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Schaffhausen-Pitch kostet die Agenturen eine halbe Million

Adrian Schaffner

200 Agenturen werden angefragt, ihre Ideen einzureichen, 57 machten mit und am Schluss durften drei präsentieren. So machte es Schaffhausen. Der Regierungsrat hatte gross anrühren wollen in seiner Imagekampagne zur Standort-Förderung. Das Resultat ist ein Scherbenhaufen. Dabei hat das Vorgehen in der Agenturauswahl ein Niveau erreicht, das nicht akzeptabel ist und mich wütend macht.

Um junge Familien aus dem Grossraum Zürich in die Munot-Region zu locken, hatte der Regierungsrat eine Werbekampagne ausgeschrieben und bereits ein Projekt ausgewählt: dasjenige der Zürcher Agentur Geyst. Doch er hatte die Rechnung ohne den Kantonsrat gemacht: Dieser will nichts wissen von einer Kampagne und trat am Montag nicht einmal auf das Geschäft ein.

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Die Tatsache, dass sich die Schaffhauser auf politischer Ebene nicht einig sind über Sinn und Zweck dieses Werbeauftrags, ist Ressourcenvernichtung im grossen Stil: viel Geld und kreative Ideen gehen einfach so verloren. Unsere Agentur evoq hat ebenfalls an diesem Auswahlverfahren teilgenommen, wir sind dabei unter den ersten zwölf gelandet. Darum kann ich das Ausmass überschlagsmässig vorrechnen:

200 Agenturen, haben sich je eine Stunde Gedanken über eine Teilnahme gemacht

57 Agenturen haben je eine Woche in die umfangreiche Teilnahme gesteckt und ein Konzept eingereicht

3 Agenturen haben je einen Monat am Pitch gearbeitet …

… und eine Agentur hat seit dem Gewinn der Ausschreibung eine komplette Kampagne ausgearbeitet.


Das ergibt in meiner Rechnung einen geschätzten Aufwand auf Agenturseite von total 3500 Stunden. Bei einem durchschnittlichen Stundenansatz von 150 Franken hat die Schweizer Agenturszene also 525'000 Franken in den Kanton Schaffhausen investiert, aber dabei ist nichts herausgekommen.

Es ist höchste Zeit, dass sich Auftraggeber – gerade die öffentliche Hand – Gedanken über ihre Anfragen machen und sich bewusst werden, welchen Aufwand sie damit verursachen. Bezahlen tun das am Ende des Tages die bestehenden Kunden, die sich dann wieder über die hohen Ansätze der Agenturen beklagen ...

 


Adrian Schaffner ist Geschäftsleiter und Partner der Agentur evoq Communications in Zürich

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Mark Becher, 09.03.2019 13:17 Uhr
    Endlich sagt es mal wieder wer öffentlich. Die ganze Pitcherei ist ein riesiger Aufwand, eine riesige Gratismaschinerie die es mal zu stoppen gilt. Da wir uns aber schon unter den Agenturen nicht einig sind, wird sich wohl aber auch nichts ändern...
  • Priska Ziegler, 11.03.2019 07:43 Uhr
    Lieber Herr Schaffner. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Endlich mal wieder jemand aus der Branche, der darauf hinweist, welche Gratisarbeiten wir bei Pitches leisten.
  • Martin Künzi, 11.03.2019 07:58 Uhr
    Es ist unsere Entscheidung, ob wir bei unbezahlten Pitches mitmachen oder nicht. Solange es Agenturen gibt, die sich zu unbezahlter Arbeit motivieren lassen, wird sich das leider nicht ändern.
  • Gilles Bachmann, 11.03.2019 08:56 Uhr
    Wütend sein über gratis Pitches und gleichzeitig mitmachen? Seltsame Kombination. Irgendwie.
  • Werner Schneider, 11.03.2019 11:18 Uhr
    Der Fa. Generis AG, Schaffhausen, die die Ausschreibung durchführte, kann tatsächlich der Vorwurf der Unprofessionalität gemacht werden. Sie hat es sich sehr einfach gemacht, massenhaft Agenturen anzuschreiben, statt selber (oder mit Hilfe der Werbeagenturverbände) gezielt nur einige Agenturen auszuwählen und dann nur diese anzufragen. Wer einen Pitch durchführen muss, sollte die Werbeszene kennen. Und den teilnehmenden Agenturen kann der Vorwurf einer gewissen Blauäugigkeit gemacht werden. Spätestens nach Erhalt der Offertanfrage hätten sie sich bei Generis AG über die Anzahl angefragter Agenturen erkundigen können. Bei einem Pitch mit mehr als 5 Agenturen ist die Aufwand/Erfolgschancen-Relation eh ungünstig. Die ganze Übung zudem kein Imagegewinn für den Kanton.
  • Emil Annen, 12.03.2019 15:14 Uhr
    Lieber Adrian, Deinen Frust begreife ich sehr. In der ganzen Sache gibt es noch einen wichtigen Punkt: Die Agentur muss zum Auftraggeber passen und der Auftraggeber zur Agentur. Die Vorstellung, dass die Agentur mit der "besten Idee" schon zum Auftraggeber passen wird, ist einfach falsch und kostet in vielen Fällen noch weiteres Geld, diesmal aber beim Auftraggeber.
  • Beat Toniolo, 15.03.2019 12:39 Uhr
    Leserbrief zur verloren Imagekampagne - DAS GESICHT FÜR SCHAFFHAUSEN / Beat Toniolo, Zeitz&Schaffhausen Am Schluss sind alle Verlierer: Der Kanton Schaffhausen, die Zürcher Werbeagentur, „wie gewonnen, so zerronnen“ (kommen daher noch Entschädigungsforderungen auf den Kanton zu?), die ca. 200 Beteiligten und ca. 57 eingereichten Vorschläge, die insgesamt ca. 3500 Stunden (so die Schätzung von Adrian Schaffner, Agentur evoq Communications in Zürich im Magazin PERSÖNLICH) in die Präsentationen investiert haben, die Schaffhauser Politiker, welche sich einer Zusage „geweigert“ haben, CHF 1,25 Mio. für die kommenden 5 Jahre in diese „Imagekampagne“ zu investieren (hier zurecht), und die Schaffhauserinnen und Schaffhauser selber, welche nun wieder einmal auf der anderen Seite des Rheins für die konservative Haltung belächelt werden (hier unzurecht): es isch halt „blos ä chlini Stadt...“ Und wenn dann noch ein Schaffhauser SP-Politiker in den Medien verkündet: «Unser Kanton hat kein Imageproblem, er hat leider gar kein Image.», dann guät Nacht am Sechsi: der Reinfall im „chlinä Paradies“. Kurzum: Ich bin kein Fan von teuren wie oberflächlichen „Imagekampagnen“, die mit losen und tlw. nichtssagenden Werbesprüchen, Sujets sowie künstlich lachenden Gesichtern von den Glanzplakten das „blaue Paradies vom Himmel“ versprechen. Ich bin kein Fan von politisch konservativ, eher uninspirierten und unvisionären Köpfen, deren Abstimmungen mit Knopfdruck, welche dem einen „einfach“ passen, dem anderen „einfach“ nicht: Gut gemeinte Ideen „einfach“ am grünen Tisch abschmettern, ohne eine bessere Lösung zu präsentieren. Aber: Ich bin ein Fan von Schaffhauser Persönlichkeiten mit Rückgrat und Courage - in der kreativen wie auch Sportler Szene - welche DAS GESICHT FÜR SCHAFFHAUSEN sind, wären. Leider haben aber dies einige SH-Vertreter immer noch nicht „getschäggt“, im Paradies verschlafen, das Geld gerade dorthin zu investieren, welche seit Jahren, Jahrzenten, aktiv, kreativ und visionär für und in Schaffhausen schaffen. Denn gerade diese „Szene“ hört immer wieder, dass das Geld fehle, man müsse sparen. Es würde allen gut tun, wenn dann unser zuständiger RR sagen könnte: «Ich wünsche mir eine breite Diskussion und Unterstützung für diese kreative Schaffhauser Szene...» - statt teure Kampagnen zu lancieren, daher: zuerst „einfach mehr nachdenken“, dann handeln. Wir brauchen keine Imagekampagne, wir haben das Image mit den (kreativen) Charakterköpfen – mit denen sollte man „werben“: module+ Bilderkampagne für ROOST Optik lässt grüssen - einfach, aber effektiv gut, chapeau!
  • Thomas Krebs, 18.03.2019 12:56 Uhr
    Alles richtig, was gesagt wird. Ebenso schlimm ist aber auch, dass es viele Agenturen gibt, die sich auf solche Spiele einlassen. Wir haben aufgrund des Briefings eine einzige Frage gestellt. Diese blieb unbeantwortet. Darum haben wir das Dossier entsorgt....

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