern gefragt: Welchen relevanten Beitrag kann eine 16-jährige Schülerin inhaltlich zur Klimadiskussion beitragen? Was kann sie mehr sein als eine Botschafterin bereits bekannter Thesen? Und hat eine Botschafterin diese Aufmerksamkeit verdient, nur weil sie jung ist?

Biografische Anekdoten wie die Tatsache, dass sich Greta schon mit acht Jahren mit dem Klimawandel beschäftigte, sind für die Aktivistenszene ein Geschenk. Aber bei einem Journalisten müssten sie Fragen auslösen. Zum Beispiel: Wie genau sah die Beschäftigung in diesem zarten Alter aus? Wer hat sie damals mit den relevanten Informationen bedient? Hatte sie Zugang zu Informationen aus verschiedenen Lagern, etwa auch von Klimawandelskeptikern? Oder wurde sie einseitig gefüttert? Welche Quellen hatte die junge Frau, die von der Welt fordert, sich gefälligst zu verändern, in diesen acht Jahren? Und wenn jemand der globalen Politik Versagen vorwirft, wäre dann nicht die Frage angebracht, welche tiefen Einsichten hinter die Kulissen der Weltpolitik die Schülerin zu diesem Vorwurf berechtigen.

Seltsamerweise disqualifiziert man sich bereits, wenn man nur daran denkt, solche Fragen zu stellen. Eigentlich ist es das bisher verbürgte Vorrecht von Journalisten, kritisch nachzufragen. Aber hier verlieren sie offenbar die Lust. Man holt sich keine Sympathien beim Volk, wenn man Greta hart konfrontiert. Man lässt sie lieber einfach reden. Es erinnert ein bisschen an die Auftritte von Kindern bei «Das Supertalent». Die eigentliche Leistung ist zweitrangig, es ist einfach irgendwie jöööh.

Würde sich Greta – hypothetisches Beispiel – gegen die Entwicklungshilfe engagieren, würden Journalisten nun minutiös ausleuchten, wie sie auf diese schiefe Bahn kam. Was lief im Elternhaus falsch, von wem wurde sie beeinflusst, wer berät sie, wer schreibt ihre Reden? Aber hier geht es um den Klimaschutz. Und bei einem solchen Thema fragt man nicht nach. Jemand, der die Welt retten will, entzieht sich der Recherche.

Die Schuld liegt natürlich nicht allein bei den Medien. Wenn die Organisatoren des WEF blitzschnell auf den Trend einsteigen und die junge Schwedin einladen, geben sie ihr damit ein Gewicht und rechtfertigen alle Zeilen, die danach geschrieben werden. Nur: Was wird geschrieben? Dass Greta im Zelt schläft. Wie sie sich dort warm hält. Wie lange ihre Anreise im Zug war. Was sie während der Fahrt gemacht hat. Investigativer Journalismus vom Feinsten.

Geht es um die Schwedin, wird jede noch so seriöse Zeitung plötzlich zur Leichte-Kost-Postille. Kein Mensch fragt, ob sie sich kontrovers mit den Forderungen auseinandergesetzt hat, die sie nun an die Welt stellt. Niemand konfrontiert sie mit Gegenthesen. Keiner fordert sie heraus. Weil man das bei einem Teenager, der uns allen die Zukunft sichern will, natürlich nicht tun darf. Stattdessen sitzen wir da und sehen im Livestream, wie sie von einem Blatt abliest.

Greta Thunberg ist das perfekte Beispiel dafür, dass Medien in vorauseilenden Gehorsam ihre Aufgabe vernachlässigen, sobald sie spüren, dass sie sonst beim Publikum auf Widerwillen stossen.



Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Victor Brunner, 28.01.2019 12:16 Uhr
    Millius fragt sich: ob Gretae sich kontrovers mit den Forderungen auseinandergesetzt hat, Da stellt sich die Gegenfrage wie andere, Wirtschaftsführer, Banker, Philosophen ihren Forderungen nachleben oder in ihrem Wirkungsbereich umsetzen! Greta ist jung, wenig oder nicht korrumpiert, dadurch vor allem bei Jungen glaubhaft. Das unterscheidet sie zu Recht von der sogenannten "Elite". Da sollte Millius doch die gleichen Massstäbe bei allen ansetzen die während des WEF in den Schlagzeilen waren und über das Klima und Weltpolitik fabulierten. Greta wird ihren Weg machen, bestimmt nicht immer gradlinig aber überzeugender und konsequenter als viele der "Elite".
  • Ravena Frommelt, 28.01.2019 22:24 Uhr
    Sehr nachvollziehbar für mich sowohl die Kritik von Millius (Journalismus braucht das Narrative, Tiefe wird evtl. hier zu sehr vernachlässigt?), als auch Einwand von Brunner: Man dürfe solche Massstäbe auch bei den Grossen verwenden, die Millius beim jungen Idol fordert. Frage mich: Was qualifiziert unsere Bundesräte, sowohl das Departement des Inneren als auch jedes andere Departement potenziell vertreten zu können? Vielleicht bin ich hier etwas naiv, ungebildet, habe was Wesentliches nichts verstanden, eine Bildungslücke oder bin einfach zu jung, durchzublicken. Aber für diesen Fall bitte ich euch Älteren um Nachsicht. Und man darf meine Frage durchaus ernst nehmen.
  • Thomas Binder, 29.01.2019 16:19 Uhr
    Meines Erachtens ist dies ein gutes Stück in die richtige Richtung. Ich finde es richtig, sich verantwortungsvoll um unseren Planeten, dessen Flora und Fauna samt der Menschheit zu kümmern. Ich finde es falsch, verantwortungslos Kinder für PRopagandazwecke zu missbrauchen, hier für das neoliberale Umverteilungsprojekt von unten nach oben, die CO2-Steuer. Wie die Mehrwertsteuer sind Gas-, CO2-Steuern / -Abgaben und dergleichen die ungerechtesten Steuern überhaupt weil Reichere vergleichsweise weniger bezahlen als Ärmere. Auch weil die insbesondere in der EU grassierende Mehrwertsteuer ohne Widerstand der Bevölkerung nicht immer noch mehr erhöht werden kann, haben neoliberale Think Tanks neue ungerechte Steuern erfunden, die von der neoliberale "Elite" und deren Lakaien also soooo umweltfreundlich dargestellt und soooo populär gemacht werden. Der Mythos des IPCC, einer vielmehr politischen(!) als wissenschaftlichen Organisation, vom vielmehr CO2-induzierten als natürlichen Klimawandel - u.v.a.m. lag die CO2-Konzentration vor vielen Millionen Jahren schon bis zu 40x höher als heute und dies auch während Eiszeiten - ist im freien Fall und die Auftritte von Greta Thunberg widerspiegeln die zunehmende Verzweiflung der mit dessen Aufrechterhaltung betrauten PRopaganda-Agenturen aka Gegenaufklärern. Ein guter Start in die Aufklärung über den vielmehr natürlichen als anthropogenen Klimawandel ist beispielsweise diese (Link unten) Debatte(sic!) zwischen namhaften Wissenschaftlern, wie wir sie in den neoliberalen Leit(!)medien vergeblich suchen. Stattdessen diffamieren letztere Aufklärer als "Klimaleugner" und dergleichen. Immerhin haben derartige Diffamierungen im Rahmen jeder Auflösung eines unserer multiplen Verblendungszusammenhänge aka Aufklärung den Vorteil, dass wir jeweils rasch realisieren, welche Seite anständig und gelassen die defragmentierten kontextualisierten Fakten aka die Realität präsentiert aka aufklärt und welche Seite ihre aufgeregt im faktenfreien Vakuum schwebenden Mythen nicht anständig und gelassen mit defragmentierten kontextualisierten Fakten verteidigen sondern Aufklärer bloss diffamieren aka Gegenaufklärung betreiben kann. https://www.youtube.com/watch?v=pVXHaSqpsVg&t=487s
  • Daniel Hess, 01.02.2019 14:41 Uhr
    Greta ist deshalb relevant, weil sie deutlich macht, dass das Problem kinderleicht zu verstehen ist. Dies bringt sie besser zu Stande als das Studium von IPCC Reports und anderen Quellen. Mein Wunsch an die Journalisten wäre, mal diese viel zitierte Kontroverse aufzuzeigen. Ich sehe kaum eine... Ich sehe einen unglaublich grossen Konsens. Beschäftigt man sich mit den Gegenstimmen, stösst man meistens auf skurile Figuren. Wer sind denn diese Wortführer der "anderen" Meinung? Aber es ist natürlich äusserst angenehm, wenn man sich hinter der Pseudo-Opposition verstecken kann. Da braucht man nichts zu ändern und kann weiterhin für 2 Wochen nach Bali.
  • François Jeannet, 02.02.2019 12:33 Uhr
    Man kann sich den Eindruck nicht verkneifen, dass sich der Autor von der kleinen Greta persönlich pikiert fühlt. Wie kann so eine Junge, die so wenig weiss, so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Die Medien sind ihr auf den Leim gegangen. Beides völlig verfehlt: Sie weiss genug, um die Botschaft zu verbreiten, dass es mit unseren Lebensgrundlagen nicht zum Besten steht. Ausser viel partei-politisches Palaver und wissenschaftliche Gutachten und Gegengutachten (die sich nicht selten im Nachhinein als manipuliert erweisen), kommen wir nur sehr langsam voran, mit Sicherheit weniger schnell, als die Beschädigung von Luft und Wasser. Braucht es noch mehr entwarnende oder relativierende Klimadiskussionen? Nein, man muss handeln, wer noch daran zweifelt, dem kann kaum geholfen werden. Was die Medien anbelangt: Die Lektüre der Tagespresse sei empfohlen: gut recherchierte endlose Artikel z.B. über Grossbanken und ihre Moritaten würden zwar Milluis Seriositäts-Kriterien entsprechen, nur sind diese leider völlig irrelevant, verändern nichts, ausser dass schrittweise noch mehr unnötige Gesetze entstehen, die bekannterweise bislang nichts Substanzielles bewirkt haben. Als Kommunikationsspezialist müsste Millius wissen, dass die Massen (und somit der Druck auf Politik und Wirtschaft) nur mit extrem einfachen und plakativen Botschaften zu erreichen sind. Und was nun aktuell in der Schweiz passiert, ist dass sich endlich die von den seriösen Erwachsenen als apolitisch klassierten Jungen, die in den letzten Jahrzehnten den kommunikativ perfekt aufbereiteten Botschaften der grossen trendy Brands hörig waren, emanzipieren. Losgelöst von parteipolitischen Überlegungen (endlich!) bedienen sie sich der sozialen Netzwerke, um die Klimamobilisierung breitflächig voranzutreiben. Auch das ist hinlänglich bekannt: wenn man gegen die Trägheit der vorherrschenden Muster etwas bewirken will, muss man überzeichnen. Wenn dann nur ein Bruchteil umgesetzt und eine gedankliche Trendwende eingeleitet wird, ist das schon unendlich besser als der lethargische Ist-Zustand. Also Schwab, Lagarde und Medien – gut gemacht! Sie haben sich nicht um ihr Image als unseriös gekümmert, als sie eine Schülerin (auch Teil unserer Gesellschaft) ermuntert haben, eine wichtige plakative, wenig recherchierte Botschaft - ein Hilferuf - zu verbreitern.
  • Markus Seger, 03.02.2019 16:48 Uhr
    Sie fordern Relevanz, Herr Millius? Ist Ihnen die Tatsache, dass hier die Jugend ihre Mitsprache fordert und dies mit Nachdruck, nicht relevant genug? Gretas Generation wird den Klimawandel ausbaden müssen, wenn wir zwei schon eine ganze Weile das Zeitliche gesegnet haben.
  • Luciano Gloor, 04.02.2019 04:28 Uhr
    Und gratis gibt's obendrauf noch einen kleinen Kurs in Rhetorik: ad hominem Argumentationen sind unzulässig, erst recht, wenn es sich um einen Teenager handelt! http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/globale-erwaermung-so-entlarven-sie-klimawandel-leugner-a-1251147.html
  • Luciano Gloor, 04.02.2019 14:19 Uhr
    Greta Thurnberg's Antwort auf Herrn Millius's Sorgen https://www.facebook.com/gretathunbergsweden/posts/767646880269801?__tn__=K-R
  • Stefan Millois, 06.02.2019 11:58 Uhr
    Ah, schön. Das ist einfach. 1. Nein, das ist inhaltlich (und darauf habe ich Bezug genommen) nicht relevant genug bzw. müsste verbunden sein auch mit kritischen Fragen zum Engagement. Wir sprechen von Medien, nicht von offiziellen Sprachrohren der Aktivistenbewegung. Oder wie es bei SRF so schön heisst: "Wir machen uns nicht gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten". 2. Hier war gar nichts ad hominem. Ich habe nicht gefordert, sie aufgrund ihrer Eckdaten (jung usw.) auszublenden, sondern sage, dass diese Eckdaten nicht automatisch reichen, ihr so viel Platz einzuräumen. ad hominem wird also im Gegenteil in die Gegenrichtung gepflegt. 3. Ich kenne das FB-Posting von Greta Thunberg. Schön, dass sie Stellung bezieht. Das entbindet die Medien nicht von der Pflicht, ihren Job zu machen (zumal das Posting NACH dem WEF kam).
  • Luciano Gloor, 07.02.2019 13:16 Uhr
    Greta Thunberg ist eine Aktivistin. Sie hat zu keinem Zeitpunkt behauptet, sie sei eine Wissenschafterin und hat auch nicht den Anspruch, irgend etwas inhaltlich neues zur Klimadebatte beizutragen. Was sie fordert, ist, dass gehandelt wird. Nichts weiter. Und der Blog verwendet ganze Absätze darauf, die Glaubwürdigkeit von Greta Thunberg zu unterminieren, unter dem Vorwand einer Journalistenschelte und der Aufzählung der Fragen, die diese sie zu stellen vergessen haben. Es sind die Fragen eines paternalistischen Besserwissers, der keinen Moment hinhört, was diese Jugendliche zu sagen hat, aber ihre Lauterkeit, Motivation und Fähigkeit zu selbständigem Denken in Frage stellt. Was ist falsch daran, dass sie "bloss Botschafterin" ist? Und wenn sie ihre Angst nicht teilen und finden, es würde genügend für die Bewahrung der Lebensbedingungen der Menschheit getan, dann sagen sie das einfach. Der Blog tut, als ob er die Medien kritisiert, in Wirklichkeit ist Greta gemeint.

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