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Eine gloriose Heuchelei

Stefan Millius

Damit wir uns richtig verstehen: Man kann sich mit Fug und Recht fragen, was eine Sendung wie «Glanz & Gloria» im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu suchen hat. Im Rahmen der Debatte über «No Billag» wurde das Format denn auch immer wieder konkret in Frage gestellt. Ganz im Sinn von: Und weshalb genau sollen wir für das bezahlen?

Aber «No Billag» ist Geschichte, SRF ist Realität, und «Glanz & Gloria» ist Teil davon. Die Sendung ist klar definiert als leichte Kost. Man schaut sie, weil man mehr über die Stars und Sternchen wissen möchte. Und zwar nicht in Bezug auf ihre inneren Werte.

Nun wurde in der Sendung das Äussere der beiden neuen Bundesrätinnen bewertet. Der Aufschrei war gross: Hier werden Frauen auf ihre Erscheinung reduziert (persoenlich.com berichtete). Aber bitte: Was denn sonst? Politische Formate liefern uns ja den Rest: Wer steht wofür in politischen Fragen, was bedeutet ihre Wahl für den Gesamtbundesrat und so weiter. «Glanz & Gloria» hingegen tut ganz einfach, was es tun muss: Das thematisieren, was man sieht, ohne eine Ahnung von den Zusammenhängen zu haben. Es ist gewissermassen niederschwellige Politikberichterstattung, erfassbar auch für Leute, die keine Zeitung in die Hand nehmen.

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass solche Stildebatten nur bei Frauen geführt werden, nicht bei Männern. Mit Verlaub, es wäre ziemlich langweilig, die Frage der äusseren Erscheinung auf Männer auszudehnen. Im Bundeshaus tragen fast alle Herren eine Uniform, und manchmal scheint es, als würden sie auch zum selben Coiffeur gehen. Ob in der Politik oder in der Geschäftswelt: Es sind die Frauen, die einen Farbtupfer beitragen können. Das ist nicht sexistisch, es ist die Realität. Wir haben leider keinen Joschka Fischer, der in Turnschuhen in den Bundestag latschte.

Karin Keller-Sutter wird von Akris eingekleidet, einer Textilmarke, die es sogar ins Weisse Haus geschafft hat. Wäre ihr die äussere Erscheinung egal, würde sie sich bei H&M bedienen. Mit anderen Worten: Sie legt Wert darauf, wie sie gesehen wird. Also kann man das auch thematisieren. Sicher gibt es auch Preisunterschiede bei den Männern, nur sind diese höchstens für das geschulte Auge erkennbar.

Man könnte, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, in einer der nächsten Ausgaben die Haarpracht von Alain Berset mit der von Ignazio Cassis vergleichen. Mit dem Resultat, dass der goldene Mittelweg bei Ueli Maurers Haarkranz liegt. Aber letztlich ist es einfach so: Der Stilvergleich zwischen Viola Amherd und Karin Keller-Sutter interessiert Männer und Frauen. Die Männer, weil sie sich meistens ganz grundsätzlich für Frauen interessieren, die Frauen, weil sie sich für den Stil anderer Frauen interessieren. Ein Mann im Stilfokus hingegen: Das will kaum jemand sehen. In diesem Sinn: Aufgabe und Quote erfüllt.



Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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