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Warum wir erzählen müssen – auch auf Social Media

Gerade zum Jahresanfang ist es wichtig, die richtigen Worte zu finden. Sei es, um Glück zu wünschen, Mut zu machen oder Zuversicht zu verbreiten. Etwas, das mir heuer schwerfällt. Dennoch habe ich etwas aus diesen ersten Tagen im Jahr 2026 gelernt.

Crans-Montana hat innert Sekunden nicht nur das Leben vieler Menschen, sondern das eines ganzen Dorfes, eines ganzen Landes, verändert. Tragödien dieser Dimension kannte man bisher vor allem aus dem Ausland, nicht aber aus der vermeintlich perfekt funktionierenden Schweiz.

Die Welt bekam Bilder und Videos zu sehen, die eher an einen schlechten Traum erinnerten als an die Bergdorfidylle von Schweizer Postkarten. Spannend und zugleich herausfordernd war zu beobachten, wie diese Tragödie von Medienhäusern auf sozialen Netzwerken verbreitet wurde. Neben Falschmeldungen und Spekulationen war es gerade dort entscheidend, den Vorfall korrekt, sorgfältig und verantwortungsvoll einzuordnen.

Wie erzählt man in einer solchen Situation richtig? Wo endet Information, wo beginnt Pietätlosigkeit? War es richtig, junge Menschen nach ihren Erlebnissen zu fragen? Trauernde Familien zu zeigen? An Beerdigungen präsent zu sein? Oder ist das bereits Sensationssuche?

Ich finde: Es war richtig und wichtig. Diese Stimmen müssen gehört werden. Ihre Geschichten müssen erzählt werden, um falscher Meinungsbildung über die Geschehnisse, über die Opfer oder die Schwerverletzten entgegenzuwirken. Das gilt nicht nur für Artikel, TV- oder Radiobeiträge, sondern ebenso für Inhalte auf Social Media.

Gerade auf diesen Plattformen haben sich viele Menschen informiert, aktiv nach Vermissten gesucht und Hilfe organisiert. Gleichzeitig waren gerade junge Nutzer:innen mit drastischem Bild- und Videomaterial konfrontiert. Umso wichtiger war hier journalistische Einordnung.

Crans-Montana hat gezeigt, dass Informationsarbeit auch für eine jüngere Bevölkerung notwendig ist. Auch sie wollen verstehen, was geschehen ist und was sie gesehen haben. Man muss sie dort erreichen, wo sie Nachrichten konsumieren: auf Social Media. Wenn Medienhäuser diese Aufgabe nicht übernehmen, Fakten prüfen und Falschmeldungen widerlegen: Wer tut es dann?

Wir dürfen bei unserem täglichen Tun nicht vergessen, wie wichtig unsere Arbeit gerade auch auf diesen Kanälen ist. Mittlerweile informieren sich rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung über Social Media. Es ist ihre primäre Nachrichtenquelle. Medienhäuser müssen Präsenz zeigen. Dasselbe gilt für uns Journalist:innen: aufklären. Fakten prüfen. Einordnen. Orientierung geben.

Deshalb gehört der Journalismus auch auf Social Media. Wenn wir diese Kanäle aktiv gestalten, statt sie zu meiden, stärken wir nicht nur die Qualität der öffentlichen Debatte – sondern auch die Rolle unseres Berufs in der Gesellschaft.



Alexandra Pavlović ist Co-Präsidentin des Vereins Qualität im Journalismus (QuaJou) sowie Online-Tagesleiterin und Head of Social Media bei CH Media. Dieser Beitrag ist zuerst im monatlichen QuaJou-Newsletter erschienen.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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