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Die Wiederauferstehung hat begonnen

Matthias Ackeret

Der Tod von Franz Beckenbauer gehört zu jenen Ereignissen, bei denen die Welt für einen kurzen Moment stillsteht. Obwohl in den Medien schon länger über den schlechten Gesundheitszustand des Kaisers spekuliert wurde, kam die Meldung seines Ablebens überraschend und zeigt, dass sogar Unsterbliche sterblich sind.

Vielleicht war es düstere Vorahnung, dass der Bayerische Rundfunk soeben eine aussergewöhnliche Doku mit dem Namen «Beckenbauer» produzierte, deren Ausstrahlung in der ARD schon des Längeren auf den Montagabend – pikanterweise kurz nach Bekanntgabe der Todesnachricht – angesetzt war.

Bemerkenswert war aber vor allem die mediale Berichterstattung. Als kurz nach fünf Uhr abends die Todesmeldung über das Internet verbreitet wurde, dauerte es nochmals eine Stunde, bis die deutschen TV-Sender Beckenbauers Tod vermeldeten. Es ist das Schweizer Fernsehen, das für sich in Anspruch nehmen kann, in seiner 18-Uhr-Tagesschau als eine der ersten deutschsprachigen Fernsehanstalten – wenn nicht die erste überhaupt – den traurigen Primeur verkündet zu haben.


Dies im Gegensatz zum Internet: Alle grossen Portale brachten sogleich Hintergrundgeschichten über den Kaiser und wetteiferten um die Poleposition in der Berichterstattung. Was zweierlei zeigt: Ist das Interesse an einer Story geweckt, will man alles und noch mehr darüber wissen, egal, ob es bereits bekannt ist oder nicht. Gemäss der Devise: «Hit the big story hard». Die mediale Berichterstattung wird für einen kurzen Moment zur kollektiven Trauerbewältigung.

Zweitens zeigt der Tod des Kaisers auch, dass das Internet das Fernsehen als Leitmedium definitiv abgelöst hat. Vor zehn Jahren war dies noch anders. Was aber besonders auffiel: Die ganze Beckenbauer-Berichterstattung war unterschwellig vor allem von schlechtem Gewissen geprägt. Waren es vor neun Jahren vor allem der Spiegel und später die Bild-Zeitung, die durch ihre – bis heute unbewiesenen – Vorwürfe, wonach die Fussball-Weltmeisterschaft von 2006 gekauft worden sei, Beckenbauers Ansehen stark ramponierten. Das «Sommermärchen» wurde medial zu einem Ganovenstück degradiert, mit Beckenbauer als Paten.

Angesichts der kollektiven Schockstarre kann man sich heute nicht mehr vorstellen, wie die damalige Berichterstattung den Verstorbenen zur Unperson, zum Verfemten, zum Kaiser ohne Kleider machte. Seine öffentliche Erscheinung war wegen der Vorwürfe angeschlagen, die Lichtgestalt hatte ihre Leuchtkraft verloren. Die Boulevardregel, wonach nach jedem Aufstieg der tiefe Fall kommt, zeigte sich bei diesem Beispiel besonders deutlich. «Das edle Bild vom Heiligen Franz ist endgültig zerstört», titelte die Welt vor acht Jahren gnadenlos. Doch gerade diese Schlagzeile taugt als Beweis, dass sogar der Begriff «endgültig» relativ ist. Die Wiederauferstehung hat begonnen.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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Kommentare

  • Hans Peter Riegel, 11.01.2024 16:46 Uhr
    Word, lieber Matthias.
  • Andreas Jäggi, 09.01.2024 22:18 Uhr
    Gute Analyse, Matthias. Gute Medienkritik ist leider selten geworden.
  • Daniel Haberthuer, 09.01.2024 21:01 Uhr
    Lieber Matthias, ein ausgezeichneter Kommentar zum Tode von Franz Beckenbauer. Es war höchste Zeit, die Dinge einmal beim Namen zu nennen.
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