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Nur ein kurzes «Aus» für Kanzler Kurz?

Marcus Knill

Bei der Titelrhetorik vor und nach dem Sturz von Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz wurde oft mit Worten gespielt: «Kurz vor dem Aus» («Unser Tirol 24»), «Kurz vor dem Sturz» («Neue Presse»), «KurzSchluss in Österreich («Blick», «10vor10»), «Sturz der Kurzregierung» («Stuttgarter Nachrichten»).

Dass Kurz für immer vom politischen Parkett vertrieben werden konnte, wäre zu kurz gedacht. Für den populären Politiker ist es bestimmt nicht endgültig Schluss. Denn das Volk entscheidet letztlich im September, ob dann dem beliebten Kanzler ein strahlendes Comeback wartet. Die Chance ist jedenfalls gross.

Weshalb könnte es Kurz in Kürze erneut schaffen?

Es ist zwar ein historisches Ereignis: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde noch nie in Österreich eine gewählte Regierung vom Parlament abgesetzt. Die Absetzung per Misstrauensvotum ist schon deshalb so aussergewöhnlich, weil die Volkspartei von Kanzler Sebastian Kurz vor dem Misstrauensvotum die EU-Wahlen deutlich gewonnen hatte.

Die beiden Verliererparteien – die sozialdemokratische SPÖ und rechtsnationale FPÖ – haben im Parlament zusammengespannt. Es kam zu einer unheiligen Allianz. Die beiden gegensätzlichen Parteien brachten es sogar fertig: Sie setzten nicht nur Kurz ab, sondern gleich die ganze Regierung.

Wenn zwei Wahlverlierer einen Wahlgewinner stürzen, ist oft Rache und Wut im Spiel. Die Rechtsnationalen (FPÖ) und die Sozialdemokraten (SPÖ) erwirkten aus unterschiedlichen Gründen der Eklat: Die Linke hatte Kurz nie verziehen, dass er die FPÖ in die Regierung gehievt und die Rechtsnationalen andererseits waren wütend, dass Kurz sie aus der Regierung geworfen hatte.

Die Parlamentsdebatte war zeitweise so gehässig, dass der giftige Ton viele Österreicher irritierte oder gar abstiess. Wer aber den Kanzler während der Schmutzkampagne beobachten konnte, stellte fest: Kurz ertrug Häme und Spott der Opposition mit stoischer Ruhe. Mit beherrschter Mine und wachem Blick. Sein Abgang war staatsmännisch.

Er war sich bewusst, dass er immer noch der mit Abstand beliebteste Politiker Österreichs ist. Seine Chancen sind durchaus intakt, nach den vorgezogenen Neuwahlen im September wieder ins Kanzleramt einziehen zu können. Bis nach den Wahlen im September eine neue Regierung steht, wird eine Übergangsregierung die Amtsgeschäfte führen.

Ich habe Sebastian Kurz vor der Wahl zum Kanzler eingehend analysiert und immer wieder festgestellt: Er ist medienrhetorisch sehr stark. Der Politstar, der mit nur 31 Jahren zum jüngsten Bundeskanzler aufgestiegen ist, verdankt seinen Erfolg vor allem seinen kommunikativen Stärken. Er verwendet oft positiv assoziierte Worte, die keinen Widerspruch hervorrufen, wie: «Mündige Bürger entscheiden frei», «Hausärzte sind für alle ein wichtiges Thema». Und er erzeugt gedankliche Bilder. Bilder, die nicht polarisieren. Er setzt Charme ein. Dies reduziert auch in der Alltagskommunikation jede aggressive Stimmung. Kurz diskutiert meist spielerisch, kokett, charmant. Er kennt die Kraft des guten Benehmens in einer Zeit des saloppen Umgangstones. Auf kritische Argumente reagiert er meist geschickt mit Zustimmung, Anerkennung, Umdeutung oder Relativierung. Zum Beispiel: «Sie sprechen ein wichtiges Problem an. Lassen Sie mich dazu noch einen Satz sagen.» Dann erzählt er eine Geschichte, die seinen Erfolg unterstreicht.

Fazit: Sebastian Kurz hat ein intuitives Gespür entwickelt, und er erkennt dadurch rasch, welches Verhalten einen positiven Gesprächsverlauf fördert. Kurz versteht es, die Massen mit seiner Ausstrahlung zu bewegen. Wir müssen deshalb weiter mit dem Politstar rechnen, denn seine Freundlichkeit ist nicht aufgesetzt.

Kurz überzeugt, weil er von dem, was er sagt, selbst überzeugt ist.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik und Autor der virtuellen Navigationsplattform für Kommunikation und Medien rhetorik.ch.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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