BLOG

Peinlich

Diego Yanez

Wie die SVP auf die Wahlschlappe im Kanton Zürich reagiert, ist kein Ausrutscher. Wer von der einst erfolgsverwöhnten Partei eine vernünftige Analyse erwartet hatte, muss sich vorkommen wie jemand, der an den Weihnachtsmann glaubt. Die Parteispitze, allen voran SVP-Präsident Albert Rösti, hat den Hauptschuldigen für das Debakel rasch gefunden: SRF.

In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» wird er deutlich: «…unser Staatsfernsehen hat aus dem Klimastreik eine nie da gewesene Propagandaschlacht gemacht.» In den letzten zwei Wochen habe es praktisch täglich Sendungen zum Thema gegeben.

Ja, warum wohl? Um die SVP zu schwächen? Welch ein Unsinn! Die Sorge um die Klimaerwärmung ist real. Sie beschäftigt die Menschen, die sich um die Zukunft des Planeten sorgen. Es ist Aufgabe der Medien, in diesem Fall auch von SRF, darüber zu berichten. So wie es deren Aufgabe ist, über den Brexit zu berichten – wenn es sein muss täglich. Und wie war es vor vier, fünf Jahren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise? Damals haben die Medien, auch SRF, intensiv darüber berichtet. Profitiert hat damals die SVP. Schon vergessen?

Dass die SVP auf ihre ewig gleichen Themen setzt und dabei die Augen vor den Herausforderungen der Klimaerwärmung verschliesst, ist der Fehler ihrer Parteistrategen. Aber eigene Fehler einzugestehen ist nicht die Stärke von Rösti und seinen Mitstreitern. Vielmehr wird das liebgewonnene Feindbild SRF wie eh und je gehegt und gepflegt.

Doch es bleibt nicht bei der Schimpftirade gegen das «Staatsfernsehen». Rösti droht unverhohlen: «Es scheint, als brauche es jetzt eine Initiative zur Halbierung der Rundfunkgebühren, um die SRG auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.» Welche Tatsachen? Wer definiert diese Tatsachen, etwa die SVP? Die einstige Gewinnerpartei scheint den Kontakt zum «Boden der Tatsachen» definitiv verloren zu haben.

Die Reaktionen der Parteispitze auf die Ohrfeige im Kanton Zürich zeugen vom Unvermögen, den Puls der Bevölkerung zu spüren. Ausgerechnet. War es doch der Instinkt für die Sorgen der Menschen, der die Partei grossgemacht hat. Was sie jetzt bietet ist peinlich.


*Diego Yanez ist Direktor der Journalistenschule MAZ. Er war Chefredaktor TV und Mitglied der Geschäftsleitung von Schweizer Radio und Fernsehen SRF.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Ueli Custer, 27.03.2019 08:55 Uhr
    "Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht." Eines der vielen alten Sprichwörter, die nie an Aktualität verlieren.
  • André Givel, 27.03.2019 10:32 Uhr
    Einen Albert Rösti darf man nicht ernst nehmen. Es ist höchste Zeit die SVP "auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen"!
  • Michel Aebischer, 27.03.2019 11:19 Uhr
    Da sind wir voll auf derselben Linie. Unsinn und abgehoben. Und der Fisch beginnt ja häufig am Kopf zu stinken... Wir haben keinen Fernseher und ich schaue mir im Internet nur Sendungen an, welche mich interessieren (meistens Sport, Politik oder selten Filme). Auch ohne SRF habe ich aus Prinzip und Überzeugung glp gewählt. Vielleicht gibt es ja im beschaulichen Hochdorf (LU) - und natürlich auch in anderen Teilen des Kantons - noch weitere Wähler, welche es mir gleich tun bei den Kantons- und Regierungsratswahlen... ;-)
  • Ruedi Estermann, 27.03.2019 13:21 Uhr
    Diego Yanez hat mir voll und ganz aus der Seele gesprochen. Das Verhalten der nach eigener Beurteilung "staatstragenden Partei" ist wirklich peinlich und zudem armselig. Einstecken hat diese Partei noch nicht gelernt.

Die neuesten Blogs

Zum Seitenanfang