BLOG

Fast wie in Paris

Matthias Ackeret

Am vorletzten Montag, am Ende des Lockdowns, war ich in der Kronenhalle, dem Lokal der Altwerber und Altjournalisten. Es war wie immer; oder zumindest fast. Die Picassos, Miros und Hodlers hingen unverändert. Nur die Kellner trugen Schutzmasken und beim Eingang standen Desinfektionsflaschen. Die Tische waren so weit auseinander platziert, dass der Begriff Halle endlich Berechtigung hatte. Gelebtes Social Distancing.

Trotzdem: ein wunderschöner Moment. Die Erleichterung über die neue Normalität war greifbar. «Wie bei der Befreiung Paris», wagte ein Gast den pietätlosen Vergleich. Doch die Anwesenden nickten zustimmend. «Jetzt ist das Leben wieder zurück», sagte Schuhkönig Andy Jllien unter Chagalls Abendsonne.

Aber was hat sich während des Lockdowns wirklich verändert? Eigentlich nur wenig, obwohl das Leben fast sieben Wochen eingefroren war. Täglich streunte ich – geprägt von meinem früheren TeleZüri-VJ-Leben – durch die Stadt, auf der Suche nach Spektakulärem.

Nur der Hauptbahnhof versteckt sich neu hinter einem riesigen Baugerüst und auf dem Waldmann-Denkmal prangt ein Strichmännchen, unverkennbar ein Harald Naegeli. Ansonsten wenig Neues: nicht einmal die Parkbussenverteiler ruhten. Was zumindest beweist: Selbst ein Virus kann Zürichs Stadtpolizei nicht aufhalten. Was irgendwie tröstlich ist.

Auch die Kronenhalle tat sich schwer mit dem Lockdown. «Auf weiteres geschlossen», stand zu Beginn vor dem Lokal. Wenige Tage später war das Schild entfernt, wohl aus Scham. Eine Kronenhalle ist niemals geschlossen, selbst, wenn sie es ist. So wie Paris niemals untergeht. Manchmal haben geschichtliche Vergleiche ihre Berechtigung, sogar wenn sie quer sind. Der Gast mit dem geschmacklosen Paris-Vergleich war übrigens ich.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com. 

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Victor Brunner, 21.05.2020 09:08 Uhr
    Ich war am 12. Mai beim Italiener. Desinfektionsmittel war vorhanden Gästeliste leer obwohl Tische besetzt waren. Wie vor Corona hat sich der Kellner noch ausgiebig mit einem Kollegen unterhalten bevor er an den Tisch kam, zu uns herabblickte und begrüsste, die Speisekarte überreichte. Damit waren die "Machtverhältnisse" wieder deklariert. War ich froh dass der Virus nicht alles verändert hat! Italien ist halt doch stabiler als wir denken!

Die neuesten Blogs

27.05.2020 - Michael Kamm

Vier Tipps für die Marken-Wiederbelebung

Covid-19 wird den Konsum verändern. Dem wird sich auch die Kommunikation anpassen müssen.

Zum Seitenanfang20200601