BLOG

Babymilchpulver-Affäre: Wenn die «Swissness» wankt

Der Rückruf von Babymilchpulver bringt Nestlé aktuell in Bedrängnis. Bei einem so sensiblen Produkt ist die Fallhöhe besonders hoch. Es geht um ein Produkt, das Eltern nicht selbst konsumieren und bewerten, sondern dem sie vertrauen müssen. Reputationsschäden sind die brutalste Währungskrise einer Marke – plötzlich glaubt dir niemand mehr, auch wenn du noch so laut «Qualität» rufst. 

Ein schlechter Ruf ist nicht nur ein Image-Kratzer, er ist ein Abschlag auf Umsatz, Marge und Zukunft. Bei Reputationsschäden geht es selten um «hat mir nicht geschmeckt». Es geht um Grundprinzipien und positive Vorurteile, die sich Unternehmen über Jahre verdienen mussten: Qualität, Sicherheit, Integrität, Fairness. Wenn diese brechen, kippt die Wahrnehmung von einem einzelnen «Fehler» zu «System» – und Systemzweifel bleiben sehr lange haften.

Schweizer Beispiele gibt es genug: Kinderarbeit-Debatten in Kakao-Lieferketten, Crédit Suisse – nicht wegen eines einzelnen Deals, sondern weil viele es als Kulturproblem gelesen haben. FIFA in Zürich hat gezeigt, wie schnell ein Standort in eine Story hineingezogen wird. Und bei Nestlé schmerzt es besonders, weil das Milchpulver bereits 1866 als bahnbrechende Erfindung entwickelt wurde, um die Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen. Es ist also historisch aus dem Versprechen entstanden, Babys zu schützen. Ein sehr hohes Gut, das nun leichtfertig gefährdet wurde.

Warum verbreitet sich Negatives so schnell? Weil es psychologisch als Warnsignal funktioniert. Menschen teilen negative Erfahrungen häufiger und weiter (Word-of-Mouth-Asymmetrie), vor allem wenn Schutzmotive mitschwingen, dass man Eltern warnen muss. Dazu kommt, dass in unserer Hochglanzwelt Negatives oft glaubwürdiger wirkt als das nächste Kampagnenversprechen. Emotion, Ärger, Angst und Empörung zünden dann den Turbo der Viralität.

Die Folgen sieht man an harten Kennzahlen:

- Umsatz und Marge: Abwanderung, weniger Erstkäufer, schlechtere Conversions, geringere Preise, längere Entscheidungswege

- Risikoabschlag am Kapitalmarkt: Investoren, Banker, Versicherer preisen eine «Reputation Penalty» (zusätzliche Wertabschläge) ein

- Arbeitgeberattraktivität: Mitarbeitermotivation sinkt, Recruiting wird zäher, Fluktuation steigt

Die Frage, die sich Betroffene reflexartig stellen: «Wie lange bleibt das in Erinnerung?» Die Schlagzeilen verfliegen oft nach Wochen. Der Makel «denen traue ich nicht», bleibt bis zur nächsten Kaufentscheidung, oft aber auch jahrelang – vor allem bei Ethik- und Sicherheitsbrüchen.

Einen Reputationsschaden zu beheben, ist langwierig und anstrengend. Es braucht nicht Worte, sondern Beweise: radikale Transparenz, belastbare Prüfsysteme (Traceability, Audits, klare Lieferantenregeln) und sichtbare Konsequenzen im Unternehmen. Reputation ist Unternehmensführung und kein Projekt, das in die Kommunikationsabteilung delegiert werden kann.


Tabea Höllger ist FMCG-Markenexpertin und Partnerin bei der Unternehmensberatung BrandTrust.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen